Rezension über:

Kenneth Weisbrode: The Atlantic Century. Four Generations of Extraordinary Diplomats who Forged America's Vital Alliance with Europe, Cambridge, MA: Da Capo Press 2009, IX + 470 S., ISBN 978-0-306-81846-2, USD 30,00
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Rezension von:
Klaus Schwabe
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Aachen
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Schwabe: Rezension von: Kenneth Weisbrode: The Atlantic Century. Four Generations of Extraordinary Diplomats who Forged America's Vital Alliance with Europe, Cambridge, MA: Da Capo Press 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/18298.html


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Kenneth Weisbrode: The Atlantic Century

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Im Zeichen nahöstlicher Konfliktherde droht vergessen zu werden, dass die USA ihre Weltmachtstellung im 20. Jahrhundert in erster Linie durch ihr Engagement in und für Europa erworben haben. Nur hier konnten sie schließlich auch eines ihrer außenpolitischen Hauptziele erreichen: die Schaffung eines friedlichen und prosperierenden Kontinents. Die Europapolitik der USA ist, wie z.B. die Arbeiten von B. Neuß ("Geburtshelfer Europas", 2000) oder J. L. Harper ("American Visions of Europe",1994) belegen, auf beiden Seiten des Atlantiks seit langem ein viel beackertes Forschungsfeld. Der Autor dieser zunächst als Dissertation verfassten Darstellung setzt einen besonderen Akzent: Er legt den Schwerpunkt auf die Zeit von 1945 bis in die frühen siebziger Jahre, und er stellt die Europa-Abteilung des State Departments in den Mittelpunkt seiner Untersuchung. Zwei Gründe bestimmten seine Themenwahl: Zum einen lieferte das "European Desk" den Rahmen für die Entstehung eines einflussreichen Netzwerkes von Experten, aus dem sich dann ein politisch unabhängiges Berufsbeamtentum entwickelte; zum anderen hat diese Personengruppe wie keine andere die transatlantische Orientierung der amerikanischen Außenpolitik begründet und fortentwickelt. Beides war alles andere als selbstverständlich in einem Amerika, das bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Fachbeamtentum überhaupt noch nicht kannte und das traditionell eher europakritisch eingestellt war. Indem Weisbrode beides in den Blick nimmt, verfolgt er einerseits einen institutions- sowie personengeschichtlichen, andererseits einen mentalitäts- sowie diplomatiegeschichtlichen Ansatz. Insgesamt spielt der persönliche Faktor bei ihm eine zentrale Rolle.

Eine Art Prolog greift zunächst auf die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück, in dem sich das neue Europabüro des US-Außenministeriums an eine multilaterale Außenpolitik im Sinne von Präsident Wilson gewöhnte, deren Maximen es in die wieder selbstbezogen-nationalistisch gewordenen zwanziger Jahre hinüberrettete. Erst im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges, so zeigt der Autor, gewann das "European Desk" die Schlüsselstellung, die es dann bis in das spätere 20. Jahrhundert hinein einnehmen sollte (39). Vor Pearl Harbor trug es erheblich zu der Konzipierung der pro-britischen "Neutralitätspolitik" F. D. Roosevelts bei, die in der vom State Department (S. Welles) entworfenen Atlantic Charter gipfelte. In dieser Phase, so Weisbrode, sei es ihm unter der Leitung von Freeman Matthews und John Hickerson auch gelungen, nicht-professionelle Außenseiter in der amerikanischen Diplomatie wie William Bullitt oder Alexander Kirk zu assimilieren und seine Stellung in der amerikanischen Regierungsbürokratie auf Dauer zu festigen.

Nach dem Intermezzo des Bündnisses mit Stalin entwickelte sich die Europa-Abteilung von einem Propheten des Kalten Krieges zu dem Hauptinitiator eines vorrangig vorangetriebenen Wiederaufbauprogrammes für das nicht sowjetisch beherrschte Europa - ein Programm, das vor allem auf eine Rehabilitation Deutschlands hinzielte und sich auch an europäischen Einigungsplänen (Jean Monnet) orientierte. In diesem Zusammenhang hebt der Autor freilich einen fundamentalen Zielkonflikt hervor, der sich alsbald zwischen "Atlantizisten" und "Europäisten" auftat (114 ff.). Für die Atlantiker bildete die europäische Integration lediglich ein Mittel zur Festigung der ebenfalls unter tatkräftiger Mitarbeit des European Desk geschaffenen NATO, während sie für die "Europäer" einen Selbstzweck darstellte. Das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) verlieh der auf die NATO gestützten Sicherheitspolitik Priorität. Es folgte, was Weisbrode als die "goldenen Jahre" einer unaufdringlichen amerikanischen NATO- und Europapolitik bezeichnet (149), die erst die Regierung Kennedy hinterfragte. Die Vertreter einer vornehmlich sicherheitspolitisch definierten transatlantische Politik wie Kennedys Nationaler Sicherheitsberater McGeorge Bundy bezeichneten die "Europäisten" (wie George Ball) jetzt als "Sekte" (158), die mit dem Projekt einer Multilateralen Atomstreitmacht (MLF) als Vehikel für eine fortschreitende Einigung Europas einem Phantom nachzujagen schienen. De Gaulles Euroskeptizismus unterstrich die Bedenken der "Atlantiker", während das European Desk vergeblich versuchte, die US-Regierung unter L. B. Johnson für einen härteren Kurs gegen die vom französischen Staatschef gewählte Außenseiterrolle in der NATO- und Europapolitik zu gewinnen.

Infolge der zuerst von Francis Bator, einem Mitarbeiter Bundys, zur Diskussion gestellten Konzeption einer Détente zwischen beiden Teilen Europas schien das European Desk allmählich ins Hintertreffen zu geraten. Tatsächlich leistete es unter der Oberaufsicht von H. Sonnenfeldt und M. Hillenbrand, wie Weisbrode nachweist, aber doch die entscheidende Vorarbeit für die Verwirklichung dieser Détente, die sich dann in den Ostverträgen, insbesondere im Vier-Mächte-Abkommen, und in der Helsinki-Schlußakte niederschlug: "Die Europa-Abteilung", so resümiert der Verfasser, "verhinderte, dass die Berlin-Verhandlungen die Westalliierten auseinanderdividierten; sie half, die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa aus einem sowjetischen Propagandaforum in ein subtiles, aber machtvolles Kampfmittel gegen die Fortdauer der sowjetischen Macht zu verwandeln; sie zimmerte eine Antwort zum Eurokommunismus, die nicht in die Hände derer spielte, die es zu besiegen galt, und trug dazu bei, dass die wahren Feinde des Westens keine westeuropäische Regierung unter ihre Kontrolle brachten. Sie tat auch alles, um das Gewicht der transatlantischen Beziehungen nach dem Vietnamkrieg wiederherzustellen und eine erfolgreich-flexible Reaktion auf den erweiterten Gemeinsamen Markt und die politisch-wirtschaftlichen Krisen der frühen siebziger Jahre zu gewährleisten" (271). Für eines ihrer Hauptverdienste hält Weisbrode die Übertragung von Leitvorstellungen, die schon für die europäische Integration gegolten hatten, auf Europa als Ganzes - so vor allem das Streben nach einer wachsenden Bewegungsfreiheit für Menschen, Ideen und Informationen (231). Die Tatsache, dass sich schließlich auch der eher Europa-skeptische Henry Kissinger zu diesem Konzept bekannte, unterstreicht den nach wie vor starken Einfluss der Europa-Abteilung.

Das folgende Jahrzehnt - in der Studie eher ein Epilog - untergrub im Zeichen wirtschaftlicher Verwerfungen, der abrüstungspolitischen Prioritäten der Carter-Administration und der allmählichen Verlagerung des amerikanischen Interessenschwerpunkts in den Nahen Osten (Iran) den Einfluss des European Desk endgültig. Die Kronzeugen seiner Europapolitik waren ohnehin in die Jahre gekommen. Am Bemühen, den sowjetischen Griff auf Osteuropa zu lockern, hielt das European Desk freilich fest. Die große Wende von 1989/90 belohnte diese Beharrlichkeit, brachte aber gleichzeitig auch das Ende der Europazentriertheit des State Departments.

Von einer überaus reichen Quellengrundlage ausgehend, lag dem Verfasser immer wieder daran, die wesentlichen Weichenstellungen in der amerikanischen Europapolitik in Bezug zu setzen zu den (hier nicht genauer wiederzugebenden) personellen Entwicklungen in der Europa-Abteilung des Außenministeriums. Er hat damit aufschlussreiche Zusammenhänge sichtbar gemacht und durch treffende - wenn auch oft lange - Zitate illustriert, wobei er den institutionellen Aspekt etwas in den Hintergrund treten lässt. Künftige Historiker müssen ihm jedenfalls dankbar sein, dass sie hinter den nichtssagenden Unterschriften unter den zeitgenössischen Berichten der amerikanischen Diplomatie jetzt lebendige Personen erkennen können, darunter nicht wenige hervorragende Vertreter ihres Metiers. Sein personenbezogener, oft mit Anekdoten gespickter Blickwinkel trägt erheblich zur Auflockerung seiner Analysen bei. Damit unterbricht er allerdings auf Schritt und Tritt den Fluss einer Darstellung, die er einleitend selbst als "episodenhafte Rekonstruktion" kennzeichnet (IX). Das macht die Lektüre und wissenschaftliche Auswertung dieses kompendienartigen Buches nicht leichter. Es bleibt trotzdem ein ganz unstrittiges Verdienst des Autors, eine maßgebliche Quelle der außenpolitischen Willensbildung Amerikas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschlossen und verlebendigt zu haben.

Klaus Schwabe