Rezension über:

Guido Hausmann / Angela Rustemeyer (Hgg.): Imperienvergleich. Beispiele und Ansätze aus osteuropäischer Perspektive. Festschrift für Andreas Kappeler (= Forschungen zur osteuropäischen Geschichte; Bd. 75), Wiesbaden: Harrassowitz 2009, VII + 542 S., ISBN 978-3-447-06055-4, EUR 88,00
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Rezension von:
Martin Aust
Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Martin Aust: Rezension von: Guido Hausmann / Angela Rustemeyer (Hgg.): Imperienvergleich. Beispiele und Ansätze aus osteuropäischer Perspektive. Festschrift für Andreas Kappeler, Wiesbaden: Harrassowitz 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 4 [15.04.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/04/19716.html


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Guido Hausmann / Angela Rustemeyer (Hgg.): Imperienvergleich

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Festschriften stellen ein eigenes Genre dar, das Herausgeber auf spezifische Weise mit Pflicht und Kür konfrontiert. Guido Hausmann und Angela Rustemeyer haben, um es gleich vorwegzunehmen, nicht allein die Pflicht erfüllt, die Arbeitsschwerpunkte Andreas Kappelers in seiner Festschrift abzubilden. In der Kür haben sie auch einen Band vorgelegt, der sich sowohl durch eine überzeugende Systematik als auch durch Beiträge auszeichnet, die der Forschung Impulse zu verleihen vermögen. Das internationale Renommee des mit der Festschrift Geehrten spiegelt der Kreis der Beiträgerinnen und Beiträger aus Kanada, den USA, Europa und Russland wider. Andreas Kappelers Œuvre ist dabei von drei Arbeitsschwerpunkten gekennzeichnet. Es handelt sich um die Geschichten des Moskauer Reiches, Russlands als Vielvölkerreich und der Ukraine.

Die Beiträge des Bandes decken diese drei Felder in fünf thematischen Abschnitten ab. Der erste Abschnitt handelt von historischen Kategorien und Wissensformen des Imperiums. Der Begriff der Selbstherrschaft im Moskauer 16. Jahrhundert, Moskaus Verknüpfungen mit der Außenwelt, die Istoriia Rusov ili Maloi Rossii, die Ethnografie in Polen und im Russländischen Imperium sowie die Frage nach dem kolonialen Status der Republiken der Sowjetunion füllen diesen ersten Teil mit Inhalt. Die analytische Differenzierung des Russifizierungsbegriffs, die Siedlungsgeschichte der Tataren in Russland, islamistische Bewegungen im Raum der zerfallenen Sowjetunion und die Geschichtskulturen Belarus', Polens und Litauens seit 1989 bilden den zweiten Block über Strategien und Gegenstrategien imperialer Herrschaft. Drittens folgen biografische Studien über Ivan Mazepa, Mychajlo Drahomanov, Ivan Franko, jüdische Autobiografik im Russländischen und Osmanischen Reich sowie die Aufzeichnungen einer amerikanisch-polnischen Gräfin über den Beginn des Ersten Weltkriegs im Grenzraum zwischen Ostgalizien und Wolhynien. Viertens behandelt der Band Orte und führt die Leserschaft dabei in den nördlichen Kaukasus, auf russische und irische Adelssitze, in das k.u.k. Botschaftspalais in St. Petersburg, das revolutionäre Kiev 1917 und nach Wien, von wo aus mit den Augen der Arbeiter-Zeitung auf die Oktober-Revolution geschaut wird. Der fünfte Abschnitt expliziert schließlich den Imperienvergleich anhand von fünf Fallstudien: der Geschichte von Gefangenen im Osmanischen Reich und Moskauer Russland, der Modernisierung im petrinischen Russland und Meiji-Japan, der Bauernkriege in der frühen Neuzeit, der binären Opposition von See- und Landreich bezogen auf Russland und schließlich der Schweiz und Russland als einem ausgeprägt gegenläufigem Vergleich, der mehr auf eine Geschichte der Interaktion und gegenseitigen Wahrnehmung hinausläuft.

Drei Impulse, die von diesem Band ausgehen dürften, seien hier eigens hervorgehoben. In komparatistischer Hinsicht betreffen sie erstens vor allem die Auswahl der Objekte, mit denen das Russländische Reich verglichen wird. Die Beiträge von Aleksandr Lavrov über Gefangene und von Alexis Hofmeister über jüdische Autobiografien verdeutlichen das Desiderat, Vergleich und Verflechtung des Russländischen Imperiums mit dem Osmanischen Reich mit noch mehr Nachdruck auf die Forschungsagenda zu setzen. Wie fruchtbar und zugleich perspektivabhängig Vergleiche sein können, demonstriert auch Andreas Renners Text über das petrinische Russland und das Meiji-Japan. Hier erscheint die russische Modernisierung nicht von Westen aus blickend als Geschichte der Differenz. Vielmehr geht sie in einem verallgemeinernden Vergleich auf. Wie sehr jedoch auch die vergleichende Imperienforschung zweitens auf eine Begrifflichkeit angewiesen ist, die die individuelle Morphologie ihrer Phänomene in Rechnung stellt, demonstriert eindrücklich Alexey Millers Beitrag über Russifizierung, der die weitere Untersuchung eines altetablierten Begriffs als dringendes Desiderat erscheinen lässt. Drittens belegt der Band, wie fruchtbar biografische Perspektiven sein können. Yvonne Kleinmann profiliert anhand mehrerer biografischer Skizzen die Ethnografie im Zarenreich von der Mitte des 18. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als eine Sphäre, die es Nichtrussen erlaubte, einen Entwurf des Imperiums zu erstellen und ihre individuelle Identitätskonzeption darin einzuschreiben. Anna Veronika Wendland wiederum behandelt die Geschichte der Ukraine in Europa als Verflechtungsgeschichte in einem polylateralen Interferenzraum. Das komplexe Thema erfährt dabei eine biografische Verdichtung aus der Perspektive Mychajlo Drahomanovs.

Mit Blick auf Ostmitteleuropa ist ein gesonderter Hinweis auf Rüdiger Ritters Beitrag über die Geschichtskulturen Belarus', Litauens und Polens seit 1989 angezeigt. Ritter kombiniert eine vergleichende und verflechtungsgeschichtliche Herangehensweise, in der er zeigt, wie es Polen und Litauen gelang, sowohl nationale als auch bilaterale Vergangenheitsdiskurse miteinander in Einklang zu bringen. Beide Gesellschaften verfügen über einen Fundus exklusiv nationaler Erinnerungsorte, der Spielraum dafür bot, im Zeichen der europäischen Integration bilaterale Gedächtniskonflikte zu entschärfen, ohne die eigenen nationalen Narrative zu dekonstruieren. Damit kontrastiert der belarusisch-litauische Fall, in dem alle potenziellen Bausteine eines nationalen belarussischen Narrativs auch von Litauen beansprucht werden, worin neben anderen Gründen wie dem belarussischen Umgang mit der Sowjetvergangenheit eine Erklärung für die vergleichsweise instabile belarussische Geschichtskultur zu sehen ist.

Martin Aust