Rezension über:

Brigitte Volk-Knüttel: Peter Candid (um 1548-1628). Gemälde - Zeichnungen - Druckgraphik (= Denkmäler Deutscher Kunst), Berlin: Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft 2010, 486 S., ISBN 978-3-87157-229-6, EUR 89,00
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Rezension von:
Jürgen Zimmer
Falkensee
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Zimmer: Rezension von: Brigitte Volk-Knüttel: Peter Candid (um 1548-1628). Gemälde - Zeichnungen - Druckgraphik, Berlin: Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/07/18977.html


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Brigitte Volk-Knüttel: Peter Candid (um 1548-1628)

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Die Versuchung ist groß, zu glauben, was mitunter behauptet wird: Die heutige (?) kunsthistorische "Forschungsliteratur" scheue "noch immer den 'Biografismus' wie [der Teufel] das Weihwasser". [1] Besonders angesichts neuer Elfenbeintürme, in die sich die Kunstwissenschaft auf der Jagd nach Exzellenz mit findigen Konferenzthemen zu begeben scheint und dabei kaum noch Interesse an den älteren Werken selbst, den Bedingungen ihrer Entstehung, ihrem wirklichen Sinn und damit auch ihren Produzenten (Schöpfern) zeigt. Deren Werke scheinen dabei oft beliebig verfügbar. Andererseits stehen monografische Ausstellungen einzelner, selbst von der "Allgemeinheit" bis jetzt kaum wahrgenommener Künstler hoch im Kurs [2] und Weihwasser ist der Name eines Kunstproduzenten allemal, wenn es um den Marktwert seiner (oft vermeintlichen) Erzeugnisse geht. Auch Tagungen befassen sich noch mit der Künstlerbiografie [3], die als wichtigster Ursprung und ständiger Bezugspunkt kunsthistorischer Grundlagenforschung neuerdings wohl doch zunehmender Geringschätzung erliegt; ein deutlicheres Zeichen dafür als das Ende (?) des Allgemeinen Künstlerlexikons (AKL) [4] kurz vor dessen Halbzeit kann es kaum geben. Nicht "Biografismus" ist jedoch wichtig, sondern weiterhin die historisch-kritische Künstlerbiografie, ihre Einbindung in das historische, soziale und geistesgeschichtliche Umfeld und die kritische Sichtung der daraus hervorgegangenen Werke.

In diese zwiespältige Szene tritt - wie aus der Welt gefallen [5] - die Dokumentation des Werks von Pieter de Witte aus Brügge, in Bayern bekannt als Peter Candid, des langjährigen Hofmalers der Herzöge von Bayern, dem heute kaum noch ein breiteres Publikumsinteresse begegnet. Dennoch hat man sich am ungewöhnlichen Ausstellungsort Volterra schon 2009 an diesen Maler erinnert. [6] Brigitte Volk-Knüttel hat nun, unspektakulär und ohne Medienassistenz, die Summe ihrer lebenslangen Forschungen zum Werk dieses Malers in einem monumentalen Band der 'Denkmäler deutscher Kunst' des offensichtlich wieder erstarkten, verdienstvollen Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft vorgelegt. Eine Summe ist es insofern, als die Erkenntnisse aus schon früher behandelten Werkkomplexen hier zusammengeflossen sind. Ein derartig umfassendes Unternehmen ist in der Regel Privatsache, die viel Zeit, materiellen Einsatz und genügend Enthusiasmus voraussetzt. Das aufwändig produzierte Buch umfasst nur diejenigen Werke Candids, die in zwei älteren Publikationen der Autorin nicht behandelt wurden. [7] Wenn man jetzt also (fast) alles über Candid wissen will, wird man mit zwei teuren, großen und schweren Bänden und einem kleineren auskommen. Candid ist nun so gründlich, umsichtig, akkurat und kenntnisreich "aufgearbeitet" wie kaum ein anderer deutscher (?) Maler der Zeit um 1600.

Das Werk umfasst einen Text- (9-103) und einen Katalogteil (116-390), ein schmaler Dokumentanhang (105-110) und ein Verzeichnis der Mitarbeiter und Schüler (111-114) sind eingefügt, die 64 Farbtafeln sind vor Literaturverzeichnis und Register zusammengefasst. Der Text berücksichtig die Hauptwirkungsstätten und -gebiete des Künstlers, die Forschungslage, Biografie, Ausbildung, seinen Werdegang usf., beschäftigt sich auch mit der Bewertung von Candids Kunst. Zunächst ist man erstaunt, nur 14 Schriftdokumente zusammengestellt zu finden, viele weitere sind aber in den Anmerkungen zu den Texten verborgen. Der Katalog unterscheidet Gemälde (51 + 50 verschollene), Zeichnungen (117 + 10 Nachträge zu den Wandteppichen) und Druckgrafik (41 Blätter nach Candids Entwürfen). Jeder einzelne Katalogeintrag ist so genau wie irgend möglich mit Auftraggebern, Provenienzen, Wiederholungen oder Kopien, für die häufig die mehrdeutige Bezeichnung Replik gebraucht wird, oft sogar technischem Befund versehen. Da kaum Zuschreibungsfragen diskutiert werden, auch keine Liste abgelehnter Zuschreibungen enthalten ist, präsentiert sich der Katalog als Resultat umfassender Forschung, Überlegung und Kennerschaft. Ein benutzerfreundlicher Anhang zum Katalog verknüpft den Inhalt des Buches mit den früheren Publikationen der Autorin zum Thema.

Alles ist so umsichtig und umfassend recherchiert wie man es nur wünschen kann und in wissenschaftlich-kritischer Perspektive dargestellt. Besondere Aufmerksamkeit gilt der florentinischen Malerei zur Zeit der Ausbildung Candids, später wird dessen Malerei mit dem künstlerischen Umfeld am Münchner Hof in Beziehung gesetzt. Auch Wertungen unterliegen dieser vielleicht zu eng fokussierten Sicht. Nur ganz selten lässt eine Bemerkung erkennen, etwa, dass die Autorin sich mit dem Maximilianeischen Milieu Candids identifiziert, wenn sie ihre Abneigung gegen einen "Beigeschmack" der gleichzeitigen rudolfinischen Kunst in Prag artikuliert (157). Zu diesem Kunstkreis gibt es anscheinend auch kaum Verbindungen im Werk Candids, es sei denn über Hans von Aachens Malstil zu der Zeit, als Aachen noch in München tätig war. Eine halbfigurige Verkündigung in der Prager Nationalgalerie, stets für eine Arbeit Hans von Aachens gehalten, gilt dort jetzt als Kopie eines unbekannten Malers nach Peter Candid; das Buch Volk-Knüttels enthält zu solchem Mikroproblem keine Aufklärung.

Candid war ein hochbegabter Maler mit einer für seine Zeit bemerkenswerten, beständigen Karriere. Die Rätsel seiner Kunst, sollte es solche geben, sind lösbar, seine Mittel dazu sind systemimmanent erklärt (102f.). Nicht als Glaubensflüchtling, sondern als Kind eines in Florenz als Tapissier begehrten Vaters aus den (südlichen) Niederlanden ausgewandert, hat er schon in der Toscana und dann vor allem im Bayern der Herzöge Wilhelm V. und Maximilian I. Erfolg gehabt. Erst das Alter zwang ihn, 1626 seine Werkstatt zu schließen. Er hat das, bis auf eine Ausnahme, die kaum besondere Begabung für dieses Genre erkennen lässt (Kat. G 29), nur mit religiösen Bildern und solchen die Geschichte und den Ruhm Wittelsbachs verherrlichenden Historien und Allegorien erreicht. Insofern ist sein Werk ein ungetrübter Spiegel der Ambitionen dieser Herrscher mithilfe der (katholischen) Religion. Seine öffentlichen Gemälde dienten auf hohem Niveau der Belehrung und Erbauung des bayerischen Volkes; die diesem nicht zugänglichen der Selbstbestätigung von dessen Herrschern. Eigene Vorlieben des Malers sind an seinem Werk kaum zu erkennen. 1596 musste Candid den Hofdienst wegen dessen finanzieller Probleme verlassen, wollte deshalb sein Haus in München verkaufen und wieder nach Italien gehen. Ob er das aber tat, ist ungewiss, denn er war anscheinend weiter in München tätig und hat 1602 erfolgreich um Wiederaufnahme in den Hofdienst gebeten. Er wurde dann zum "Chefdesigner" der vom Hof gegründeten Manufaktur für Bildtapisserien.

Vielleicht mögliche Beanstandungen sind marginal: Die Visione di San Pietro in Florenz, Santissima Annunziata, cappella di San Luca [8] ist nicht in den Katalog aufgenommen, wohl aber nicht ganz grundlos zugeschrieben, das erhaltene Freskogemälde von der Autorin aber als Werk Candids offenbar abgelehnt. Im Buch ist es nur in der Chronologie (457) 1569 als erste Erwähnung Candids in Florenz und (16) als sein frühestes Gemälde erwähnt. Anders das Bildnis Giambologna [9], bei dem die Autorschaft Candids (18, Anm. 36) zurückgewiesen wird, ob zugunsten des vorgeschlagenen Passarotti, bleibt aber fraglich. Solche "Mängel" können den Wert des Werkes aber nicht im Geringsten schmälern und es ist sehr zu hoffen, dass auch die moderne Kunst- und Bildwissenschaft noch davon profitieren wird.

Da der Œuvre-Katalog eines älteren Künstlers immer nur die Momentaufnahme am Ende eines Forschungsprozesses ist, kann man nicht erwarten, jetzt sei alles zu Candid festgestellt und beschrieben: Am 26. Januar 2011 wurde in New York eine Candid zugeschriebene "Verkündigung an Maria" versteigert, die nun noch zu prüfen wäre. Die Forschung auf diesem nun intensiv beackerten Feld kann also weitergehen.

Schließlich fragt man sich, was das Werk eines in Brügge geborenen, in Florenz sozialisierten und im katholischen Bayern erfolgreichen Malers zu einem 'Denkmal Deutscher Kunst' macht. Ist es ein neben der Europäisierung einherschleichender neuer Nationalismus, nur, unbedacht, der alte anmaßende oder ein gegenwärtiger Correctness entsprechendes Exempel gelungener Integration?


Anmerkungen:

[1] Florian Illies, in: DIE ZEIT 32 (05.08.2010), 43.

[2] Z.B. Hans von Aachen in Aachen, Prag und Wien, Gabriel Metsu in Amsterdam, Bronzino in Florenz und New York, Lorenzo Lotto in Rom, Konrad Witz in Basel usf.

[3] "Die Biographie Mode und Universalie", Basel 09.-11.12.2010, dazu Kunstchronik 44 (2011), 131-134; "Der Künstler", Frankfurt a. M., 16.-20.05.2011.

[4] Brita Sachs in FAZ und Ira Mazzoni in SZ (11.02.2011). Die Redaktion in Leipzig wurde im Juni 2011 geschlossen.

[5] Dies auch, weil eine nicht reiche Einzelperson, die so etwas unternehmen wollte, schon an den Kosten für die Fotobeschaffung scheitern müsste, weil sie nur für die 321 Schwarz-Weiß-Abbildungen, ohne die unzähligen, für die Forschung notwendigen Bilder aus aller Welt und Studienaufenthalte, schon 25.000 bis 45.000 € aufzuwenden hätte, gemessen an den aktuellen Kosten für eine Digitalaufnahme beim Museum der bildenden Künste in Leipzig und der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

[6] Pieter de Witte: Pietro Candido, un pittore del Cinquecento tra Volterra e Monaco, Volterra, Palazzo dei Priori 31.05.-08.11.2009, a cura di Mariagiulia Burrosi e. a. Cinisello Balsamo 2009.

[7] Brigitte Volk-Knüttel: Wandteppiche für den Münchner Hof nach Entwürfen von Peter Candid, München / Berlin 1976 (= Forschungshefte des Bayerischen Nationalmuseums; Bd. 2) und Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland (CBD), hg. von Hermann Bauer / Bernhard Rupprecht, Bd. 3, 2: Stadt und Ldkr. München, Profanbauten, bearb v. Anna Bauer-Wild / Brigitte Volk-Knüttel, München 1989.

[8] Kat. Volterra 2009, Abb. 8.

[9] Kat. Volterra 2009, Abb. 9.

Jürgen Zimmer