Rezension über:

Bernd Isele: Kampf um Kirchen. Religiöse Gewalt, heiliger Raum und christliche Topographie in Alexandria und Konstantinopel (4. Jh.) (= Jahrbuch für Antike und Christentum. Ergänzungsband. Kleine Reihe; 4), Münster: Aschendorff 2010, VI + 267 S., ISBN 978-3-4021-0910-6, EUR 38,00
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Rezension von:
Christian Müller
Lehrstuhl für Kirchengeschichte I, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Ute Verstegen
Empfohlene Zitierweise:
Christian Müller: Rezension von: Bernd Isele: Kampf um Kirchen. Religiöse Gewalt, heiliger Raum und christliche Topographie in Alexandria und Konstantinopel (4. Jh.), Münster: Aschendorff 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/18650.html


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Bernd Isele: Kampf um Kirchen

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Die 2006 angenommene Dissertation von Bernd Isele resultierte thematisch aus dem Münsteraner Projekt "Kampf um Kultstätten". In der knappen Einleitung (1-13) skizziert der Autor programmatisch das Thema: Untersucht werden die Wechselwirkungen zwischen innerchristlichen Konflikten und den Veränderungen in der Semantik von Gebäuden beziehungsweise Orten im Kontext spätantiker Städte (5).

Der Hauptteil zerfällt in zwei etwa gleich große Hälften, in denen jeweils grob chronologisch Quellen zur Kirchengeschichte Konstantinopels (15-111) und Alexandrias (113-192) im 4. Jahrhundert besprochen werden. Ein Scharnier bilden zwei kurz kommentierte Karten der beiden Städte, die durch thematische Konzentration nicht unmittelbar betroffene Gebäude ausblenden.

Den Auftakt der Untersuchung bildet der Umgang mit dem Tod des Arius, angeblich in einer Latrine (15-32). Diese "Mikrostudie" zeichnet für Isele das Paradigma der Arbeit vor: Bedeutungsvolle Ereignisse der Kirchengeschichte überziehen den öffentlichen beziehungsweise kirchlichen Raum mit Bedeutung, sei es in Form von direkter Erinnerung oder in einem übertragenen, symbolischen Sinne.

In dieser Logik folgen der Kampf um die Irenen- und Sophienkirche (33-50) (Konflikte um den Bischofsthron zwischen Paulos und Makedonios), die Rolle des Makedonios bei der Verlegung der Gebeine Konstantins in die Akakioskirche (51-79) und die Deutung kleinerer Kirchen Gregors von Nazianz und der Novatianer als "Anastasiai" (80-98), schließlich die weitere Geschichte der Bauwerke unter Theodosius (98-106).

Der Alexandria-Teil beschreibt zunächst Rahmenbedingungen wie das Spannungsverhältnis zwischen Bischof und Kaiser (113-119). Im Zentrum der Analyse stehen - wegen des reichen Belegmaterials - die Ereignisse um Athanasius, so zunächst die Affäre um Ischyras hinsichtlich der Heiligkeit seiner Hauskirche sowie des dort zerbrochenen (Eucharistie-)Kelchs (131-142). Es folgen Untersuchungen zur Theonaskirche, die laut Isele vom Ort des zum Symbol für den Kampf des Athanasius mit Gegenbischöfen und kaiserlichen Beamten wurde, dessen Potential auch seine Nachfolger im Konfliktfall zu (re)aktivieren wussten (143-166), sowie zur "Großen Kirche" im Kaisareion (167-192).

Das Resümee (193-218) liegt größtenteils auf der Linie der Einleitung. Die abschließende Einordnung (219-221) in das Projektthema "Kampf um Kultstätten" wehrt dem Missverständnis, dass das Christentum im 4. Jahrhundert vor allem durch Zerstörung fremder Kultstätten um die städtische Topografie gekämpft habe. Vielmehr habe sich die religiöse Gewalt in dieser Zeit auf den innerchristlichen "Kampf um Kirchen" konzentriert.

Bernd Isele hat für zwei wichtige spätantike Metropolen reiches Quellenmaterial gesammelt, das bislang von Untersuchungen zur Ereignis- und Theologiegeschichte wenig berücksichtigt wurde. Der Forschungsstand zur Ereignisgeschichte wird meist gut referiert (im Alexandria-Teil scheint Isele hauptsächlich seinem mehrfach gewürdigten Lehrer Hahn [1] (44-77), zu folgen). Auch die Quellenstücke sind als solche bekannt, allerdings noch nie so gebündelt untersucht und anschaulich-narrativ dargeboten worden. Daher stellt das Buch für alle Interessierten, besonders für Christliche Archäologen, eine Fundgrube dar. Angesichts der späten Veröffentlichung wäre allerdings ein konsequenter Literaturnachtrag nötig gewesen. So fehlen die neuen Dokumente zum arianischen Streit [2], deren "Bemerkungen zur Chronologie des arianischen Streits bis zum Tod des Arius" für die Frage nach dem Todesjahr des Arius grundlegend sind.

Iseles methodischer Zugang ist da unmittelbar plausibel, wo er Naheliegendes expliziert: Es leuchtet ein, dass Ereignisse in der Erinnerung an ihren Schauplätzen hafteten - und dass sich im Rahmen einer Erinnerungskultur Potentiale dieser "memorials of events" (195) nutzen ließen. Der Vergleich hinkt jedoch, wenn er zur Plausibilisierung seines Ansatzes eine einfache Analogie zu den Erinnerungsorten des Heiligen Landes herstellt (196). Während sich deren Bedeutung auf eine christliche opinio communis stützte, ist bei den von Isele untersuchten Orten/Gebäuden mit je mindestens zwei Deutungen zu rechnen: Die Theonaskirche war nur einerseits (aus der Sicht des Athanasius) "das Stein gewordene Symbol für Vertreibung" (166); sie müsste andererseits auch (für seine Gegner) Symbol der Renitenz eines Verbrechers gewesen sein. Die prinzipielle Mehrdeutigkeit solcher Gebäude kommt nur partiell in den Blick, da Isele stark den Quellen in ihrer jeweiligen, stets einseitigen, Tendenz folgt. Generell wirkt der literarische (oft gattungsbedingte) Charakter der Texte und ihrer situativ-rhetorischen Aussagen unterbestimmt.

Natürlich sollte eine Dissertation auch Neues bieten: Isele sieht in den Kirchengebäuden einen eigenen und zunehmend autonom wirksamen Faktor in den Konflikten der christlichen Gruppen des 4. Jahrhunderts - und in den Konflikten wiederum Impulse für die Wahrnehmung der Kirchen als heilige Räume. Für beide Aspekte ist die Deutung der Ischyras-Affäre in Athanasius' Apologia secunda (11-12) symptomatisch: Während Iseles Schluss, dass der Text für die formale Erkennbarkeit von Gebäuden als Kirchen auswertbar sei (142), überlegenswert ist, sind die weiteren Thesen (autonome Würde von Kirchengebäude und Kelch) schwerer haltbar: Condicio sine qua non für eine Kirche und Eucharistie ist doch auch hier die Legitimität des Amtsträgers, die eben Ischyras (und seinen Unterstützern) abgesprochen wird.

Dies wirft zwei methodische Probleme der Arbeit auf, die mit den beiden Thesen korrespondieren: Autonom werden die Kirchengebäude erst durch die stark fokussierte und zu wenig kritische Betrachtung der Quellen, die teilweise die Kontexte vernachlässigt. So geht es bei Bischofswahlen in Konstantinopel beziehungsweise beim behördlichen Vorgehen gegen Athanasius immer um die Person des jeweiligen Bischofs (von Hahn [1] (276-280) zu Recht als "Schlüsselfigur" bezeichnet). Kirchengebäude werden dabei zwangsläufig Orte des Geschehens: Wo sonst sollte man Bischöfe weihen beziehungsweise Athanasius aufspüren? Selbst die spektakuläre zweimalige Translation der Novatianerkirche (94-96) könnte zuallererst der Wert des Baumaterials bedingt haben (gegen 217).

Ähnliches gilt für die "Frage nach dem transzendenten Eigengewicht der Kirchen" (216): Die besondere Würde des Eucharistiekelchs muss ebenso vor den Konflikten festgestanden haben wie die Unantastbarkeit des Chorraumes durch Laien (Soldaten) beim "Sturm auf die Theonas" (156f.). In der polemischen Literatur wurde auf diese Konzepte rekurriert, eine wirkliche Entwicklung ist meines Erachtens nur schwer erkennbar. Zudem hatte Heiligkeit klare Grenzen: Die Theonaskirche wurde als Gebäude keineswegs immer "unangreifbarer" (166) und hatte keinen einzigen Angriff auf Athanasius "abgewehrt" - die Kirchentüren wurden mitunter sogar aufgebrochen. Die Analyse der Quellen (abgedruckt in einem seltsamen Wechsel von griechischen Buchstaben, Umschrift und freier Übersetzung) tendiert so zur Heraushebung von Selbstverständlichkeiten, die sich stilistisch in der Personifikation der Kirchengebäude als handelnde Entitäten niederschlägt.

Iseles dritter Aspekt, die Prägung des "städtische[n] Feld[es]" (203) durch die Ereignisse hin zu einer "christlichen Topographie" (205f.), wird plausibel skizziert, jedoch selten konkretisiert (nur in der Relation Zentrum-Peripherie (51-61) und für Theodosius). Ohne den Versuch eines in-Beziehung-Setzens der ermittelten Semantik verschiedener Kirchen bleibt indes die Rede von der "Sakraltopographie" relativ blass. Insbesondere wäre spannend, wie sich aus der Perspektive verschiedener Zeitgenossen (neben christlichen "Sondergruppen" wie der Novatianer auch der nichtchristlichen Bevölkerungsanteile) verschiedene Topographien ergeben würden. Auch wäre zu prüfen, welche nicht-kirchlichen, gleichwohl bedeutungsgeladenen Orte/Gebäude die Wahrnehmung einer Stadt mitbestimmten - und so auch für Christen die Bedeutung der Kirchen im städtischen Feld relativierten (ansatzweise deutlich am Mausoleum Konstantins (59-61)).

Die Kritik dokumentiert auch die anregende Seite der Arbeit. Isele hat den in der Kirchengeschichtsforschung wenig gewürdigten Kontext "Stadt" in den Fokus der Diskussion gebracht und zu einem interessanten Teilaspekt ambitionierte Interpretationen der wirkenden Mechanismen vorgelegt. Es ist zu hoffen, dass die von ihm angestoßene Thematik, auch wenn seine Deutungen nicht ohne Widerspruch bleiben werden, weitere Beachtung und eine angeregte Diskussion erfährt.


Anmerkungen:

[1] Johannes Hahn: Gewalt und religiöser Konflikt. Studien zu den Auseinandersetzungen zwischen Christen, Heiden und Juden im Osten des Römischen Reiches (von Konstantin bis Theodosius II.), Berlin 2004.

[2] Athanasius Werke III.1 Dokumente zur Geschichte des arianischen Streits. 3. Lieferung bis zur Ekthesis makrostichos, hgg. von Hanns Christof Brennecke / Uta Heil / Annette von Stockhausen / Angelika Wintjes, Berlin / New York 2007.

Christian Müller