Rezension über:

Caesarius von Heisterbach: Dialogus miracolorum - Dialog über die Wunder. Übersetzt und kommentiert von Nikolaus Nösges und Horst Schneider (= Fontes Christiani; Bd. 86/1-5), Turnhout: Brepols Publishers NV 2009, 5 Bde, 2435 S., ISBN 978-2-503-52941-7, EUR 200,50
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Rezension von:
Anja Ostrowitzki
Landeshauptarchiv Koblenz
Redaktionelle Betreuung:
Claudia Zey
Empfohlene Zitierweise:
Anja Ostrowitzki: Rezension von: Caesarius von Heisterbach: Dialogus miracolorum - Dialog über die Wunder. Übersetzt und kommentiert von Nikolaus Nösges und Horst Schneider, Turnhout: Brepols Publishers NV 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/17251.html


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Caesarius von Heisterbach: Dialogus miracolorum - Dialog über die Wunder

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Der "Dialogus miraculorum", ein "Bestseller" mittelalterlicher Klosterlektüre (vgl. Einleitung 85), liegt endlich in einer vollständigen und gut lesbaren deutschen Übersetzung vor. Dieses wichtigste Werk des Zisterziensermönchs Caesarius, der im frühen 13. Jahrhundert in der Abtei Heisterbach im Siebengebirge lebte, ist bekanntlich eine Fundgrube für Material zu kulturwissenschaftlichen, literatur-, regional-, frömmigkeits- und ordensgeschichtlichen Fragen. Indes war die Durchsicht der Exempelsammlung nach bestimmten Themen, zumal im Hinblick auf interessante, aber beiläufig mitgeteilte Details, anhand der einschlägigen Edition von J. Strange (1851) bisher mühsam. Die zweisprachige Ausgabe, die auf Stranges Text fußt, ist daher ein willkommenes Hilfsmittel, gerade auch für Studierende. Die Reihe Fontes Christiani richtet sich jedoch nicht nur an ein Fachpublikum. Wer sich aus Leselust mit dem Lehrdialog und der darin entfalteten Vorstellungswelt mittelalterlicher Menschen beschäftigen wollte, musste sich im Deutschen mit Auswahlübersetzungen begnügen. So ist es erfreulich, dass dank der Übersetzungsleistung von Nikolaus Nösges und Horst Schneider die Quelle nun in Gänze einer breiteren Leserschaft zugänglich ist. Ihr ist eine kurzweilige und vergnügliche Lektüre gewiss. Die nötigen Hintergrundinformationen bieten der Sachkommentar, der u.a. Begriffe aus dem monastischen Kontext erklärt, und die gute Einleitung. Sie behandelt die Entstehung des Zisterzienserordens, die Geschichte der Abtei Heisterbach, das klösterliche Leben, Vita und Schriften des Caesarius, den Dialogus als literarisches Werk und seine Rezeption. Leider sind die fünf Teilbände zusammen so teuer, dass sie nur wenige geneigte Leser und Leserinnen erreichen dürften. Man wünschte sich zusätzlich eine preiswertere Studienausgabe, die nur die Übersetzung präsentierte.

Der "Dialogus miraculorum" enthält eine Sammlung von 746 Exempeln. Den Rahmen bildet ein Lehrdialog zwischen einem erfahrenen Mönch, hinter dem sich der Verfasser verbirgt, und einem Novizen, der im geistlichen Leben unterwiesen wird. Das geschieht in zwölf Büchern über Bekehrung, Reue, Buße, Versuchung, Dämonen, Einfalt, die heilige Maria, Visionen, Eucharistie, Wunder, Tod und Sterben sowie himmlischen Lohn und höllische Strafen. Überzeugungskraft verleiht der langjährige Heisterbacher Novizenmeister den frommen Belehrungen durch die Beispielerzählungen, die lebensnah und anschaulich gestaltet sind. Stoff dazu fand Caesarius nicht allein in antiken und mittelalterlichen Schriften, häufig schöpfte er auch aus mündlicher Überlieferung. Er nahm auf, was ihm Bemerkenswertes zu Ohren kam: bei eigenen Besuchen in anderen Klöstern, im Gespräch mit heimgekehrten Mitbrüdern oder den Gästen der Abtei. So berichtet er über das Zeitgeschehen ebenso wie über wunderbare Begebenheiten aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Denn in seiner Weltsicht war es ganz selbstverständlich, dass Gott und die Engel, Teufel und Dämonen sichtbar in das Leben der Menschen eingriffen.

Die Quellenausgabe wird am Ende des 5. Teilbands erschlossen durch eine Bibliographie, ein Verzeichnis der Bibelstellen, Indices der Personen- und Ortsnamen, ein Sachregister und ein Register ausgewählter lateinischer Begriffe. Nikolaus Nösges und Horst Schneider haben mit der zweisprachigen Neuausgabe ein nützliches Arbeitsmittel zur weiterführenden wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem "Dialogus miraculorum" und v.a. für die Lehre geschaffen. Sie laden zugleich ein, den populären Schriftsteller des Mittelalters als Lektüre neu zu entdecken. Vielleicht ja sogar als klösterliche Tischlesung?

Anja Ostrowitzki