Rezension über:

Winfried Nerdinger (Hg.): Geschichte der Rekonstruktion. Konstruktion der Geschichte, München: Prestel 2010, 512 S., ISBN 978-3-7913-5092-9, EUR 69,00
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Rezension von:
Eva von Engelberg-Dočkal
Bauhaus-Universität, Weimar
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Eva von Engelberg-Dočkal: Rezension von: Winfried Nerdinger (Hg.): Geschichte der Rekonstruktion. Konstruktion der Geschichte, München: Prestel 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/18975.html


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Winfried Nerdinger (Hg.): Geschichte der Rekonstruktion

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Der von Winfried Nerdinger herausgegebene Band erschien parallel zur gleichnamigen Ausstellung, die vom 22. Juli bis 31. Oktober 2010 in der Pinakothek der Moderne in München gezeigt wurde, ein Projekt des Architekturmuseums der TU München und des Instituts für Denkmalpflege und Bauforschung der ETH Zürich. Das über 500 Seiten starke Buch ist ein weiterer Beitrag zum nach wie vor umstrittenen Thema der gebauten Rekonstruktion, dem allein 2010 mehrere deutschsprachige Publikationen gewidmet waren. [1]

Der reich bebilderte Band gliedert sich in die Einleitung von Winfried Nerdinger, 15 "Überblicksaufsätze" unterschiedlicher Themenbereiche sowie einen Katalog, der mit 285 Seiten den Hauptteil des Buches ausmacht. Die dort vorgestellten rund 150 Einzelbeispiele sind in zehn Themengruppen geordnet und zeigen ein bewusst breites Spektrum aus Bauten und Ensembles unterschiedlicher Länder, Epochen und Baugattungen.

Ausgangspunkt für das Konzept des Buches waren die vielfach synonym verwendeten Begriffe "Rekonstruktion", "Restaurierung", "Wiederaufbau", "Wiedererrichtung" und "Wiederherstellung", deren Übergänge fließend sind und häufig noch mit "Kopie" und "Replik" vermengt werden. Hinzu kommen die im Laufe der Zeit gewandelte Bedeutung der Begriffe und deren unterschiedliche Verwendung in einzelnen Ländern. Vielfalt und Komplexität der Vorgänge könnten mit diesen Termini daher nicht präzise erfasst werden (6). Obwohl man sich ausgehend von den Begriffserläuterungen im Glossar (478f.) auf Definitionen hätte festlegen können, wird in Nerdingers Buch unter "Rekonstruktion" im Folgenden jede Form der "Wiederherstellung" verstanden (6).

Zweifellos sind Rekonstruktion, Wiederaufbau und Reparatur am konkreten Gebäude kaum klar zu trennen: Mag man den Ersatz eines Fensters noch unisono als Reparatur bezeichnen, wird es bei einem neuen Geschoss oder Gebäudeflügel schon schwieriger. Auch die allgemein gebräuchliche Unterscheidung zwischen "Wiederaufbau" (unmittelbar nach der Zerstörung) und "Rekonstruktion" (zeitlicher Abstand) ist subjektiv. Für Nerdingers Konzept spricht daher zunächst einmal die Ehrlichkeit des Ansatzes: Klare und eindeutige Zuordnungen gibt es nur in Sonderfällen wie beispielsweise der 1931 zerstörten und 1994-99 rekonstruierten Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau. Positiv ist zudem die Konzentration auf das Spezifische jedes Einzelfalls und die dadurch in der Gesamtschau zum Ausdruck kommende Vielfalt der Ausprägungen.

Die fehlende inhaltliche Differenzierung der "Rekonstruktion" und deren Abgrenzung zum freieren "historisierenden Bauen" erweist sich jedoch auch als Nachteil. Denn nur mit einem klar benennbaren Forschungsgegenstand können Erkenntnisse gewonnen werden, die über das Einzelbeispiel hinausgehen. Da es trotz fließender Übergänge grundsätzliche Unterschiede gibt zwischen dem Wiederaufbau eines (teil)zerstörten Gebäudes und der Rekonstruktion eines Bauwerks an einem Ort, der eventuell jahrzehntelang einer anderen Nutzung diente, müssen diese Sachverhalte auch unter anderen Fragestellungen behandelt werden. Die begriffliche Zusammenfassung jeder Form der Wiederherstellung verhindert hier weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zur Rekonstruktion im engeren und eigentlichen Sinne.

Problematisch ist diese Methode auch für Nerdingers Anliegen, die "historische Bandbreite des Phänomens, die 'Geschichte der Rekonstruktion'" (6) darzulegen. Die Kernthese "Rekonstruierende Wiedergewinnung ist historisch so selbstverständlich wie bauen, reparieren und abreißen" (6) zielt in erster Linie auf die Rekonstruktions-Gegner, die hier ausschließlich ein Phänomen der Moderne sehen und nun vom Gegenteil überzeugt werden sollen. Versteht man Rekonstruktion im Sinne Nerdingers als Sammelbegriff für jede Art der Wiederherstellung, ist das sicherlich richtig: Natürlich wurden Gebäude schon immer neu aufgebaut, repariert und in den historischen Formen ergänzt. Der Streitpunkt richtet sich aber ganz konkret auf die Rekonstruktion im engeren Sinne, also den Neubau eines lange verlorenen Gebäudes. Die spannende Frage, ob es auch diese Form der Rekonstruktionen in vormoderner Zeit gab, wird hier leider nicht explizit untersucht, sondern taucht nur vereinzelt in den Aufsätzen und Katalogbeiträgen auf.

Dem Buchkonzept folgend behandeln die Aufsätze alle Formen der Wiederherstellung, erweitert noch um die zeichnerische Rekonstruktionen und die Wiederbelebung der antiken Architektur in der Renaissance, obwohl die Autoren Nerdingers weit gefasste Begriffsdefinition nicht unbedingt teilen (vgl. 79). Die mehrheitlich sehr informativen Beiträge zeigen ein buntes Spektrum unterschiedlichster Themen, darunter Fragen nach der national-politischen Motivation für Rekonstruktionen und der Rolle des bürgerschaftlichen Engagements, aber auch die klassischen Konfliktfelder "Rekonstruktion in der Denkmalpflege" und die Zeitgebundenheit konservatorischer Konzepte, etwa bei David Chipperfields Neuem Museum in Berlin.

Nerdingers "Geschichte der Rekonstruktion. Konstruktion der Geschichte" präsentiert anhand einer großen Zahl von Beispielen die Vielfalt der baulichen Wiederherstellung. Anders als der Titel suggeriert, handelt es sich damit nicht um eine Untersuchung der Geschichte der Rekonstruktion im eigentlichen Sinne, angefangen mit einer exakten Definition bis zur Darstellung ihrer Entstehung und zeitlichen Entwicklung sowie nationalen bzw. lokalen Unterschieden. Dies war aber offensichtlich auch gar nicht Ziel der Publikation, sondern vielmehr, dem Phänomen durch die historische Ausweitung und begriffliche Öffnung seine Exklusivität und Bedrohlichkeit zu nehmen. Zudem trifft man hier auf ein generelles Manko der Forschung, denn trotz jahrzehntelang geführter Diskussionen und zahlreicher gut erforschter Einzelbeispiele finden sich nach wie vor wenig wissenschaftlich fundierte Überblicksarbeiten zum Thema Rekonstruktion.

Die Debatte wird auch dadurch erschwert, dass sich die um 1900 entstandenen gegensätzlichen Lager nur sehr langsam auflösen. So wird die Rekonstruktion von ihren Gegnern noch immer pauschal als "Lüge" und "Täuschung" diskreditiert, wogegen sich Nerdinger zu Recht verwehrt (14). Allerdings formuliert er ebenfalls ein Dogma, wenn er anführt: "Wer einen verlorenen oder zerstörten Bau rekonstruiert, fälscht nicht und verfälscht auch nichts, denn es handelt sich um einen Neubau, der als solcher [...] zumindest für die Zeitgenossen bekannt und kenntlich ist [...]." (10) Eine Untersuchung, unter welcher Bedingung Rekonstruktionen als solche erkennbar sind, wie sie auf den Betrachter wirken und welche Wertschätzung sie im Vergleich zu historischen Bauten finden, steht noch aus.

Nerdinger legt ein informatives Buch vor, das sich vor allem an den Nicht-Fachmann wendet, aber auch für Architekten, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger als umfangreiche Beispielsammlung mit zahlreichen auch unbekannten Objekten eine Bereicherung darstellt. Der extrem weit gefasste Untersuchungsgegenstand lässt jedoch wichtige Fragen offen. Es bleibt daher zu wünschen, dass weitere Publikationen folgen werden, die sich explizit mit dem komplexen wie faszinierenden Thema der gebauten Rekonstruktion befassen. [2]


Anmerkungen:

[1] Vgl. Adrian von Buttlar u.a. (Hgg.): Denkmalpflege statt Attrappenkult. Gegen die Rekonstruktion von Baudenkmälern - eine Anthologie (= Bauwelt Fundamente, Bd. 14), Gütersloh u.a. 2010; Uta Hassler und Winfried Nerdinger (Hgg.): Das Prinzip Rekonstruktion, Zürich 2010, hervorgegangen aus einer Tagung der ETH Zürich und dem Architekturmuseum der TU München aus dem Jahr 2008; Positionen zum Wiederaufbau verlorener Bauten und Räume, hg. vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, bearb. von Uwe Altrock, Grischa Bertram und Henriette Horni, Bonn 2010, http://d-nb.info/1003342736/34/.

[2] Zur "nachmodernen Rekonstruktionswelle" in Deutschland vgl. vor allem "Positionen zum Wiederaufbau" 2010 (wie Anm. 1).

Eva von Engelberg-Dočkal