Rezension über:

Nadine Klopfer: Die Ordnung der Stadt. Raum und Gesellschaft in Montreal (1880 bis 1930) (= Industrielle Welt. Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte; 79), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2010, XII + 324 S., 42 s/w-Abb., ISBN 978-3-412-20568-3, EUR 44,90
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Rezension von:
Felix de Taillez
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Felix de Taillez: Rezension von: Nadine Klopfer: Die Ordnung der Stadt. Raum und Gesellschaft in Montreal (1880 bis 1930), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 6 [15.06.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/06/20138.html


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Nadine Klopfer: Die Ordnung der Stadt

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Unter dem foucaultianisch inspirierten Obertitel Die Ordnung der Stadt untersucht die Historikerin Nadine Klopfer in ihrer Dissertation "Raum und Gesellschaft in Montreal (1880-1930)". Im Fokus steht dabei der 233 Meter hohe 'Hausberg' der kanadischen Großstadt, der Mont Royal. Montréal, auf einer Insel mitten im Sankt-Lorenz-Strom in der frankophonen Provinz Québec gelegen, ist heute nach Toronto die zweitgrößte Stadt Kanadas. Im Untersuchungszeitraum des Buches war Montréal die größte und wichtigste Metropole des seit 1867 bestehenden Dominion of Canada, das ursprünglich eine französische, ab 1763 eine britische Kolonie war. Die 1642 von den Franzosen als Ville-Marie gegründete Stadt geriet so seit dem späten 18. Jahrhundert unter britischen Einfluss, was zu Konflikten zwischen der neu eingewanderten englischsprachigen und der französischsprachigen Bevölkerung führte. Die sprachliche Trennlinie setzte sich auf konfessioneller Ebene fort: die Mehrheit der Anglophonen waren Protestanten, die Mehrheit der Frankophonen Katholiken. Diese Dichotomie wirkt sich bis heute auch deutlich auf den Stadtraum aus. Vereinfacht gesagt lebten die Anglokanadier westlich einer vertikal gedachten Achse, die entlang des Boulevard St-Laurent verläuft, die Frankokanadier östlich davon.

In Beziehung zu ihrer Stadt war und ist der Mont Royal für alle Einwohner und ihre imagination urbaine relevant, primär da er die bereits von weitem sichtbare charakteristischste landmark der Metropole darstellt. In einem grundlegenden Text der Raumtheorie von Henri Lefebvre aus dem Jahr 1974 heißt es, dass die Natur an sich der Rohstoff der Raumproduktion sei. [1] Im vorliegenden Fall handelt es sich bei "Natur" um den noch weitgehend unbebauten Berg, der zum Zankapfel unterschiedlicher Interessen und Ansprüche der verschiedenen Bevölkerungsgruppen geriet. Anhand dreier Fallbeispiele arbeitet Klopfer detailliert heraus, wie wichtig der Mont Royal für die sogenannte Montréalité de Montréal, das Identitätskonzept der Stadt, war. Die Autorin formuliert einige Leitfragen, an denen sie sich orientiert, wie z. B.: "Welche Bedeutung etwa wurde im öffentlichen Diskurs der Stadt dem Mont Royal genau beigemessen, und wodurch erhielt er seine Funktion als Identifikationsraum? Welche Konflikte gab es zwischen Anglo-Protestanten und Franko-Katholiken um den Mont Royal?" (11-12) Die Intention der Autorin liegt darin, einerseits herauszufinden, wie sich Stadtraum in Nordamerika damals formierte und andererseits, die stadtspezifischen Identitätskonstruktionen sowie darüber hinaus die kulturelle Rivalität zwischen Anglo- und Frankokanadiern zu erhellen.

Dazu untersucht sie die Aushandlungsprozesse vornehmlich der Eliten über die Deutungsmacht im Stadtraum, die erst darüber entscheidet, was Montréal ausmacht. Methodisch wird sie dabei dem spatial turn gerecht, der in den vergangenen Jahren mit einiger Verspätung auch in die deutschsprachigen Sozial- und Kulturwissenschaften Einzug hielt. Klopfer stützt sich vor allem auf den Ansatz der social construction of space des von Lefebvres Werk beeinflussten kanadischen Soziologen Rob Shields aus dem Jahr 1991, der davon ausgeht, dass sich die Beziehung von Raum und Gesellschaft sowohl materiell als auch mental abspielt. [2] Sinnvollerweise ergänzt die Autorin Shields auf den strukturalen und prozessualen Charakter des Raumaneignens und Raumveränderns verengte Theorie um die Bedeutung individueller Akteure. Dazu greift sie auf die Arbeiten der Anthropologin Setha M. Low zurück. Überzeugend ist, dass die Autorin die bei Low und Shields getrennt angelegten Bereiche der symbolisch-diskursiven Konstruktion (social construction) und der materiell-realen Produktion (social production) des Raums im Begriff Raumkonstruktion zusammenführt (20-21).

Neben der Kategorie Raum verwendet Klopfer, die sich einer new cultural history verpflichtet fühlt, die bewährten kulturgeschichtlichen Analysekategorien Ethnizität, Religion und Klasse, die sich aufgrund der speziellen Gesellschaftskonstellation in Montréal empfehlen. Sie weist darauf hin, dass trotz der Mehrheitskonstellation nicht alle Anglokanadier protestantisch und nicht alle Frankokanadier katholisch waren. Um den wichtigen Zusammenhang zwischen Raum und Macht hervorzuheben, wählt die Autorin einen Machtbegriff, der von Antonio Gramsci bzw. Michel Foucault stammt und die sprachliche Seite sowie die feingliedrige Verästelung der Macht betont, die alle gesellschaftlichen Bereiche zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort durchdringt. Von Foucault übernimmt Klopfer auch den Diskursbegriff, der im Sinne eines ungeschriebenen Wissensregimes alles in einem Denksystem jeweils Denk- und Sagbare meint. Als Diskursgegenstände fungieren in Die Ordnung der Stadt der Mont Royal sowie die anglo- bzw. frankokanadischen Identitätskonstruktionen. Die Autorin zeigt, dass die Diskurse die Handlungen im Raum prägen. Sie setzt sich mit dem Vorwurf verschiedener Historiker auseinander, die Diskursanalyse verdränge die Menschen als Akteure und degradiere sie zu seinen Marionetten. Sie plädiert für einen "Foucault light", um die agency der Akteure nicht zu vernachlässigen. Allerdings müsste man den Gehalt von Foucaults Diskurstheorie nicht eigens reduzieren, da er die Bedeutung der Individuen selbst explizit hervorhebt: "Die Doktrin führt eine zweifache Unterwerfung herbei: die Unterwerfung der sprechenden Subjekte unter die Diskurse und die Unterwerfung der Diskurse unter die Gruppe der sprechenden Individuen." [3]

In den drei untersuchten Konfliktzonen am bzw. auf dem Mont Royal - Université de Montréal, Royal Victoria Hospital und Gipfelkreuz - waren jeweils diskursive Praktiken wirkmächtig. Das lässt sich aus den unterschiedlichen Quellen ersehen, die Klopfer sehr kompetent benutzte, um einen multiperspektivischen Zugang zu den Ereignissen zu bekommen. Bei den publizierten Quellen sind dies Reiseführer, -berichte und Werbebroschüren. Den Kern des Quellenkorpus bilden erstens Zeitungsartikel der vier größten Montréaler Tageszeitungen, die anglophonen Daily Star und The Gazette sowie die frankophonen La Patrie und La Presse, zweitens die Archivbestände der an den Diskussionen beteiligten Assoziationen und Institutionen. Letztere waren die Université de Montréal, die Montreal Parks and Playgrounds Associations, das Royal Victoria Hospital, die Société Saint-Jean-Baptiste und das Erzbistum von Montréal. Dazu kommen die städtischen Akten aus den Archives de la Ville de Montréal, da die Stadtverwaltung ein weiterer wichtiger Akteur in den Konflikten war. Neben diesen Textquellen konsultierte die Autorin auch noch visuelle Quellen, wie etwa Photos und Erinnerungspostkarten des Mont Royal, die Aufschluss über die verbreiteten Vorstellungen und Sehgewohnheiten geben.

Dem Raumparadigma im Aufbau folgend gliedert Klopfer ihre Arbeit nach den drei untersuchten Regionen am/auf dem Berg wie einen Rundgang und nicht nach der Chronologie der Ereignisse. Er beginnt an den zentrumsnah gelegenen Süd- und Osthängen, an denen die franko-katholische Université de Montréal in den 1920er Jahren auf zwei von der Stadt zur Verfügung gestellten Grundstücken einen neuen Campus plante, der den meist anglophonen Anhängern eines großen Parks auf dem Mont Royal ein Dorn im Auge war. Der Gang führt weiter zum entfernter gelegenen, wenig prestigeträchtigen Nordwesthang, wo der Campus am Ende gebaut wurde; die frankophone Universität feierte dies dennoch als Erfolg. Den Südosten belegte seit 1893 das Royal Victoria Hospital, das zwei anglophone Bürger zum 50jährigen Thronjubiläum von Queen Victoria gestiftet hatten. Das modernste Krankenhaus des Dominion sollte ausdrücklich allen Bevölkerungsgruppen, gleich welcher ethnischen Herkunft, offenstehen. Die Mehrheit der Frankophonen im Stadtrat trug das Projekt mit, obwohl der britische Paternalismus sich darin zeigte, dass nur anglophone Ärzte dort arbeiten würden. Der Berggipfel war das am stärksten umkämpfte Terrain. So verwundert es nicht, dass der Erzbischof in den 1880er Jahren seinen Vorschlag, eine Marienstatue zu errichten, nach protestantischen Protesten zurückzog. Rund 40 Jahre später schaffte es die Société Saint-Jean-Baptiste, die franko-katholische Nationalgesellschaft, die Stadt von einem monumentalen Gipfelkreuz zu überzeugen, das 1924 eingeweiht wurde. Das Kreuz ohne Korpus, ein genuin christliches Symbol, erwies sich konfessions- und ethnizitätsübergreifend als konsensfähig.

Mit Blick auf den Forschungsstand füllt die Autorin mit ihrem Buch eine Lücke in der urban history zu Montréal, da die bisherigen Studien entweder die räumlichen Strukturen oder die interethnischen Beziehungen in den Mittelpunkt der Untersuchung rückten. Herausragend an Klopfers Arbeit ist, dass sie die Macht- und Identitätsaushandlungsprozesse zwischen Anglo- und Frankokanadiern in ihren Analysen mit dem städtischen Raum verknüpft. Als innovativ an Die Ordnung der Stadt erweist sich, dass Nadine Klopfer die master narrative in der kanadischen Historiographie aufbricht, nach der sich Anglo- und Frankokanadier immer als weitgehend monolithische Blöcke in einer Konfliktgeschichte gegenüberstanden. Obgleich die Rivalitäten zwischen Anglo- und Frankophonen im Buch viel Raum einnehmen, zeigt die Autorin auf, dass auch Allianzen jenseits der ethnischen Gruppen zustande kamen. Mit ihrem Buch ist ihr ein bedeutender Beitrag zur historischen Kulturanthropologie Nordamerikas gelungen.


Anmerkungen:

[1] Henri Lefebvre: La production de l'espace, Paris 1974, 146.

[2] Robert Shields: Places on the Margin. Alternative Geographies of Modernity, London 1991.

[3] Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses, 11. Aufl., Frankfurt/M. 2010, 29.

Felix de Taillez