Rezension über:

Susanne Niedernolte: Klecksende Künstler. Das Berliner Kaffeeklecksalbum Wilhelm von Kaulbachs, Michael Echters und Julius Muhrs, Hannover: Ibidem 2010, 317 S., ISBN 978-3-8382-0130-6, EUR 39,90
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Rezension von:
Brigitte Huber
Stadtarchiv München
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Brigitte Huber: Rezension von: Susanne Niedernolte: Klecksende Künstler. Das Berliner Kaffeeklecksalbum Wilhelm von Kaulbachs, Michael Echters und Julius Muhrs, Hannover: Ibidem 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 4 [15.04.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/04/19136.html


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Susanne Niedernolte: Klecksende Künstler

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Das Berliner Kupferstichkabinett ist im Besitz eines 100 Blätter umfassenden, gebundenen Albums, das unter dem Titel "Kafefleck Späß" (neben vier Lichtdrucken) 134 eingeklebte kleine Handzeichnungen von Wilhelm von Kaulbach (1805-1874) sowie seinen Schülern Michael Echter und Julius Muhr enthält. Sie zeigen Porträts, Karikaturen, kleine Szenen u.a. Während es sich bei 66 Blättern um klassische Stift- und Federzeichnungen bzw. -skizzen handelt, waren für die anderen 72 Motive zufällig oder auch bewusst angebrachte Kleckse Ausgangspunkt der künstlerischen Gestaltung.

Das Album entstand in den Jahren 1845 bis 1847, als der Münchner Historienmaler Wilhelm von Kaulbach gemeinsam mit Echter und Muhr damit befasst war, monumentale Wandbilder für das Treppenhaus des Neuen Museums zu malen. Auf Wunsch des Auftraggebers Friedrich Wilhelm IV. sollten sie in Analogie zu den sechs Schöpfungstagen sechs Wendepunkte der Weltgeschichte darstellen. Während Kaulbach bis 1866 an dem Freskenzyklus arbeitete, endete die Zusammenarbeit mit seinen Schülern schon 1847.

1881 erschien in einem Leipziger Verlag eine Mappe mit 20 Blättern, die rund 48 Motive aus dem besagten Album publizierte. Im einleitenden Text dazu war zu lesen, dass die drei Münchner Künstler während ihrer Arbeit an den Berliner Wandgemälden fast täglich von Museumsdirektor von Olfers mit Kaffee bewirtet worden wären und sich im Gegenzug für diese Arbeitspausen verpflichtet hatten, ein "Skizzenbuch des gefälligen Wirthes mit humoristischen Einfällen ihres Griffels zu bereichern". Im Lauf dieser Kaffeestunden verfiel man angeblich auf die Idee, statt Stift und Feder Schwefelhölzer und statt Tusche Kaffee als Malmittel zu benutzen; schließlich hätten sich die drei auch von Kaffeetropfen inspirieren lassen (9). Die Leipziger Publikation erfreute sich größter Beliebtheit; sie erschien in mehreren, zum Teil leicht variierenden Auflagen.

Bei dieser Ausgangslage übernahm die Autorin die Aufgabe, das bislang in der Fachliteratur nur am Rande behandelte Originalalbum erstmals wissenschaftlich zu bearbeiten. Geklärt werden sollten die tatsächliche Entstehungsgeschichte sowie die Provenienz des Albums, das sich schon 1857 im Besitz von Wilhelm Eduard Schorn befand, dem Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts. In einem weiteren Schritt galt es, die einzelnen Blätter auf Malmaterial und Technik hin zu überprüfen. Hier war u.a. die Frage zu beantworten, ob tatsächlich Kaffee zum Einsatz gekommen war. Die Wahl der Motive sollte hinsichtlich inhaltlicher Schwerpunkte überprüft werden. Zu fragen war auch nach Inspirationsquellen und danach, ob es sich bei den Porträts um Karikaturen handelt. Daneben sollte das Album in den gemeinsamen Werkzusammenhang der drei Künstler, den Zyklus für das Neue Museum in Berlin, gestellt werden. Hauptteil der Arbeit jedoch sollte ein Katalog sein, der alle im Album enthaltenen Blätter in der Reihenfolge ihrer Montierung aufführt und Blatt für Blatt Zustand und Motiv beschreibt.

Leider vermag die vorliegende Publikation die selbst vorgegebenen Themen und Fragen nur ansatzweise beantworten. Weder hinsichtlich der Entstehungsgeschichte noch der Provenienz findet die Autorin, wie sie in ihren jeweiligen Zwischenresümees selbst eingesteht, neue Ergebnisse (35). Und da auch die nette Anekdote aus der Leipziger Publikation von 1881 nicht widerlegt werden kann, darf wohl gelten, dass die Geschichte zwar wahrscheinlich falsch, dafür aber gut erfunden ist. Da sich die Autorin nahezu ausschließlich auf Sekundärliteratur verlässt und keine eigenen Thesen und Urteile wagt, beschleicht den Leser schon bald das Gefühl, dass intensive Archivarbeit womöglich das eine oder andere Forschungsergebnis hätte bringen können, das ihm hier vorenthalten wird.

Sehr trocken theoretisierend erscheint der Abschnitt, in dem "anhand von optischen Anhaltspunkten" (48) sechs verschiedene "Klecks-Typen (motivisch inspirierende Kleckse und solche, deren Form und Struktur als Zeichnungselement verwendet wird, außerdem "gesteuerte Kleckse" und Kleckszeichnungen mit bewusster Bildkomposition, Klecksdrucke und klappsymmetrische Klecksografien)" unterschieden werden. Die Analyse des Zeichenmaterials ergibt, dass verschiedene Papiere, aber wohl kein Kaffee für die Zeichnungen benutzt wurden. Spätestens an dieser Stelle beginnt die Enttäuschung des Lesers immer weiter zu wachsen. Dazu tragen nicht zuletzt auch Einschätzungen wie diese bei: "Das Blatt [Zeichner bei der Arbeit] hat Genrecharakter und lässt die Identität des Abgebildeten unwichtig werden, auch wenn es sich vermutlich um Wilhelm von Kaulbach handelt." (38)

Positiv erwähnt sei schließlich der systematisch angelegte Katalogteil, der die eigentlich wertvolle Arbeit des Unternehmens darstellt. Er nimmt mehr als die Hälfte der Publikation ein und behandelt alle 138 Albumblätter. Etwas schade ist, dass die Autorin auch hier wenig eigenen Mut zeigt und in Zweifelsfällen niemals eine Zuschreibung an einen der drei Künstler oder eine Identifizierung der Dargestellten wagt und bei ihren Bildbeschreibungen allzu oft ins Floskelhafte rutscht. Ein weiterer Wehrmutstropfen für den interessierten Leser ist, dass die Qualität der Abbildungen sehr bescheiden ausfällt, da man nur auf Arbeitsfotos zurückgreifen konnte.

Es ist anzunehmen, dass es sich bei Niedernoltes Publikation um eine akademische Abschlussarbeit handelt, die naturgemäß den Vorgaben des Universitätslehrers unterlag. Einige der inhaltlichen Kritikpunkte haben sich daher weniger an die Autorin als vielmehr an den/die Betreuer/in zu richten. So wäre es nach Meinung der Rezensentin innovativer gewesen, das Album in den Zusammenhang vergleichbarer vergnüglich-scherzhafter Künstlerarbeiten des 19. Jahrhunderts zu stellen (etwa Moritz Schwinds Katzensymphonie von 1868) als auf knapp fünf Seiten längst Bekanntes zu repetieren. Auch die bei der optischen Ausstattung des Bandes eingegangenen Kompromisse dürften hierin ihren Grund haben. Als abschließendes Fazit zugunsten der Autorin bleibt nichtsdestotrotz festzuhalten, dass die vorliegende Publikation dank exakter technischer Angaben und ausführlichem Anhang für die museale Erfassung des Berliner Kaffeklecksalbums allemal ein Gewinn ist.

Brigitte Huber