Rezension über:

Bettina Brandt: Germania und ihre Söhne. Repräsentation von Nation, Geschlecht und Politik in der Moderne (= Historische Semantik; Bd. 10), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010, 413 S., 25 farb-, 51 s/w Abb., ISBN 978-3-525-36710-0, EUR 59,00
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Rezension von:
Karen Hagemann
University of North Carolina at Chapel Hill
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Karen Hagemann: Rezension von: Bettina Brandt: Germania und ihre Söhne. Repräsentation von Nation, Geschlecht und Politik in der Moderne, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 5 [15.05.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/05/18477.html


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Bettina Brandt: Germania und ihre Söhne

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Die internationale Forschung zu Nation und Geschlecht ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Bereits 1993 erschien das erste Sonderheft der führenden internationalen Zeitschrift Gender & History zum Thema "Gender, Nationalism and National Identities". Auch andere Zeitschriften wie Feminist Review und Women's Studies International Forum veröffentlichten bereits in den frühen 1990er Jahren entsprechende Hefte.[1] Ein Jahrzehnt später fasste die amerikanische Historikerin Mrinalini Sinha den Stand der internationalen Forschung unter dem Titel "Gender and Nation" für die Buchreihe Women's History in a Global Perspective zusammen. Ihr Beitrag bietet einen umfassenden Überblick. Jüngst hat Angelika Schaser unter dem Titel "Nation, Identität und Geschlecht" zudem einen umfangreichen Essay zur Entwicklung der Forschung zum deutschen Sprachraum publiziert.[2] Im Kontext dieser internationalen wie nationalen Forschung hat Bettina Brandt eine Studie zur "Symbolgeschichte" der "Germania" als weiblicher Verkörperung der deutschen Nation vorgelegt. Anhand der Germania untersucht sie den Stellenwert und die semantischen Funktionen von Geschlechterbildern in nationalen und politischen Diskursen vom 16. zum 19. Jahrhundert.

Zwei Leifragen stehen im Zentrum der Studie, die auf einer Dissertation basiert, die 2005 in Bielefeld bei Ute Frevert und Heinz-Gerhard Haupt abgeschlossen wurde. Zum einen sollen die Ausdrucksformen, Semantiken und (De-)Legitimationen analysiert werden, die Geschlechterbilder in den Diskursen zu Nation und Politik erzeugten. Zum anderen fragt sie nach den Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit, die durch die Imaginationen und Praktiken des Nationalen hervorgebracht wurden sowie den Spielräumen, die diese Bilder für die (Selbst-)Verortung der Geschlechter bereit hielten. Diese Fragen werden durch eine anspruchsvolle Kombination von Bild- und Textanalyse zu beantworten versucht, die sich auf eine Vielzahl verschiedener Quellen stützt: für die Bildebene vor allem Gemälde, Karikaturen, Flugblätter, Erinnerungsbilder und Denkmalskulpturen, für die Textebene neben Gedichten, Liedern, Epen, Dramen und Festspielen, auch Reden und Presseartikel.

Mit ihren Leitfragen und ihrem intermedialen Ansatz, der auf dem Verfahren der Historischen Bildkunde aufbaut, stellt Brandt sich in den Kontext einer neueren, "kulturhistorisch inspirierten Nationalismusforschung", die Benedict Anderson folgend die Nation als "Imagined Community" begreift. So sehr ihr zuzustimmen ist, dass für diese Forschung die "Kategorie Geschlecht" ein "verbindendes Teilstück nationaler Identitätskonstruktionen darstellt", sowenig trifft es heute national wie international noch zu, dass - wie sie behauptet - dem Zusammenhang von Nation und Geschlecht "wenig Beachtung geschenkt wurde" (17). Eine Rezeption des vielzitierten Forschungsüberblicks von Sinha, der 2004 erstmals publiziert wurde, hätte ihr schnell die Bedeutung gezeigt, die "Geschlecht" im Zusammenspiel mit anderen Differenzkonstruktionen wie Klasse, Ethnizität und Sexualität in der Forschung heute zukommt. Wenn das Buch von Brandt damit auch nicht beanspruchen kann thematisches Neuland zu erschließen, so füllt es doch eine wichtige Forschungslücke mit der intermedialen Langzeitstudie der Germania Bilder.

Nach einer anspruchsvollen Einleitung zu ihrem theoretischen und methodischen Ansatz ist die Studie chronologisch gegliedert. Der erste Teil untersucht die frühneuzeitlichen Vorstellungen von Reich als Nation. Der zweite Teil konzentriert sich auf das 18. Jahrhundert, der dritte auf das frühe 19. Jahrhundert und hier insbesondere die Zeit der Anti-Napoleonischen Kriege von 1813-15 und der vierte auf die Periode zwischen der Demokratischen Revolution von 1848/49 und den Jahren vor dem Ersten Weltkriegs. Der zeitliche Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Zeit seit dem 18. Jahrhundert, in der sich nach Brandt ein modernes bürgerlichen Deutungsparadigma der Nation ausgebildet hat und dessen zunehmende Politisierung im 19. Jahrhundert. Das Buch weist nach, dass im "Familien- und Liebestheater" der "Germania" konkurrierende Vorstellungen von Nation und politischer Partizipation zur Aufführung kamen. Die Langzeitperspektive zeigt, dass die emanzipatorischen und partizipatorischen Verheißungen der modernen Nation auf neuartigen Vorstellungen zu einer Geschlechterordnung beruhten, in der Weiblichkeit die Grenzen dieser Verheißungen markiert und bestätigt damit das Ergebnis früherer Veröffentlichungen. Durch die komplementäre Gegenüberstellung von "Natur", verkörpert durch das Weibliche, und "Geschichte" und "Politik", die mit dem Männlichen gleichgesetzt wurden, konnten Frauen als Staatsbürgerinnen aus dem entstehenden Nationalstaat, der als nationaler Bruderbund gedacht wurde, ausgegrenzt und zugleich aber als Mütter in die imaginierte Nation eingeschlossen werden. Das weibliche Nationalsymbol der Germania konnte so die Nation repräsentieren und als Einheit stiftendes "Liebesobjekt" für männliche Nationalphantasien fungieren. Brandt zeichnet nach, wie die politische Symbolik einer anhaltenden Nicht-Identität von imaginierter Nation, erstrebtem Nationalstaat und Männlichkeit für die bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen des 19. Jahrhunderts zunächst produktiv war, dann aber vor allem nach der Reichsgründung zunehmend problematischer wurde, da nun die imaginierte deutsche Nation und der Nationalstaat eins waren und auch als solche gedacht werden sollten. Nation, Staat und Männlichkeit sollten nun auch symbolisch eins werden. Das weibliche Nationalsymbol, auf das sich nun selbst die bürgerliche Frauenbewegung berief, wurde deshalb gegen Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr zum Gegenstand nationalistischer Kulturkritik.

Der lange Untersuchungszeitraum gestattet es Brandt anhand der Symbolfigur der Germania nicht nur zu zeigen, welche Bedeutung Nationsvorstellungen bereits in der frühen Neuzeit in der gebildeten Elite Mitteleuropas zukam. Sie kann nur so den Wandel der Nationsvorstellungen in einer long durée Perspektive nachzeichnen. Nachteil ist, dass trotz eines sehr umfangreichen Quellenkorpus, die Bild-Text-Analyse manchmal recht oberflächlich und stereotyp bleibt und zu wenig in ihren je spezifischen historischen Kontext eingeordnet wird, was angesichts eine Zeitraumes von vierhundert Jahren nicht verwunderlich ist. Die Ursachen und die Agenten des Wandels bleiben so leider recht häufig im Dunkeln. Dies schmälert aber nicht die Forschungsleistung, die Bettina Brandt mit ihrer Arbeit vorgelegt hat. Ihr ist eine anregende und interessante Studie zur politischen Symbolgeschichte der Germania gelungen, die einmal mehr die zentrale Bedeutung von Geschlecht als Analysekategorie einer neuen kulturhistorisch orientierten Politikgeschichte zeigt.


Anmerkungen:

[1] "Links across Difference: Gender, Ethnicity and Nationalism", Women's Studies International Forum (Nr. 1 und 1, 1996); "Nationalisms and National Identities", Feminist Review (Nr. 2, 1993).

[2] Mrinalini Sinha: Gender and Nation, in: Bonnie Smith (Hg.): Women's History in a Global Perspective, Bd. 1, Urbana 2004, 229-274; Angelika Schaser: Nation, Identität und Geschlecht: Nationalgeschichtsschreibung und Historische Frauen- und Geschlechterforschung, in: Karen Hagemann / Jean Quataert (Hgg.): Geschichte und Geschlechter. Revisionen der neueren deutschen Geschichte, Frankfurt a.M. 2008, 64-91.

Karen Hagemann