Rezension über:

Gerhard Vinken: Zone Heimat. Altstadt im modernen Städtebau, Berlin: Deutscher Kunstverlag 2010, 256 S., ISBN 978-3-422-06937-4, EUR 39,90
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Rezension von:
Ingrid Scheurmann
Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Ingrid Scheurmann: Rezension von: Gerhard Vinken: Zone Heimat. Altstadt im modernen Städtebau, Berlin: Deutscher Kunstverlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/07/17616.html


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Gerhard Vinken: Zone Heimat

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In seinem 1978 erschienenen Roman Heimatmuseum bezeichnet Siegfried Lenz Heimat als "eine Erfindung der Melancholie". Erst mit dem verklärenden Blick auf die entfernten Orte der Kindheit gewinne ein diffuses Gefühl von Zugehörigkeit an Kontur und produziere weich gezeichnete Bilder von Harmonie und Identität. Das Museum als Hort still gestellter Dinge und stehengebliebener Zeit ist hier nicht von ungefähr das Refugium des Heimatlichen - Ort des Konservierens, der Kultur- und Traditionspflege. Demgegenüber repräsentiert der Alltag das Un-Heimatliche, die Distanz zum Ursprung, den Verlust. Heimat verweist bereits bei Siegfried Lenz auf eine Sonderzone - ein- und zugleich ausgrenzend -, die im Moment drohenden Verlusts als Projektion einer ins Historische gewendeten Utopie bewusst wird.

So unbestimmt der Begriff Heimat im alltäglichen wie im wissenschaftlichen Gebrauch auch sein mag, so klar ist der Typus der ihm verwandten Bilder des Überschaubaren, Ursprünglichen, Individuellen und Malerischen, wie sie durch die Heimatschutzbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und die einschlägige städtebauliche Literatur der Zeit transportiert und in Postkarten und Reisebeschreibungen manifestiert worden sind. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts verknüpfte Alt-Nürnberg als "Schatzkästlein der Nation" das Heimatliche mit dem Sonder-Ort des Musealen wie auch mit einer Sonder-Zeit, dem verlangsamten Takt von Freizeit und Reise. Vorstellungen des Echten und Unverfälschten, von Authentizität und Identität werden mit dem Begriff assoziiert - allesamt Termini auch der aktuellen Architektur-, Stadt- und Denkmaldiskurse, die auf Nicht-Verfügbares rekurrieren, indes seltsam undefiniert bleiben. Dieses terminologisch wie inhaltlich diffuse Feld konkretisiert Gerhard Vinken in seiner lesenswerten Berner Habilitationsschrift des Jahres 2008. Dabei stellt er die ebenso etablierten wie populären Bilder von Altstadt genauso in Frage, wie er antritt, die Selbst-Bilder der Disziplinen Städtebau und Denkmalpflege zu korrigieren und das Verhältnis von Gestalten und Erhalten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts neu zu gewichten. Das ist bezüglich der Stadtwahrnehmung wie der Selbstwahrnehmung der historischen Fächer gleichermaßen verdienstvoll.

Die gemeinhin werbewirksam am Eingang der Städte als "historisch" apostrophierten Altstädte analysiert Vinken als ureigene Produkte der Moderne. Die Stadt werde erst zur Altstadt "wenn ihr etwas Neues zur Seite gestellt wird" (10). Das auf eine Traditionsinsel reduzierte, vermeintlich Ursprüngliche und Echte erweise sich deshalb nicht als etwas "Erhaltenes und Geschütztes, sondern als etwas Gemachtes" (8), als Konstruktion. Erst die Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts, die Überwindung der Stadtmauern und die damit verbundene Realisierung neuer städtebaulicher Konzepte haben aus den Stadtkernen Altstädte gemacht - dies unter Verlust ursprünglicher Funktionen, bei Homogenisierung des Erscheinungsbildes und gleichzeitiger Aufladung von Bedeutung. Die "Geschichte der Altstadt", so Vinken, "ist eine Geschichte der Fälschungen" (9), sie deute - allem Anschein zum Trotz - nicht auf die Geschichte selbst, sondern auf Bilder von Geschichte, die einem jeweils eigenen Kanon des Schönen und Angemessenen folgen. "Das Vorbild der alten Stadt", so Vinken, erweise sich "als Nachbild der modernen." (12)

Während Hermann Lübbe die Konservierung baulicher Zeugnisse als kompensatorisch und sinnstiftend bezeichnet, konkretisiert Vinken die Pflege historischer Stadt-Bilder als eine "Ursprungsvergewisserung" (8, 207), die als wesenhafte Begleiterscheinung von Industrialisierung und Modernisierung zu betrachten sei. Implizit hat er damit auch den von Aleida Assmann für die Gegenwart konstatierten Paradigmenwechsel im Umgang mit Geschichte und Vergangenheit relativiert und die zu unterschiedlichen Zeiten entstandenen gebauten Bilder von Geschichte als ureigene Sehnsuchtsmotive der Moderne identifiziert.

Im Einzelnen untersucht der Darmstädter Stadtforscher und Kunsthistoriker unter Bezugnahme auf die jüngere Raumforschung und Michel Foucaults Heterotopie-Begriff (14) am Beispiel von Basel und Köln die typologischen "Grundmuster der Altstadtbildung" (15) als "Parallelaktionen" von Stadtmodernisierung und Heimatkonstruktion (136). Auch wenn die Überprüfung einer Übertragbarkeit der am Beispiel Basel gewonnenen grundlegenden Erkenntnisse sinnvoll und notwendig erscheint, so vermag doch der ausschließliche Rekurs auf Köln als Parallelbeispiel nicht vollständig zu überzeugen (unzerstört/kriegszerstört; räumlich durch den Rhein verbunden, späte Entfestigung). In der Ausarbeitung führt die annähernd gleichgewichtige Betrachtung der beiden Städte zudem zu Redundanzen, die den Lesefluss im zweiten, dem Kölner Teil - verstärkt durch die Anführung zahlreicher Zitate - gelegentlich beeinträchtigen. Hier hätte sich der Leser zuweilen eine Komprimierung gewünscht und damit Raumgewinn für die ausführlichere Verfolgung des einen oder anderen Nebengleises der Betrachtung.

Das betrifft nicht zuletzt eine stärkere, wenn auch exemplarisch bleibende Zusammenführung der städtebaulichen und der denkmalpflegerischen Diskurse, deren ungenügende Bezugnahme aufeinander der Autor eingangs ja selbst beklagt (13). Gerade was die von Vinken zitierte Denkmalwerte-Debatte und das Credo der substanzorientierten Denkmalpflege um 1900 betrifft, hätte sich - nicht nur, aber insbesondere mit Bezug auf Köln - ein Blick auf deren schon wenig später erfolgte Relativierung im Zeichen des Symbolwertes von Denkmalen angeboten. Dessen Verfechter, dem rheinischen Provinzialkonservator Paul Clemen, ging es um ganz ähnliches wie den "Konstrukteuren" von Altstadt: um Identität und Gemeinschaft konstituierende Sinnbilder - dies auch um den Preis einer Vernachlässigung materiell erfahrbarer Zeitschichten. Die zitierte Position des Kölner Denkmalpflegers Hans Vogts zur bildhaften Überformung des Martinsviertels etwa (137ff.) kontrastiert zwar das Credo der substanzorientierten Denkmalpflege (170), steht jedoch keineswegs in Widerspruch zu der an Bedeutung und Zeichenhaftigkeit orientierten Denkmalpflege der 1920er- und 1930er-Jahre, die den Grundlagenstreit als überwunden ansah und ihn bereits in die Annalen des Faches verwiesen hatte. Die heute übliche Hypostasierung der Bedeutung von Georg Dehio und Alois Riegl entsprach schon für die Zeit nach 1914 nicht mehr der Denkmalpflege-Realität; insofern waren die dem Heimatschutz verbundenen Disziplinen Denkmalpflege und Städtebau einander näher, als es Vinkens Ausführungen nahelegen.

Solche gelegentlichen Unschärfen resultieren nicht zuletzt aus der Tatsache, dass Vinken sein zentrales Vokabular - etwa die Begriffe Identität, Authentizität, Kopie, Totalkopie oder Fälschung - keiner klaren begrifflichen Definition unterzieht. Dabei sind diese Begriffe historisch und auch ethisch-moralisch aufgeladen und werden in unterschiedlichen Disziplinen zum Teil auch unterschiedlich konkretisiert. Umso wichtiger wäre die seit langem überfällige Präzisierung. So ist es zumindest problematisch, im zitierten Kontext den Begriff der Fälschung ("Altstadt als Fälschung", 9) zu verwenden, der als sein Antonym die Existenz des Echten und Authentischen im Sinne einer historischen Urkunde voraussetzt, was Vinken für die Altstadt in seiner Eingangsthese ja überzeugend bestreitet. Nicht zuletzt angesichts der aktuellen Debatte über Geschichte und ihre Konstruktionen (z.B. Dresdner Neumarkt, Frankfurter Römer) erweist sich der Verzicht auf eine diesbezügliche Präzisierung als Defizit. Hier hätte Vinkens Arbeit Zeichen im Sinne einer Versachlichung und Verfachlichung auch der gegenwärtigen Debatte setzen können.

Dieser Einschränkungen ungeachtet, hat Gerhard Vinkens Habilitationsschrift die stadthistorische Forschung infolge und mit Bezug auf den spatial turn um wichtige Erkenntnisse bereichert. Dass Geschichte in Relation zu den sich ändernden Gegenwarten immer wieder neu gelesen und neu verstanden wird, hat schon Alois Riegl für die baulichen Hinterlassenschaften eindrucksvoll dargelegt; dass die Wahrnehmung des Historischen "himmelweit" unterschieden ist von historischer Faktizität, konnte zuvor bereits Johann Gustav Droysen nachweisen. Das Paradoxon aber, dass die als alt wahrgenommenen und mit Interesse bedachten Stadtkerne gerade infolge dieses Interesses an Historizität verloren haben, hat erst Vinken in dieser Deutlichkeit belegt und durch ein sorgsames und breites Quellenstudium für seine "Beispielstädte" Basel und Köln nachgewiesen. Die Begriffe des Authentischen und Echten, des Identischen und Wahrhaftigen entstammen - so ist zu vermuten - nicht von ungefähr der gleichen Zeit wie die altstädtischen Traditionsinseln. Als moderner Sehnsuchtsort im Sinne von Siegfried Lenz markiert der Stadtkern eine heimatliche Sonderzone - dies jedoch nicht so sehr als Hort still gestellter, sondern beständig neu interpretierter Dinge. Das hat Gerhard Vinken ebenso eindrucksvoll wie nachvollziehbar dargelegt.

Ingrid Scheurmann