Rezension über:

Hans-Wolfgang Bergerhausen: Köln in einem eisernen Zeitalter. 1610-1686 (= Geschichte der Stadt Köln; Bd. 6), Köln: Greven-Verlag 2010, XIII + 458 S., 121 Farb- und s/w-Abb., ISBN 978-3-7743-0448-2, EUR 60,00
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Rezension von:
Jochen Hermel
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Jochen Hermel: Rezension von: Hans-Wolfgang Bergerhausen: Köln in einem eisernen Zeitalter. 1610-1686, Köln: Greven-Verlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/07/19200.html


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Hans-Wolfgang Bergerhausen: Köln in einem eisernen Zeitalter

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Das 17. Jahrhundert gilt für die Reichsstadt Köln als eine Zeit des Niedergangs und wurde von der Geschichtswissenschaft bisher deutlich gegenüber anderen Epochen vernachlässigt. Mit dem 6. Band der Reihe "Geschichte der Stadt Köln" hat Hans-Wolfgang Bergerhausen erstmals eine Überblicksdarstellung für dieses Jahrhundert in Angriff genommen, die über 1648 hinaus geht.

"Köln in einem eisernen Zeitalter" behandelt die Zeit von 1610 bis 1686. Damit bilden die beiden innenpolitisch markantesten Ereignisse dieses Jahrhunderts, die Unruhen von 1608-1610 und der so genannte Gülich-Aufstand von 1680-1686, den Rahmen für diese Darstellung. Erstmalig wurde der Dreißigjährige Krieg zusammen mit der für die Stadt ebenso bedeutenden Nachkriegszeit bearbeitet.

Bergerhausen bietet zu Beginn mit dem Kapitel "Grundtendenzen der Zeit" einen leichten Einstieg in das Köln des 17. Jahrhunderts, der um Karten aus historischen und modernen Atlanten sowie den Abdruck einer Karte des Erzbistums Köln von 1600 ergänzt wird. In Kapitel 2 ("Weichenstellungen") betrachtet Bergerhausen die Unruhen von 1608 bis 1610 aus konfessionspolitischer Sicht und wechselt dann rasch zur Außenpolitik Kölns, wobei er auf die Beziehungen Kölns zu anderen Reichsstädten, zur Hanse und zum Kaiser eingeht. Das für die konfessionelle Ausrichtung der Stadt entscheidende Ringen um den Ausbau der Stadt Mühlheim im Zuge des Jülich-Klevischen Erbfolgestreits wird detailliert aus außenpolitischer Sicht behandelt, die Darstellung der innenpolitischen Veränderungen beschränkt sich auf eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes zum Bürgerrecht der Reichsstadt. Daran schließt das 3. Kapitel zur Situation Kölns im Dreißigjährigen Krieg an. Auf etwa 100 Seiten breitet Bergerhausen die Außenpolitik Kölns während des Krieges aus. Dabei gelingt es ihm, die vielen komplexen strategischen Überlegungen der Stadt eingängig darzustellen. Gerade durch die Schilderung der erfolglosen Bemühungen der Stadt werden die Möglichkeiten und Grenzen der Einflussnahme in die Reichspolitik sichtbar und auf den ersten Blick widersprüchlich wirkende Vorgänge verständlich. Dieser Abschnitt endet mit den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden.

Bergerhausen unterbricht hier den bislang chronologischen Ablauf und greift einzelne Themen heraus: Kapitel 4 ("Kirchen und religiöses Leben") behandelt die Konfessionalisierung in Köln und die katholische Reform in der Stadt. Es wird um "Die heimlichen evangelischen Gemeinden", "Die Juden" und "Hexenverfolgungen" ergänzt. Die Stellung der Kölner Universität und die Entwicklung des Schulwesens sind unter "Bildung und Kultur" (Kapitel 5) zu finden. Daneben wird ein Einblick in die Kunst und Architektur gegeben, ergänzt um einige Skizzen zu den baulichen Strukturen der Stadt. Kapitel 6 trägt die Überschrift "Wirtschaft und Soziales". Hier listet Bergerhausen die bisherigen Bemühungen der Forschung auf, die Bevölkerungszahl und -entwicklung Kölns zu quantifizieren. Anschließend geht er auf die Vermögensstruktur und Stadttopographie im 17. Jahrhundert ein.

Unter "Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen" fasst er die Entwicklung der Handelswege und die der Rheinzölle zusammen und führt damit zum letzten Unterkapitel "Die Kölner Wirtschaft in der Krise" in den 1660er Jahren. Unter dem kurzen Kapitel 7 ("Rat und Bürgerschaft") verbergen sich die Grundzüge der Verfassungsentwicklung bis zum Gülich-Aufstand, die in den vorangegangenen Kapiteln bereits angesprochen wurden und nun strukturbezogen dargestellt werden. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts kamen etliche innenpolitische Entwicklungen zu einem vorläufigen Abschluss, wie die zunehmende Professionalisierung und die Wandlung des Selbstverständnisses des Rates sowie das Verhältnis zur Kölner Bürgerschaft. Dieses Kapitel fasst kurz den Forschungsstand zu diesem Themenkomplex zusammen.

Mit dem 8. Kapitel kehrt Bergerhausen zur zeitlichen Folge zurück und beschreibt die Entwicklung der Stadt nach dem Westfälischen Frieden. Der gewählte Titel "Die Verteidigung der städtischen Freiheit" greift eigentlich zu kurz, denn Bergerhausen setzt die detailreiche Beschreibung der Außenpolitik Kölns fort. Kölns zunehmende Ohnmacht, seine Interessen im Reich durchzusetzen, besonders die konfessionspolitische Umsetzung der Bestimmungen des Westfälischen Friedens und der ab den 1650er Jahren wieder verstärkt aufflammende Dauerkonflikt mit dem Erzbischof setzten der Stadt zu, um nur einige der diskutierten Problemfelder zu nennen. Das 9. Kapitel ("Der Gülich-Aufstand 1680-1686") wirkt trotz zahlreicher Bezugnahmen etwas angehängt. Bergerhausen ergänzt darin im Wesentlichen die Vorarbeit von Bernd Dreher um außenpolitische Details. Nach dem letzten Kapitel mit einer kurzen "Bilanz" folgt der Anhang mit einem Glossar, das die wichtigsten Fachausdrücke erläutert, einer Übersicht über Währungs- und Maßeinheiten, einem Abkürzungsverzeichnis und die Bibliographie. Wie in der Reihe üblich schließt ein Register nach den Anmerkungen den insgesamt 457 Seiten starken Band ab.

Bergerhausens Arbeit ist für die Erforschung der Kölner Stadtgeschichte aus mehreren Gründen wichtig: Zum einen wird die bisher einzige Überblicksdarstellung des 17. Jahrhunderts von Leonard Ennen (1880), die mit dem Westfälischen Frieden endet, um die Zeit des wirtschaftlichen Abstiegs und den Bedeutungsverlust nach dem Dreißigjährigen Krieg erweitert und - längst überfällig - auf den aktuellen Forschungsstand gebracht. Zum anderen werden die zahlreichen Beiträge zu Einzelaspekten der Geschichte Kölns im 17. Jahrhundert zusammengeführt, so dass dieser Band für zukünftige Forschungen ein verlässlicher Bezugspunkt ist.

Durch die starke Betonung der Außenpolitik Kölns werden viele innenpolitische und gesellschaftliche Aspekte (etwa zur Bevölkerungsstruktur oder zum Gaffelwesen) nur kurz angesprochen. Dies ist nicht nur dem fehlenden Quellenmaterial geschuldet; viele Aspekte der Geschichte Kölns im 17. Jahrhundert sind von der Forschung bisher ignoriert worden. Der an vielen Stellen des Werkes anzutreffende Detailreichtum deutet aber an, wie viel Stoff hier noch aufzuarbeiten ist. So wird diese Arbeit Impulse für die weitere Erforschung der Kölner Stadtgeschichte geben können.

Das Buch gibt einen tiefen und fundierten Einblick in die Stadt Köln im 17. Jahrhundert, vor allem im Bezug auf ihre (schwindende) Stellung in der Reichspolitik. Auch wenn die dichte und flüssige Darstellung der ersten Hälfte des Buches nicht bis zum Schluss durchgehalten werden kann, zeigt die differenzierte Betrachtung, wie lange die Stadt ihre Position während des Dreißigjährigen Krieges halten konnte, bis sie erst im letzten Drittel des Jahrhunderts in eine tiefe Krise stürzte. Diese vielschichtige, dynamische und für Köln entscheidende Epoche einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen, ist eines der Verdienste dieser Arbeit. Darüber hinaus ist die hochwertige und schöne Gestaltung des Bandes zu erwähnen.

Hans-Wolfgang Bergerhausens "Köln in einem eisernen Zeitalter" ist ein gut lesbares und detailreiches Überblickswerk über Köln im 17. Jahrhundert und bietet für zukünftige Arbeiten zur Geschichte Kölns einen wichtigen Rahmen, vor allem in Bezug auf die Reichs- bzw. Außenpolitik.

Jochen Hermel