Rezension über:

Alexandru Ştefan Anca: Herrschaftliche Repräsentation und kaiserliches Selbstverständnis. Berührung der westlichen mit der byzantinischen Welt in der Zeit der ersten Kreuzzüge (= Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme. Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496; Bd. 31), Münster: Rhema Verlag 2010, 223 S., ISBN 978-3-930454-96-9, EUR 32,00
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Rezension von:
Jenny Rahel Oesterle
Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Jenny Rahel Oesterle: Rezension von: Alexandru Ştefan Anca: Herrschaftliche Repräsentation und kaiserliches Selbstverständnis. Berührung der westlichen mit der byzantinischen Welt in der Zeit der ersten Kreuzzüge, Münster: Rhema Verlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/18652.html


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Alexandru Ştefan Anca: Herrschaftliche Repräsentation und kaiserliches Selbstverständnis

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Die vorliegende Dissertation von Alexandru Ştefan Anca entstand im Kontext des Sonderforschungsbereichs 496 "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme" an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ausgehend von Forschungsansätzen und -ergebnissen der 'Münsteraner Schule' über die Relevanz von Ritualen für den Zusammenhalt und das Funktionieren vormoderner Gesellschaften rückt Anca die Bedeutung der symbolischen Kommunikation in interkulturellen Begegnungskonstellationen ins Zentrum. Er richtet sein Augenmerk auf Formen herrscherlicher Repräsentation in Byzanz, insbesondere auf das Selbstverständnis des Basileus in der symbolischen Kommunikation mit dem lateinischen Westen unter der Herrschaft der Komnenenkaiser (1081-1180). Der zeitliche Schwerpunkt ist sinnvoll gewählt, verdichteten sich doch gerade während der ersten Kreuzzüge die Kontakte zwischen dem lateinischen und griechischen Kaiserreich. Begegnungen zwischen Byzanz und dem 'Westen' in dieser Phase wurde aus diesem Grund allerdings in der Forschung von byzantinistischer und mediävistischer Seite bereits in der Vergangenheit intensive Aufmerksamkeit gezollt. Dies gilt auch für die Erforschung von Ritualen und Zeremonien, insbesondere der Herrschaftsrepräsentation und religiösen Inszenierung des Basileus, ihre herausgehobene Rolle in der byzantinischen politischen Kultur und ihre Wirkung auf Reisende und Diplomaten aus dem Westen.

Stärker jedoch als seine Vorgänger (z.B. Otto Treitinger oder Paul Magdalino) akzentuiert Anca die Frage, was die Formen symbolischer Kommunikation über das Selbstverständnis des Basileus in interkulturellen Kontakten aussagen, wobei er "interkulturelle Kontakte" allein auf Begegnungen zwischen Byzanz und dem lateinischen Westen begrenzt. Dieser Untersuchungsansatz verspricht Aufschlüsse in mehrfacher Hinsicht. Einerseits erlaubt er, aus dem 'Fremdblick' auswärtiger Gesandter und Herrscher Spezifika symbolischer Kommunikation in Byzanz präziser zu erfassen; andererseits eröffnet er das Potential, Fragestellungen und Ergebnisse der neueren mediävistischen Ritualforschung über den lateinisch-christlichen Kulturraum des Mittelalters hinaus in einem anderen kulturellen Kontext zu erproben, ja gegebenenfalls zu erweitern.

Die Arbeit setzt nach einer knappen Einleitung (8-18), die Forschungsstand und Quellenlage, sowie Leitfragen formuliert, medias in res mit vier Hauptkapiteln ein. Der erste Untersuchungskomplex ist den Darstellungen zweier Kaiser, Johannes II. und Manuel I. Komnenos, während des Triumpheinzugs in Antiochia gewidmet. Im Unterschied zu früheren Herrschern maßen die Komnenen Triumphzügen erhöhte Aufmerksamkeit bei. Anca konzentriert sich auf einen Vergleich zwischen zwei bestimmten Einzügen in Antiochia (1138 und 1159). Dieses Vorgehen erbringt die Erkenntnis einer "Zäsur im Bereich des Zeremoniells" der Komnenen (26). Obwohl oder gerade weil die Stadt seit 1085 nicht mehr Teil des byzantinischen Herrschaftsgebiets war, von den Byzantinern aber nach wie vor als zu ihnen gehörig betrachtet wurde, inszenierte sich der Basileus dort triumphal als siegreicher Kaiser sowie Bezwinger der Barbaren. Bemerkenswert ist, den örtlichen Gegebenheiten entsprechend und im Unterschied zur Kaiserstadt Byzanz, die zeremonielle Einbindung der in Antiochia anwesenden lateinischen Großen, etwa durch "Ehrendienste und Disziplinierungsmaßnahmen" (51) wie den Stratordienst.

Im zweiten Großkapitel werden Begegnungen zwischen byzantinischen und 'fremden' Herrschern untersucht. Kreuzzüge und Pilgerfahrten führten seit dem 11. Jahrhundert immer häufiger 'westliche' Herrscher über Byzanz in den Orient, seien es die skandinavischen Könige Eirik I. von Dänemark (1095-1103) oder Sigurd von Norwegen (1103-1130), der französischen König Ludwig VII. (1137-1180) oder der König von Jerusalem, Balduin III. (1143-1162). Wie liefen diese Herrscherbegegnungen ab, welchem Schema folgten sie, welche Abweichungen und Veränderungen sind festzustellen? Anca erschließt sowohl lateinische als auch griechische Quellen auf zeremonielle Details der Empfänge, wie Begrüßung, Orte, Zeiten, Dauer der Treffen und insbesondere die Übergabe von Geschenken.

Das dritte und vierte Hauptkapitel fokussieren Konflikte zwischen Kreuzfahrern und byzantinischen Kaisern sowie Formen der Konfliktbeilegung bzw. gescheiterte Rituale. Im dritten Kapitel steht vor allem die Analyse der 'deditio' des Rainald von Châtillon im Mittelpunkt, deren Ablauf Anca einer eingehenden Prüfung unterzieht und sie, im Anschluss an andere Forschungen, als "ritualisierten politischen Akt" der Konfliktbeilegung deutet (170). Zu Recht wird nicht nach lateinischen "Einflüssen" auf die Gestaltung des Rituals gesucht, das auffällige Ähnlichkeiten zur Unterwerfung Mailands unter Barbarossa 1158 aufweist, sondern die Komplexität des Rituals betont, das auf byzantinische Formen der Bestrafung und Demütigung von Verbrechern rekurrierte. Das knapp gehaltene vierte Kapitel schließlich stellt zwei "gescheiterte" Rituale ins Zentrum: den Eklat um den falschen Kaiser Michael 1081 und den Empfang der deutschen Gesandten durch Kaiser Alexios III. Angelos 1196. Erneut wird wiederum die Frage nach dem sich darin spiegelnden Selbstverständnis des Basileus verfolgt und bedacht, welche Risiken sich ergaben, wenn die symbolische Sprache versagte.

Insgesamt zeichnet sich die Studie durch eine solide Quellenarbeit an lateinischen und griechischen Texten aus. Durch eine Letztkorrektur hätten sprachliche und grammatikalische Mängel, die man einem nicht muttersprachlichen Autor gerne nachsieht, leicht behoben werden können. Die Erkenntnis versprechenden Möglichkeiten seiner Leitfrage nutzt Anca jedoch nur teilweise. Die Einleitung, aber auch die einzelnen Kapitel kommen weitestgehend ohne methodische Überlegungen aus; die Auswahl und Zusammenstellung der vier Untersuchungsfelder hätte klarer begründet werden sollen. Zwar wird in den vier Hauptkapiteln die Frage nach dem Selbstverständnis des Basileus in interkultureller symbolischer Kommunikation immer wieder aufgegriffen, sie bildet jedoch nur eine lockere Klammer. In der Zusammenfassung wären daher bündelnde Überlegungen weiterführend gewesen. Die Arbeit geht von dem in der Forschung zu Ritualen und interkulturellen Begegnungen erreichten Stand aus, bleibt aber eine ihn ausschreitende Spezialstudie. Inhaltlich wurde symbolische Kommunikation in byzantinisch-'westlichen' Begegnungskonstellationen in der Zusammenstellung, die Anca vornimmt, das heißt von Triumphzügen, Herrscherbegegnungen, Konflikten und Konfliktlösungsmöglichkeiten sowie gescheiterten Ritualen, bislang nicht erarbeitet. Insofern erweitert die Dissertation in jedem Fall den Forschungshorizont der im Entstehungszeitraum der Arbeit noch weitgehend auf Lateineuropa konzentrierten mediävistischen Ritualforschung.

Jenny Rahel Oesterle