Rezension über:

Gordon S. Barrass: The Great Cold War. A Journey through the Hall of Mirrors, Stanford, CA: Stanford University Press 2009, IX + 484 S., ISBN 978-0-8047-6064-5, GBP 26,54
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Rezension von:
Michael Ploetz
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Michael Ploetz: Rezension von: Gordon S. Barrass: The Great Cold War. A Journey through the Hall of Mirrors, Stanford, CA: Stanford University Press 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/15139.html


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Gordon S. Barrass: The Great Cold War

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The Great Cold War nennt der ehemalige britische Diplomat Gordon Barrass seine Gesamtdarstellung der Konfrontation zwischen den westlichen Demokratien und dem kommunistischen Totalitarismus sowjetischer Prägung. In der Tradition der britischen Erinnerungskultur schlägt Barrass mit dieser Titelwahl einen Bogen zum Ersten Weltkrieg, für den die Bezeichnung The Great War geläufig ist. Ähnlich wie bei dem sowjetischen Diplomaten Valentin Falin [1] wird also auch hier der Kalte Krieg zumindest implizit als Dritter Weltkrieg gelesen. Bei Barrass sind die mit dieser Wertung verbundenen Gewissheiten aber wesentlich weniger festgefügt als bei Falin. Der Mitte der 1960er Jahre in den diplomatischen Dienst getretene Barrass bekennt sich vielmehr dazu, den in seinem Buch geschilderten Ereignissen häufig mit einer gewissen Ratlosigkeit gegenübergestanden zu haben, was er mit dem Untertitel - A Journey Through the Hall of Mirrors - zum Ausdruck bringen möchte. Mit der Reise durch die Vergangenheit, die Barrass in seinem Buch unternimmt, verfolgt er zwei Anliegen: Zum einen möchte er Fragen beantworten, die offenbar auch für den diplomatischen Insider noch offengeblieben sind, zum anderen geht es ihm darum zu zeigen, dass der Kalte Krieg weit gefährlicher war als mitunter angenommen.

Auf der Suche nach Klarheit hat Barrass zwar nicht den Weg in die Archive beschritten, er hat aber die mittlerweile recht reichhaltige Literatur zum Kalten Krieg durchgearbeitet und vor allem, wie sich dies für einen Diplomaten gehört, eine ganze Reihe von Gesprächen und Interviews mit anderen Insidern geführt. Seine Gesprächspartner kommen dabei eher aus der zweiten als aus der ersten Reihe. In Deutschland zum Beispiel sprach er mit den Bundeswehr- Generalen Naumann und von Sandrart, dem Geheimemissär Egon Bahr und dem Geheimpolizisten Markus Wolf. Diese Auswahl spiegelt in etwa die berufliche Bandbreite seiner Gewährsleute: Offiziere verschiedener Armeen, Politiker und Diplomaten, Geheimagenten und zivile Experten für Nuklearstrategie. Am prominentesten dürften wohl der ehemalige US-Verteidigungsminister Schlesinger, der polnische General und Diktator Jaruzelski und der Gorbatschow-Berater Alexander Yakowlew sein. Dieser Mangel an Prominenz bedingt allerdings eine der Stärken des Buches, denn der Blick ist eindeutig mehr in die Maschinenräume gerichtet als auf die Kommandobrücken mit ihren lärmenden politischen Selbstdarstellern.

Besonders Erhellendes vermag Barrass denn auch über das große Getriebe der Militärstrategien und Rüstungspotentiale zu berichten, einem der zentralen Felder, auf denen der Ost-West-Konflikt ausgetragen wurde. Da er dies mit der Frage nach den Wissenshorizonten beider Seiten über die militärischen Planungen des jeweiligen Gegners verbindet, gewähren seine diesbezüglichen Ausführungen auch interessante Einblicke in die Aufklärungsarbeit der Geheimdienste. So bestätigte Markus Wolf freimütig, dass die östlichen Aufklärungsorgane sehr gut über den desolaten Zustand unterrichtet waren, in dem sich die für die Verteidigung Europas bestimmten NATO-Streitkräfte seit Ende der 1960er Jahre befanden. Barrass zieht diese Aussage als weiteren Beleg dafür heran, dass das gigantische sowjetische Aufrüstungsprogramm unter dem KPdSU-Generalsekretär Breschnew eben nicht durch übersteigerte Bedrohungsängste motiviert war, sondern auf die Schaffung einer politisch nutzbaren militärischen Überlegenheit abzielte. In Europa ging es den Sowjets darum, unter dem Schutz ihres überwältigenden nuklearen Potentials die Strategie eines konventionellen Blitzkriegs zur Einschüchterung einzusetzen, um auf diese Weise einen Keil zwischen die USA und ihre bis zur Wehrlosigkeit exponierten europäischen Verbündeten zu treiben.

Der Punkt, an dem das westliche Bündnis tatsächlich aus den Angeln hätte gehoben werden können, war die zweifelhafte Bereitschaft der USA, das eigene Potential an strategischen Nuklearwaffen mit der Verteidigung Europas zu verknüpfen. In Washington waren unter den Präsidenten Kennedy und Johnson Tendenzen zu einer solchen Entkoppelung stark geworden. Besessen von der statistischen Kalkulierbarkeit der Welt und der Furcht vor dem unbeabsichtigten Ausbruch eines Nuklearkriegs, hatte Verteidigungsminister Robert S. McNamara hinter den Kulissen versucht, die Nukleargarantien der USA für die europäischen NATO-Partner aufzuheben und so zumindest partiell aus der Risikogemeinschaft des Bündnisses auszusteigen. Glücklicherweise konnten McNamaras diesbezügliche Bemühungen vom amerikanischen Außenministerium abgeschmettert werden. In den frühen 1970er Jahren war es dann Verteidigungsminister James Schlesinger, der die Furcht der sowjetischen Führung vor einer unkontrollierten nuklearen Eskalation für die Abschreckung instrumentalisierte, indem er für den Kriegsfall frühzeitig selektive Schläge mit amerikanischen Interkontinentalraketen gegen Ziele in der UdSSR in Aussicht stellte. Breschnew, der laut Bahr mit Willy Brandt eine ausgeprägte Vorliebe für Wein und Weib teilte, zeigte in der Tat bereits Nerven, als er 1972 bei einem Manöver der Strategischen Raketentruppe einen fingierten Kernwaffenschlag starten sollte. Laut Manöverlage hatte der vorausgegangene Schlag der USA 80 Millionen Sowjetbürger getötet, 85 Prozent der Industrie zerstört und das europäische Russland unbewohnbar gemacht. Bevor er den roten Knopf drückte, soll sich der nervöse Breschnew bei Marschall Gretschko mehrfach rückversichert haben, dass es sich wirklich nur um ein Kriegsspiel handelte.

Aber wie gefährlich war der Kalte Krieg wirklich? Barrass verweist hier auf eine ganze Reihe von Fehlalarmen, die durch technische Probleme der jeweiligen Luftraumüberwachung hervorgerufen wurden. Diese wurden aber meist schon auf einer relativ niedrigen Ebene der Kommandohierarchie erkannt, so dass von einer wirklichen Gefahr eigentlich nicht gesprochen werden kann. Fasziniert von der grauen Welt der Geheimdienste und ihrer unfreiwilligen Mittlerfunktion zwischen den Systemen, geht Barrass auch auf die Spekulationen über eine angebliche Kriegsgefahr im Zusammenhang mit dem NATO-Manöver "Able Archer" vom 2. bis 11. November 1983 ein, die auf den zu den Briten übergelaufenen Londoner KGB-Residenten Oleg Gordiewsky zurückgehen. [2] Wie der sowjetische Generaloberst Iwan Yesin mittlerweile in einem Interview erklärte, soll Generalstabschef Nikolaj Ogarkow für die Strategische Raketentruppe während des Manövers erhöhte Alarmbereitschaft angeordnet haben. Andererseits betonte der Stellvertreter Ogarkows, General Batenin, das große Vertrauen der Sowjets in ihre Fähigkeit, einen wirklichen Kernwaffeneinsatz der NATO im Vorfeld zu erkennen: Das im Rahmen des Manövers "Able Archer" gegebene Signal zum Start der NATO-Kernwaffen habe den sowjetischen Militärgeheimdienst daher nicht einmal blinzeln lassen.

Allerdings wird hier auch die Schwäche von Barrass' Vorliebe für Zeitzeugenaussagen als Quelle deutlich: Seine Gesprächspartner waren zum Zeitpunkt der Befragung schon sehr alte Männer, die sich an relativ weit zurückliegende Geschehnisse erinnerten und deren Erinnerungen in vermutlich nicht wenigen Fällen durch nachträgliche Lektüre angereichert waren. Hinzu kommt bei einigen wohl auch das Bedürfnis, den eigenen, eigentlich eher bescheidenen Platz in der Geschichte etwas bedeutender erscheinen zu lassen: So präsentiert sich der KGB-General Wjatscheslaw Keworkow gar als Vordenker der deutschen Wiedervereinigung. Wer also nach letztgültigen Wahrheiten über den Kalten Krieg sucht, der wird sich auch nach Erscheinen dieses Buches noch eine ganze Weile gedulden müssen. Allen anderen ist The Great Cold War aber wärmstens zu empfehlen, da der Autor viele bislang weniger bekannte Details zutage fördert und zahlreiche fruchtbare Anregungen für weiterführende Forschungsprojekte liefert.


Anmerkungen:

[1] Vgl. dazu Valentin Falin: Politische Erinnerungen, München 1995, 75.

[2] Vgl. dazu Oleg Gordiewsky / Christopher Andrew: KGB. Die Geschichte seiner Auslandsoperationen von Lenin bis Gorbatschow, München 1990, 773 f.

Michael Ploetz