Rezension über:

Rudolf Pokorny: Augiensia. Ein neuaufgefundenes Konvolut von Urkundenabschriften aus dem Handarchiv der Reichenauer Fälscher des 12. Jahrhunderts (= Monumenta Germaniae Historica. Studien und Texte; Bd. 48), Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2010, XI + 178 S., ISBN 978-3-7752-5708-4, EUR 20,00
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Rezension von:
Thomas Kreutzer
Kreisarchiv Hohenlohekreis, Neuenstein
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Kreutzer: Rezension von: Rudolf Pokorny: Augiensia. Ein neuaufgefundenes Konvolut von Urkundenabschriften aus dem Handarchiv der Reichenauer Fälscher des 12. Jahrhunderts, Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/18938.html


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Rudolf Pokorny: Augiensia

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Es kommt nicht häufig vor, dass heutzutage noch völlig unbekannte Urkunden aus dem frühen und hohen Mittelalter entdeckt werden. Umso überraschender sind nun neue Dokumente ausgerechnet aus der für diese frühe Zeit so ausgiebig erforschten Abtei Reichenau aufgetaucht. Der eigentliche Fund liegt schon etwas zurück und wurde im Rahmen der Edition der Bibliothek Konrad Peutingers (1465-1547) im Jahr 2005 publiziert. Doch erst der vorliegende Band beinhaltet eine eingehende Untersuchung der insgesamt 33 Urkunden und Briefe Reichenauer Provenienz, die als Abschriftenserie aus der Büchersammlung dieses Augsburger Humanisten überliefert sind. Es handelt sich um 16 Herrscherurkunden, neun Papsturkunden, fünf Abtsurkunden und -briefe sowie drei weitere Rechtstexte aus dem Zeitraum von 724 bis 1237/52, wobei der größere Teil als (Ver-)Fälschungen des 11. und 12. Jahrhunderts gilt. Bislang gänzlich unbekannt waren davon sieben Stücke, zuzüglich einer nur indirekt bekannten Urkunde. Zwölf Abschriften geben den lateinischen Originaltext von Dokumenten wieder, die bisher nur in der deutschen Übersetzung des Chronisten Gallus Öhem nachweisbar waren (und in dieser Textgestalt auch in den MGH Diplomata-Bänden publiziert worden sind). Von zwei weiteren Urkunden existierten bislang neben Öhems Übersetzungen nur Exzerpte. Die übrigen elf Stücke waren in ihrem lateinischen Originaltext bereits publiziert.

Die Arbeit besteht im Kern aus einer kritischen Edition derjenigen Texte, die entweder bisher unbekannt, die lediglich in der Öhem'schen Fassung und / oder als Exzerpt fassbar oder im originalen Wortlaut nur als Insert überliefert waren, was insgesamt 23 Stücke betrifft. Alle 33 Texte werden in Regestenform wiedergegeben und (zum Teil sehr ausführlich) kommentiert (13-147). Die einleitenden Bemerkungen zur Reichenauer Urkundenüberlieferung und zum aufgefundenen Abschriftenkonvolut beanspruchen nur wenige Seiten (1-12). Angefügt ist eine tabellarische Übersicht zu den Herrscher- und Papsturkunden für das Inselkloster von 724 bis 1207 (149-173) - eine verdienstvolle Aktualisierung der entsprechenden Liste Karl Brandis aus dem Jahr 1890. Den Abschluss bildet ein Personenregister, das allerdings bestimmte Personen nicht erfasst, darunter unverständlicherweise Peutinger selbst und den Fälscher Udalrich (175-178).

Die Zielsetzung der Studie besteht darin, das neu aufgefundene Konvolut und besonders die bislang unbekannten Stücke der Forschung zugänglich zu machen, doch das eigentliche Interesse Pokornys gilt der Frage nach der Echtheit der Dokumente. So wendet er das ganze ausgefeilte Instrumentarium der Diplomatik auf, um alle Texte auf ihre mögliche Herkunft aus der Reichenauer Fälscherwerkstatt hin zu prüfen. Neue Perspektiven eröffnen sich dabei nicht nur bezüglich der "neuen" Urkunden, sondern auch hinsichtlich der bisher nur auf Deutsch bekannten Stücke, deren lateinische Urfassung nun vorliegt. Manche bisher für echt gehaltene Texte (Nr. 7, 17, 25) werden auf dieser Grundlage als gefälscht erkannt. Daneben werden tiefe Einblicke in die Arbeitsweise der Reichenauer Fälscher geboten, indem unter anderem die Umarbeitung bereits vom sogenannten 'zweiten' Fälscher gefertigter Falsifikate durch dessen Nachfolger Udalrich detailliert dargestellt wird. Zu den wichtigsten neuen Erkenntnissen zählen die Identifizierung eines bislang unbekannten Fälschers aus dem mittleren 11. Jahrhundert (Nr. 17) sowie die Herausstellung einer neu aufgefundenen, echten Urkunde Abt Udalrichs II. als "Formular des 'zweiten' Fälschers" (8) für eine ganze Serie von Fälschungen ähnlichen Inhalts für die Reichenau und andere Klöster (Nr. 32).

Leider erschwert der Aufbau der Monographie den Erkenntnisgewinn. Alle relevanten Informationen stehen in den Kommentaren, sodass sich Redundanzen ergeben und nur mühsam ein kohärentes Bild erkennbar wird. Zwar erscheint auf den ersten Blick die Kommentierung der einzelnen Texte sinnvoll, da das Konvolut aus inhaltlich heterogenen Abschriften besteht. Auch strebt Pokorny ausdrücklich keine "neue Gesamtdarstellung des Reichenauer Fälschungskomplexes" (12) an. Dennoch wäre es hilfreich gewesen, gewisse Zusammenhänge und die wiederkehrenden Hauptlinien der Argumentation in einer Conclusio zusammenzufassen und dadurch die Kommentare zu entlasten; die kurze Einleitung vermag dieses Manko nicht auszugleichen.

Problematisch erscheint die zentrale These, dass den Abschriften das "Handarchiv" (12) des Fälschers Udalrich aus dem 12. Jahrhundert zugrunde gelegen habe. Die Annahme beruht vor allem auf der Vielzahl an gefälschten Stücken im Konvolut, was aber angesichts der generellen Häufigkeit von Fälschungen in der Reichenauer Überlieferung nicht verwundern muss. Auch die beiden wie Formulierungshilfen wirkenden Fragmente Nr. 22 und 28 scheinen für die These zu sprechen. Ein gewichtiges Gegenargument stellt hingegen der "Nachzügler" (12) von 1232/57 dar. Auf jeden Fall steht die These auf so schwachen Füßen, dass Pokorny selbst ihr ein "vielleicht" (11) voranstellt. Beim Untertitel wäre es daher angebracht gewesen, zumindest ein Fragezeichen anzubringen.

Auch der Haupttitel des Bandes führt in die Irre. Unter "Augiensia" könnte man sich etwa eine thematisch breit gefächerte Miszellensammlung zur Reichenauer Geschichte vorstellen, doch geht es vor allem um ein Thema: die Reichenauer Fälschungen. Eine historische Kontextualisierung der einzelnen Dokumente findet nur teilweise statt. Etwas zu kurz kommt zudem der Überlieferungszusammenhang der Augsburger Handschrift, die das Konvolut beinhaltet. Die Klärung der Frage, ob die Abschriften im Auftrag Peutingers angefertigt wurden oder von Mönchen aus St. Ulrich und Afra, die von 1510 bis 1516 den Gottesdienst im Inselkloster aufrecht erhielten, bleibt der späteren Forschung überlassen.

Angesichts des MGH-Hintergrunds der Publikation erstaunt es ein wenig, dass sich viele formale Ungenauigkeiten bis hin zu grammatischen und orthografischen Fehlern einschleichen konnten, die größtenteils durch redaktionelle Überarbeitung hätten vermieden werden können. Hier nur wenige Beispiele: der Kommentar zu Nr. 17 enthält zahlreiche Schreibfehler aller Art (81, 82, 83, 85, 87, 88, 94, 95, 100); im Text zu Urkunde Nr. 70 in der Übersicht am Ende (163) wird Bezug genommen auf "WUB Bd. 1", doch erscheint in der Literaturliste (VIII) nur der zweite Band dieses Urkundenbuches; der Verweis auf die Regesta Imperii bei Nr. 106 (169) steht unter dem Text, nicht wie sonst darüber; im Quellen- und Literaturverzeichnis (VII-XI) fehlen sämtliche im Anmerkungsapparat aufgeführten Lexikonartikel, MGH Diplomata- und Epistolae-Bände sowie Migne PL-Bände. Manche Formalie ist durchaus diskutabel, etwa die wenig hilfreiche Verwendung von Auslassungsstrichen zur Kennzeichnung fehlender Nummern bei bisher unbekannten und in den Quellenwerken noch nicht gezählten Urkunden, z.B. "D LdK -" bei Nr. 11 (53). Sinnvoll wäre es gewesen, die Belege für Öhems Übersetzungen im Kopfregest anzuführen. Auch vermisst man eine augenfällige Kennzeichnung der Falsifikate und die Archivsignaturen der (Pseudo-)Originale.

So entsteht insgesamt ein zwiespältiger Eindruck. Auf der einen Seite leistet Rudolf Pokorny einen wichtigen Beitrag zur Überlieferungs- und Rechtsgeschichte der Reichenau, der der künftigen Forschung nicht nur neue Einsichten, sondern auch neue Quellen zur Verfügung stellt. Auf der anderen Seite hätte man sich zur Erleichterung der Lektüre und des Verständnisses gewisse Modifikationen im Aufbau und in der Darstellung gewünscht.

Thomas Kreutzer