Rezension über:

Walter Demel / Hans-Ulrich Thamer (Hgg.): WBG Weltgeschichte. Band V: Entstehung der Moderne. 1700 bis 1914 (= WBG Weltgeschichte. Eine globale Geschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010, VII + 502 S., ISBN 978-3-534-20108-2, EUR 58,20
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Rezension von:
Wolfgang Gruber
Institut für internationale Entwicklung, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Stellungnahmen zu dieser Rezension:

Stellungnahme von Walter Demel mit einer Replik von Wolfgang Gruber

Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Gruber: Rezension von: Walter Demel / Hans-Ulrich Thamer (Hgg.): WBG Weltgeschichte. Band V: Entstehung der Moderne. 1700 bis 1914, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 4 [15.04.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/04/17399.html


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Walter Demel / Hans-Ulrich Thamer (Hgg.): WBG Weltgeschichte. Band V: Entstehung der Moderne

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Die Buchreihe "WBG Weltgeschichte - Eine globale Geschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert" war ein überaus ehrgeiziges Projekt für die Herausgeber. Der vorliegende zu rezensierende Band V widmet sich der Entstehung der Moderne in einem Zeitrahmen von etwa 1700 bis 1914 und beschäftigt sich nach dem Bandherausgeber Walter Demel mit dem langen 19. Jahrhundert, welches für ihn von etwa 1750/1770 bis 1880/1914 reichte (Demel, 1). Zu klären wird hier sein, inwiefern dieses Buch seinen eigenen Ansprüchen nach globaler Geschichte gerecht wird.

Das Buch ist in drei große Abschnitte mit jeweils mehreren Unterkapiteln gegliedert, die anhand bestimmter Themenbereiche einen Überblick über den vorgegebenen Zeitrahmen geben sollen.

Der erste Abschnitt "Bevölkerung, Wirtschaft und Technik" beschäftigt sich mit der "Demographischen Revolution - Die Geschichte der Weltbevölkerung" (Georg Fertig) und der "Industrialisierung" (Dieter Ziegler).

Der zweite Abschnitt "Kultureller Wandel" beschäftigt sich mit folgenden Themen: "Die europäische Aufklärung" (Hans-Jürgen Lüsebrink), "Wissensrevolutionen" (Uwe Jochum), "Christliche Missionen und religiöse Globalisierung im 19. Jahrhundert" (Klaus Koschorke), "Weltdeutungen und Ideologien" (Michael Quante, David P. Schweikard), "Autonomie der Kunst - Eine europäische Scheinrealität" (Lars Eisenlöffel).

Der dritte und letzte Abschnitt "Veränderungen der politischen Welt" wird dann in drei Kapiteln "Zwischenstaatliche Verflechtungen und politische Revolutionen" (Walter Demel), "Die Globalisierung Europas" (Horst Gründer) und "Entstehung und Entwicklung des Verfassungsstaates" (Anita Prettenthaler-Ziegenhofer) abgehandelt.

Die beiden ersten Abschnitte sind besonders stark auf Europa zentrierte Kapitel, die den seit einigen Jahrzehnten herrschenden Diskurs über Eurozentrismus fast vergessen scheinen lassen. Europa als der Nabel der Welt, das sich in den jeweiligen Unterkapiteln und deren Benennung widerspiegelt. Im dritten Abschnitt wird der Versuch unternommen, auch die "restliche Welt" stärker mit einzubeziehen und es gibt immer wieder auch Verweise auf Entwicklungen anderswo. Die Fokussierung auf den Kontinent Europa und die darin stattfindenden Entwicklungen ziehen sich durch das gesamte Buch und lassen sich einer klassischen Weltgeschichtsschreibung zuordnen. Die LeserInnen werden zum einen mit einer Fülle an Faktenwissen konfrontiert (welches in vielen Fällen nicht den derzeitigen wissenschaftlichen Forschungsstand abbildet) und zum anderen haben sie kaum Möglichkeiten, sich direkt weiterführend zu informieren.

Folgende Beispiele sollen dies nur exemplarisch unterstreichen: "Andererseits lösten sie ihre Überseekompanien auf, schon 1799 die VOC, zuletzt 1858 die EIC, und verstaatlichten deren koloniale Herrschaftsräume." (Demel, 270) Darauf Bezug nehmend reicht es wohl, auf die Hudson Bay Company zu verweisen, welche erst 1869 große Teile ihres Gebietes an Kanada abtrat, und noch längere Zeit danach eine größere wirtschaftliche Rolle spielte. Die Aussage von Demel greift also viel zu kurz. Die Beschäftigung mit dem Kapitel Ayutthaya / Siam / Thailand scheint dem Autor mehrmals im Text ein Anliegen zu sein (Demel, 292, 315), doch bezieht er den derzeitigen aktuellen Forschungsdiskurs, wie dieser beispielsweise von Sven Trakulhun gut beschrieben wird, in Bezug auf den tatsächlichen Einfluss der "Europäer" nicht ein. [1]

Es werden Stereotype, wie etwa der Niedergang und die "Krise der islamischen Welt" (Demel, 306) oder der asiatischen Reiche wiedergegeben, die in der Forschung schon längst zu Recht relativiert wurden. Der Eindruck einer "klassischen Geschichtsschreibung", wie sie in diesem Band wiedergegeben wird (siehe exemplarisch dazu "Das Japanbild der Europäer" (Gründer, 379) und kein Kapitel "Das Europabild der Japaner"), ist ebenfalls gut erkennbar.

Der unsensible Umgang mit schwierigen Begriffen, wie dem romantisierenden Bild der "Naturvölker" (Gründer, 362), die Bezeichnung "Indianer" (Demel, 325; Gründer, 409) anstatt beispielsweise von Native Americans oder dem kaum als wertneutral verwendbaren Begriff "Eingeborenen Hawaiis" (Gründer, 392) lässt beim Lesen des Buches doch eine gewisse wissenschaftliche Reflektiertheit vermissen. Das exzessive Verwenden von Anführungszeichen um schwierige Begriffe zu kennzeichnen ersetzt auf keinen Fall die wichtige Aufgabe, zumindest anfangs kurz auf diese Problematik einzugehen. Zusätzlich fällt das weiträumige Fehlen jeglicher Gender-Sensibilität auf.

Für wen ist dieses Werk nun tatsächlich verfasst? Folgen wir der auf der Homepage beschriebenen Leitidee, welche von H. Schmidt-Glintzer für die Herausgeber formuliert wurde, "[...] ist die WBG WELTGESCHICHTE für jeden an der Geschichte interessierten Zeitgenossen unverzichtbar." [2] Bei der Lektüre stellte sich aber immer wieder die Frage: Für welches Zielpublikum ist dieser Band (und wohl auch die gesamte Reihe) nun tatsächlich gedacht?

Es kann wohl kaum ein wissenschaftliches Fachpublikum sein. Gegen eine solche These würden bereits einige rasche Blicke und auszugsweises Lesen einzelner Kapitel sprechen. Erste Hinweise dahingehend liefern die äußerst spärliche Belegung mit Zitaten und das äußerst dürftige elf-seitige Literaturverzeichnis (bei ~500 Seiten). Manche Titel des Literaturverzeichnisses werden aufgrund von Dopplung nicht zweimal angeführt (473), was LeserInnen dazu zwingt, das Gesamtkonvolut der sechs Bände zu erstehen, um eine vollständige Bibliographie zu erlangen. Auch die Zitierweise ist irritierend (keine Seitenangaben bei Fremdzitaten). Bei den wenigen vorhandenen Belegen und Verweisen wird zudem oft auf andere Bände der Reihe verwiesen.

Nach diesem ersten Augenschein tritt das für ein wissenschaftliches Fachpublikum weitaus gravierendere Problem zu Tage. Dies ist die fast vollkommen fehlende aktuelle wissenschaftliche Kontextualisierung in die zum Teil sehr intensiv behandelten Bereiche der Geschichte, welche die Themen des vorliegenden Bandes sind. Aus den oben genannten Gründen kann wohl davon ausgegangen werden, dass ein wissenschaftliches Fachpublikum ebenso ausgeschlossen werden kann, wie auch ein Einsatz der Buchreihe als Lehrbuch (sowohl im Schulunterricht als erst recht im universitären Bereich) ausgeschlossen sein dürfte. Was bleibt also nun? Es scheint, dass das Buch für einen breiten allgemein-geschichtlichen LeserInnenkreis geschrieben wurde.

Die hehren Versprechen einer neuen Weltgeschichtsschreibung wurden im vorliegenden Band V jedenfalls nur sehr mangelhaft eingelöst. Der immer wieder betonte Ansatz der globalen Geschichte entbehrt außer Lippenbekenntnissen und gutgemeinten Ansätzen zum Großteil jeglicher Grundlage. Kritisch hervorzuheben ist zudem, dass unter 11 Autorinnen und Autoren lediglich eine Frau zu Worte kommt, die wie alle anderen Autoren ebenfalls aus einem europäischen Forschungskontext kommt. Zusätzlich dazu fällt auch auf, dass unter den insgesamt 7 Herausgebern von 6 Bänden keine einzige Herausgeberin ist.

Im direkten Vergleich mit anderen namhaften deutsch- oder englischsprachigen Werken wie Jürgen Osterhammels "Die Verwandlung der Welt" [3] und Christopher A. Baylys "The Birth of the Modern World" [4], Reinhard Sieders und Ernst Langthalers "Globalgeschichte 1800-2010" [5] oder Michael Manns "Die Welt im 19. Jahrhundert" [6] fällt vor allem auf: Die Gliederung des Buches nach Themenblöcken und nicht einzelnen Nationalgeschichten ist wie bei Sieder / Langthaler, Osterhammel und Bayly im Sinne der Globalgeschichte gelöst. Im Gegensatz dazu sind die Qualität und das wissenschaftliche Fundament des "globalen Blicks" bei allen genannten Werken von sehr unterschiedlicher Bandbreite. Dies mag an den einzelnen Beitragenden der jeweiligen Sammelbände (ausgenommen die Monographien von Osterhammel und Bayly) liegen, doch erscheint es enttäuschend, wenn in einer vermeintlichen Globalgeschichte erneut hauptsächlich die Geschichte Europas im langen 19. Jahrhundert zu finden ist. Die Herstellung der Gleichwertigkeit von anderen Geschichtsregionen mit Europa erscheint nach wie vor ein schwieriges Unterfangen zu sein. Warum der bereits mehrfach erwähnte Fokus auf Europa gewählt wurde, wird in einem knappen Statement in der Einleitung ausgeführt, das die LeserInnen mit einem unbefriedigten Gefühl zurücklässt: "Das dieser 'Westen' aber modern - und deshalb bis zu einem gewissen Grad nachahmenswert - sei, glaubten am Ende auch sehr viele Angehörige der Eliten praktisch aller nichtwestlichen Länder der Welt. [...] Für den Globalhistoriker aber bedeutet dies, dass für den hier behandelten Zeitraum eine eurozentrische Sicht - relativ gesehen - eher am Platz erscheint als in den anderen Bänden". (Demel, 2)

Die abschließende und vielleicht zu simplifzierende Aussage zum Rezensionswerk könnte im Sinne des Werkes des antiken Philosophen Epiktet aus dem "Handbuch der stoischen Moral" folgendermaßen lauten: "Ne sutor ultra crepidam! XXXVII. Wenn du eine Rolle übernimmst, welcher du nicht gewachsen bist, so wirst du sowohl in dieser zu Schanden werden, als auch jene, die du hättest ausfüllen können, vernachläßigen." [7] Die Globalgeschichte ist im Moment eine der dominanten Strömungen in den Geschichtswissenschaften und aus diesem Grund ist es bei vielen HistorikerInnen en vogue ein Werk mit einem solchen Titel zu verfassen. Der Inhalt kann jedoch nicht halten, was im Klappentext versprochen wird. Im Falle der WBG-Weltgeschichte Band V wurde ein Werk verfasst, das als klassisches Lesebuch eine Geschichte aus Europas Sicht beschreibt, aber für eine weitere kritische und wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema der Globalgeschichte wenig geeignet anmutet.


Anmerkungen:

[1] Sven Trakulhun: Siam und Europa. Das Königreich Ayutthaya in westlichen Berichten 1500- 1670, Hannover 2006.

[2] Professor Dr. H. Schmidt Glintzer im Namen der Herausgeber in der Leitidee: http://www.wbg-weltgeschichte.de/leitidee/ zuletzt aufgerufen am 4.4.2011.

[3] Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2008.

[4] Christopher A. Bayly: The Birth of the Modern World, 1780-1914. Global Connections and Comparisons, Oxford 2004.

[5] Reinhard Sieder / Ernst Langthaler (Hgg.): Globalgeschichte 1800-2010, Wien 2010.

[6] Michael Mann (Hg.): Die Welt im 19. Jahrhundert (=Globalgeschichte. Die Welt 1000-2000; Band 6), Wien 2009.

[7] Epiktet, Handbüchlein der stoischen Moral. Volltext hier: http://www.e-text.org/text/Epiktet%20-%20Handb%FCchlein%20der%20stoischen%20Moral.pdf zuletzt aufgerufen am 4.4.2011.

Wolfgang Gruber