Rezension über:

Sewerin Gawlitta: Zwischen Einladung und Ausweisung. Deutsche bäuerliche Siedler im Königreich Polen 1815-1915 (= Materialien und Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung; Bd. 20), Marburg: Herder-Institut 2009, X + 382 S., ISBN 978-3-87969-353-5, EUR 48,00
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Rezension von:
Ingo Eser
Abteilung für osteuropäische Geschichte, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Ingo Eser: Rezension von: Sewerin Gawlitta: Zwischen Einladung und Ausweisung. Deutsche bäuerliche Siedler im Königreich Polen 1815-1915, Marburg: Herder-Institut 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 4 [15.04.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/04/19718.html


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Sewerin Gawlitta: Zwischen Einladung und Ausweisung

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Wer sich einmal mit der Geschichte der deutschen Minderheit in Polen beschäftigt hat, weiß, wie unzureichend die deutsche Einwanderung des 19. Jahrhunderts bislang erforscht war. Zwar spielten die deutschen "Kolonisten" in der Publizistik der 1920er und 1930er Jahre eine durchaus gewichtige Rolle, doch ist es der historischen Forschung erst in der jüngeren Vergangenheit wieder gelungen, in diesem Themengebiet neue Akzente zu setzen. [1] Mit seiner Düsseldorfer Dissertation füllt Severin Gawlitta daher eine Lücke. Dass es sich bei den bäuerlichen deutschen Siedlern keineswegs um ein randständiges Thema handelt, verdeutlicht der Umstand, dass vor dem Ersten Weltkrieg über 400 000 von ihnen in Kongresspolen lebten (71 ff.).

Gawlittas Arbeit liest sich weniger als nüchterne Migrationsgeschichte denn als intensive Auseinandersetzung mit überkommenen Bildern des deutschen "Kolonisten", wie die Siedler gemeinhin genannt wurden. Diese Stereotypen hätten, wie der Verfasser gleich zu Beginn unterstreicht, letztlich wenig mit der historischen Realität gemein gehabt. Um ein "möglichst breites Spektrum des Kolonistendaseins" zu erfassen, sucht Gawlitta einen methodischen Zugang, der sozial-, politik- wie auch kulturgeschichtliche Aspekte umfasst (3 f.). Die Gliederung des Werkes ist einleuchtend (auch wenn die Nummerierung einzelner Unterkapitel eigenwillig ausfällt): Gawlitta widmet sich zunächst der eigentlichen Einwanderung, untersucht im Folgenden die wirtschaftliche Etablierung der Ansiedler, um in einem dritten Kapitel auf das kirchliche Gemeindeleben und die Schule einzugehen. Ein viertes Kapitel behandelt das Verhältnis der deutschen Bauern zu ihren polnischen Nachbarn, wobei hier vor allem Fragen der Integration und Loyalität diskutiert werden. Ein fünftes Kapitel geht schließlich auf die Situation zu Beginn des Ersten Weltkrieges ein, als die Deutschen in Polen von den russischen Behörden deportiert und ihr Besitz liquidiert wurde.

Ausgesprochen gelungen sind die kurzen Forschungsüberblicke, die jedem Kapitel vorangestellt sind. Gawlitta legt Wert auf die Formulierung von Zwischenergebnissen und Thesen, was sein Werk zu einer gut lesbaren Lektüre macht. Beispielsweise nimmt man mit Interesse zur Kenntnis, dass die Deportation der Deutschen 1914/15 und die Liquidation deutschen Besitzes zwar zeitlich zusammenfielen, ein ursächlicher Zusammenhang aber wohl nicht bestand (319 f.). Andererseits mag man den Ausführungen des Verfassers aber auch nicht in allen Punkten folgen. Dass zum Beispiel die russischen Behörden die deutschen Einwanderer gezielt zu Sündenböcken für die militärischen Misserfolge stempelten, scheint zu kurz gegriffen (322). Hier hätte es sich angeboten, einen stärker kommunikationstheoretischen Ansatz zu wählen und nach Gerüchten und Verschwörungstheorien zu fragen, die generell deutsche Bauern als Gefahr für Polen beziehungsweise das Russische Reich erscheinen ließen. Auf ähnliche Weise hätte das vierte Kapitel über "Die deutschen Kolonisten und ihre Nachbarn" davon profitieren können, der Beschreibung von Integrations-, Akkulturations- und Assimilationsprozessen ein theoretisches Gerüst zu geben. Manches wird in diesem Abschnitt wiederholt, was bereits an früherer Stelle ausgeführt wurde, ohne zu wirklich neuen, überraschenden Synthesen zu gelangen; so zum Beispiel beim Hinweis auf die geschlossene Siedlungsweise der Deutschen, die engen Kontakten mit Polen entgegenstand (58 f., 253-257, 276-280). Auch schätzt der Verfasser die Bedeutung konfessioneller Integrationshemmnisse erstaunlich gering ein (262 f.). Hierzu wäre anzumerken, dass Religion für Anpassungs- und Eingliederungsprozesse sicherlich nicht allein entscheidend war, dass aber konfessionelle Übereinstimmung eine Assimilation erheblich begünstigte, wie das Beispiel der katholischen Bamberger bei Posen verdeutlicht.

Mitunter gewinnt man den Eindruck, dass Gawlitta allzu sehr gegen die von ihm zu Recht konstatierten Stereotype anschreibt. Sicherlich ist es richtig und wichtig, mit dem überkommenen Bild des deutschen Kolonisten als "Kulturträger" und "Lehrmeister" der umgebenden Bevölkerung aufzuräumen; der Verfasser legt hier überzeugend dar, dass es mit der wirtschaftlichen Überlegenheit der deutschen Bauernhöfe gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr weit her war (133 f.). Dennoch folgt er allzu sehr dem Duktus seiner Quellen, die großenteils aus der Feder evangelischer Pastoren stammen, wenn er den deutschen Kolonisten einen Hang zu Trunksucht und Aberglauben attestiert und kleine, konkurrierende christliche Gemeinschaften einseitig als "Sekten" bezeichnet (175-182). Auch die Einschätzung, dass in den evangelischen Kantoratsschulen (hier unpräzise als "Kantorate" bezeichnet) die religiöse Erziehung Vorrang vor der pädagogischen Arbeit genossen habe, trifft nicht den Kern: Die Idee, dass es eine Pädagogik jenseits des Religiösen geben könne, entspricht unserer modernen Auffassung von Schule, in der Vorstellungswelt bäuerlicher Schichten des 19. Jahrhunderts hingegen besaß die religiöse Erziehung keinen Vorrang vor der Bildung, sondern war ihr eigentlicher Zweck. Gelegentlich stellt der Verfasser die Lebensverhältnisse der deutschen Kolonisten etwas isoliert dar. Dies wird deutlich, wenn er einerseits den Niedergang des Kantoratsschulwesens bedauert, dann aber eher beiläufig auf die weit unterdurchschnittliche Analphabetenquote unter den evangelischen Deutschen hinweist (228-232).

Die Liste interessanter Ausführungen und Thesen, die Gawlitta in seiner Untersuchung bietet, ließe sich lange fortsetzen. Auch könnte man auf kleinere textlich-gestalterische Ungereimtheiten hinweisen, die jedoch nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Dass an dieser Stelle vornehmlich kritische Anmerkungen Platz fanden, ist daher vor allem als Ausdruck der Wertschätzung für diese Arbeit zu verstehen, die nicht nur eine umfassende Gesamtdarstellung der Geschichte der bäuerlichen deutschen Siedler in Zentralpolen liefert und dabei kaum einen Aspekt unangesprochen lässt, sondern auch zum weiteren Nachdenken und Diskutieren einlädt.


Anmerkung:

[1] Vgl. Wiesław Caban (Hg.): Niemieccy osadnicy w Królestwie Polskim 1815-1915 [Deutsche Siedler im Königreich Polen 1815-1915], Kielce 1999 (Prace Instytutu Historii Wyższej Szkoły Pedagogicznej w Kielcach, 18).

Ingo Eser