Rezension über:

Vanessa Smith: Intimate Strangers. Friendship, Exchange and Pacific Encounters (= Critical Perspectives on Empire), Cambridge: Cambridge University Press 2010, XII + 323 S., ISBN 978-0-521-72878-2, GBP 20,99
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Rezension von:
Anke Fischer-Kattner
Historisches Institut, Universit√§t der Bundeswehr M√ľnchen
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Kommentare zu dieser Rezension:

Kommentar von Jakob Anderhandt mit einer Replik von Anke Fischer-Kattner

Empfohlene Zitierweise:
Anke Fischer-Kattner: Rezension von: Vanessa Smith: Intimate Strangers. Friendship, Exchange and Pacific Encounters, Cambridge: Cambridge University Press 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 6 [15.06.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/06/18150.html


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Vanessa Smith: Intimate Strangers

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Vanessa Smith, Literaturwissenschaftlerin an der University of Sydney, beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit interkulturellen Begegnungen im Pazifik. In der vorliegenden Monographie verbindet sie die literaturwissenschaftliche mit einer breiteren kulturhistorischen Perspektive. Sie nähert sich dem Kontakt zwischen Europäern und Ozeaniern mit Hilfe des zentralen Freundschaftskonzepts "taio" (10), das in den Jahrzehnten nach dem Besuch des britischen Schiffes 'Dolphin' in Tahiti (1767) zu einem Topos in den Beschreibungen wurde.

Sowohl in den Berichten über Bougainvilles Aufenthalt in Tahiti (1769) als auch in denen über Cooks Reisen (1769-80) taucht der Begriff als Begrüßungsformel und Beschreibung einer besonderen Beziehung zwischen Europäern und Ozeaniern auf. Zugleich ging die 'Freundschaft' mit den 'Eingeborenen' seit Cook in den Kanon offizieller Ziele pazifischer Entdeckungsfahrten ein. Sie war dabei fest mit der Forderung nach Landnahme, mit kartographischen Bemühungen und mit dem Zweck, die Einheimischen zu beeindrucken, verbunden.

Smith betrachtet das 'taio'-Verhältnis als Schlüssel zum Verständnis der Begegnungen zwischen Europäern und Ozeaniern. Zeitlich beschränkt sie sich dabei auf die Jahre zwischen Wallis' Aufenthalt in Tahiti (1767) und der Abreise des Strandläufers Edward Robarts von den Marquesas (1806). Ihre Quellen sind Druckwerke über Aufenthalte von Europäern im Pazifik. Neben den Publikationen zu den beiden chronologischen Begrenzungen zieht sie Material über sehr unterschiedliche Unternehmungen heran: Die berühmten Reisen von Cook und Bligh werden ebenso aufgegriffen wie das Kentern der 'Panther' in Palau (1783), Vancouvers Tahitiaufenthalte (1791/92), die erste Missionsunternehmung der London Missionary Society (1796-99), Bougainvilles Besuch in Tahiti, die Anwesenheit spanischer Seefahrer und Missionare auf derselben Insel (1772-75) und schließlich der Aufenthalt der russischen Expedition unter Krusenstern auf den Marquesas und Hawai'i.

Mit Hilfe dieses reichhaltigen Fundus möchte Smith das Thema "cross-cultural friendship" (8) beleuchten, das bisher weder in der Soziologie noch in der Anthropologie größere Aufmerksamkeit gefunden habe. In der englischsprachigen 'Empire'-Historiographie gibt es mittlerweile erste Ansätze zur Untersuchung der Funktion von 'Freundschaften' über kulturelle Grenzen hinweg. Allerdings liegt der Fokus dieser Forschungen meist, in Anlehnung an skeptische Quellen, auf der 'falschen' und 'gespielten' Freundschaft der imperialistischen Europäer. Davon setzt sich Smith explizit ab: "This book seeks instead to build a picture of the operation of languages of friendship within the politics of Empire whose sophistication lies not in debunking, but in recognizing the compelling pull of potential friendship ties" (10). In Anlehnung an E. Kosofsky Sedgwick und S. Marcus lehnt Smith die Tendenz ab, mit 'kritischer' Verallgemeinerung das Besondere in den Beschreibungen vergangener Gefühlswelten zu überdecken. Sie plädiert dafür, der partikularen Beschreibungsoberfläche wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen, statt sofort zur vermeintlich tiefgründigeren kritischen Interpretation überzugehen.

Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass die 'Freundschaft' von Europäern mit Ozeaniern stets in der Schwebe zwischen Emotion und Profit, Individualität und Gesellschaft blieb. Diese Spannung durch die Reduktion der Beziehung auf eine der Alternativen aufzulösen war unmöglich. Doch gerade diese Ambivalenz gestattete erst zweiseitige Kontakte und Austausch über die Grenzen der eigenen Kultur hinweg. In Anlehnung an J. Lamb, G. Dening und L. Gandhi untersucht Smith die konkreten Auswirkungen der Verunsicherungen, Brüche und 'Zwischenräume', die im Kontakt mit fremden Freunden entstehen.

Die Kapitel des Buches verteilen sich auf zwei Teile. Teil 1 (Kap. 1-4) ist den 'breiten' Begegnungsszenen und der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Freundschaft in Europa gewidmet. In Teil 2 (Kap. 5-7) werden partikulare Freundschaftskonstellationen untersucht.

Zum Einstieg macht Smith deutlich, dass gerade die Ankunft europäischer Schiffe auf pazifischen Inseln von europäischen Berichterstattern als 'Massenszene' erfahren und beschrieben wird. Die Menschenmasse, die als unkontrollierbare Macht das individuelle Ich konfrontiert, ist also nicht allein ein städtisches Phänomen der europäischen 'Zivilisation', wie es die Kulturkritik meist beschreibt. Das Umschlagen der Bedeutung der 'Masse' von einem Ausdruck allgemeiner Begeisterung zu einer Bedrohung stellt Smith beispielhaft am Tod von Captain Cook auf Hawai'i dar.

In Kapitel 2 behandelt Smith die europäischen Vorstellungen von Freundschaft im Verhältnis zu der im Pazifik offerierten 'taio'-Beziehung. Smith lehnt die These ab, dass es sich bei dem Konzept lediglich um ein Missverständnis der ersten Kontaktsituation, eine pazifische Version des englischen 'sailor', handele. Zwar belegen die Quellen über Wallis' Tahitiaufenthalt den Begriff nicht. Sie beschreiben aber Interaktionen, welche genau die Merkmale aufwiesen, die dem 'taio'-Verhältnis später zugeschrieben wurden: Beziehungen standen in engem Zusammenhang mit sozialen Hierarchien sowie mit einem Austausch von Geschenken bzw. Waren. In späteren Berichten rückt zudem der Namenstausch ins Zentrum. Gerade diese Aspekte führten den Europäern immer wieder die Problematik ihres eigenen Freundschaftsbegriffs vor Augen. Dies leitet zum nächsten Kapitel, zu europäischen Konzepten von Freundschaft und Geschenk, über.

Smith konstatiert, dass seit der Antike immer wieder das Problem einer Verbindung von altruistischen Idealen und Kalkulationsmomenten thematisiert wird. Bis in die Gegenwart (Mauss, Bataille, Bourdieu, Derrida) hinein wird dies zum Widerspruch erklärt. Die Wurzeln dieser Tradition entdeckt Smith in den gegensätzlichen Konzepten der uneigennützigen 'philia' und der eher auf beidseitigen Nutzen abzielenden 'xenia', der traditionellen Fremdenprotektion der griechischen Antike. Weder den römischen Philosophen noch den Theoretikern der schottischen Aufklärung im 18. Jahrhundert gelang es, Eigeninteressen aus einem idealisierten Freundschaftskonzept auszuschließen. Smith konzentriert sich in diesem Abschnitt auf den üblichen philosophischen Kanon. Gerade für eine Arbeit, die sich einer praxisnahen Untersuchung des Freundschaftsbegriffs verschreibt, wäre jedoch eine Verbindung dieser Theoriewelten mit allgemeineren gesellschaftlichen Wertvorstellungen, z.B. im populären Schrifttum, wichtig. Zudem würden einige Bemerkungen dazu, ob sich die (teilweise hoch gebildeten) Berichterstatter explizit auf die skizzierte Theorielandschaft beziehen, die Verbindung zu den restlichen Kapiteln stärken.

Am Fallbeispiel tahitianischer Trauerriten illustriert Smith in Kapitel 4 die Skepsis der Europäer gegenüber den Emotionen der 'Anderen'. Gerade die rituelle Einbindung von Gefühlsäußerungen ließ Zweifel an der 'Echtheit' der Emotion aufkommen. Andererseits ermöglichte die ritualisierte Trauer eine Partizipation über kulturelle Grenzen hinweg. Die Theatralik der 'Performance' von Gefühlen besaß das Potential, europäische Überzeugungen über Authentizität zu destabilisieren. Konnten auf einer so fluktuierenden Basis überhaupt Freundschaften geschlossen werden?

Im zweiten Teil ihres Buches skizziert Smith Antworten auf diese Frage mit Hilfe von individuellen Fallbeispielen von Freundschaften. Kapitel 5 behandelt vier Ozeanier (Ahutorou, Tupaia, Mai und Lebuu), die mit den Europäern auf Reisen gingen. Ihre partikularen freundschaftlichen Beziehungen (mit Bougainville, Cook, Banks und dem Literaten Keate) regten die Öffentlichkeit in Europa zur Reflexion über die Unzulänglichkeit der eigenen Freundschaftspraxis und Schwierigkeiten des Umgangs mit den Ozeaniern an.

Das nächste Kapitel illustriert, wie der Faktor 'Freundschaft' bei der in England stattfindenden (publizistischen wie juristischen) Aufarbeitung der Ereignisse der Meuterei auf der 'Bounty' strategisch herangezogen wurde. Sowohl Bligh als auch die Meuterer versuchten, mit der Erwähnung ozeanischer 'Freunde' die eigene interkulturelle Kompetenz unter Beweis zu stellen. Die Deutung emotionaler Äußerungen wurde im Gerichtsprozess zu einem grundsätzlichen Problem.

Im abschließenden Kapitel spekuliert Smith zusammen mit dem Strandläufer E. Robarts über seine hypothetische Freundschaft mit dem kurz zuvor abgereisten britischen Missionar W. P. Crook. Robarts sehnte sich nach einem 'Freund' aus der eigenen Kultur, obwohl er als angesehener 'taio' der Einheimischen deutlich besser als Crook in die Gesellschaft der Insel integriert war. Die 'verpasste' Freundschaft wäre, so schließt Smith aus wenigen, eher abschätzigen Bemerkungen Crooks über Strandläufer, wohl nicht zustande gekommen. Doch sie bündelt wie im Brennglas Chancen und Risiken, Öffnungsmöglichkeiten und Grenzen der interkulturellen Freundschaft zwischen Europäern und Ozeaniern an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.

Smith hat eine faszinierende und materialreiche Arbeit im Rahmen des "affective turn" (9) vorgelegt. Sie versagt sich eine klare Beurteilung des vorgefundenen Materials zugunsten einer ausführlichen hermeneutischen Beschäftigung mit den gedruckten Texten. Dabei vermeidet sie aber einen Rückfall in vor-kritische Bewunderung für vermeintlich völlig uneigennützige 'Pioniere' der Begegnung. Smiths Buch lässt sich damit in einen wichtigen generellen Trend innerhalb neuerer Untersuchungen zur Geschichte der Kontakte zwischen Europäern und Einwohnern der außereuropäischen Welt einordnen: Es werden nicht mehr nur 'hinter' den Aussagen der europäischen Beteiligten Einsichten erwartet. Gerade an der 'Oberfläche' erbringt eine fundierte Analyse Neues, manchmal Unerwartetes. Dies verweist in faszinierender Weise auf die Überraschungsmomente der Begegnung.

Anke Fischer-Kattner