Rezension über:

Uwe Kaminsky: Innere Mission im Ausland. Der Aufbau religiöser und sozialer Infrastruktur am Beispiel der Kaiserswerther Diakonie (1851-1975) (= Missionsgeschichtliches Archiv; Bd. 15), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2010, VI + 274 S., ISBN 978-3-515-09687-4, EUR 48,00
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Rezension von:
Jasper Heinzen
Faculty of History, University of Cambridge
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Jasper Heinzen: Rezension von: Uwe Kaminsky: Innere Mission im Ausland. Der Aufbau religiöser und sozialer Infrastruktur am Beispiel der Kaiserswerther Diakonie (1851-1975), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/18791.html


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Uwe Kaminsky: Innere Mission im Ausland

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Kaiserswerth ist zum Synonym für diakonische Missionsarbeit in Deutschland geworden. Der vorliegende Band von Uwe Kaminsky wirft neues Licht auf ein bisher von der Forschung vernachlässigtes Aktionsfeld des protestantischen Mutterhauses, indem er sich auf der Basis gründlichen Quellenstudiums mit der Kaiserswerther Tätigkeit im Nahen Osten auseinandersetzt. Der Aufbau von Krankenhäusern, Schulen und anderen Pflegeanstalten in Palästina, Syrien und Ägypten war für das diakonische Selbstverständnis von zentraler Bedeutung, da diese Standorte einen unmittelbaren Bezug zur biblischen Topographie des Heiligen Landes herstellten und somit die eigene religiöse Aufgabe unterstrichen. Dies erklärt die hartnäckige Ausdauer, welche das missionarische Engagement der Anstaltsleitung und der Diakonissen vor Ort bestimmte, obwohl die wachsende Belastung durch Finanznöte, mangelnden indigenen Nachwuchs und die politischen Wirren des 20. Jahrhunderts das Bleiben erschwerten und letztendlich verunmöglichten.

Im Vordergrund von Kaminskys Studie steht jedoch nicht Missionspolitik im engeren Sinne, sondern der Kaiserswerther Beitrag zur 'sozialen Infrastruktur'-Bildung im Nahen Osten. In Anlehnung an Dirk van Laak bezieht sich der Autor hierbei auf die Gesamtheit sozialer und medizinischer Dienstleistungen, die zur Verbreitung des europäischen Wohlfahrtsstaatsmodells führten. Zugleich betont der Autor die Eigendynamik der Infrastrukturbildung. Während kirchliche Beteiligung der Erfüllung des innenmissionarischen Auftrags diente, führte das Werben um einheimische Patienten und Schülerinnen zu einer Lösung vom ursprünglichen Missionsinteresse. Diese Entwicklung war zu einem Großteil bedingt durch den Wandel äußerer Gegebenheiten. Anfangs förderte die Nähe zum preußischen Königshaus und anderen hochgestellten Gönnern die Ausbreitung der Kaiserswerther Mission im Ausland, aber spätestens im Ersten Weltkrieg wurden jene Beziehungen zur Belastung, als die Niederlage des Kaiserreichs mit der Beschlagnahme und Enteignung deutscher Einrichtungen endete. Die partielle Rückgabe des Besitzes in Palästina, Istanbul und Beirut bewirkte eine 'Nachblüte' der diakonischen Orientarbeit, um dann in den Schatten des wachsenden arabisch-jüdischen Gegensatzes und der nationalsozialistischen Machtergreifung zu geraten. Trotz aller Versuche, den Kaiserswerther Besitz im israelischen Teil Palästinas zu behalten, waren es wiederum politische Umstände, nämlich das bittere Erbe des Holocausts, die zur Aufgabe dieses wichtigen Auslandsstandorts führten.

Die Stärke von Kaminskys Studie liegt darin, die Anpassungsfähigkeit der christlichen Infrastrukturbildung an neue politische Bedingungen einerseits, wie auch die sozialen Schwächen des Diakonissenmodels und die Gründe für seine mangelnde Attraktivität für arabische Frauen andererseits herauszuarbeiten. Der Ausgangspunkt der Kaiserswerther Mission war stark selbst begrenzend, da das Augenmerk auf die Evangelisation der relativ kleinen (protestantischen) Christengemeinde im Nahen Osten und nicht die Heidenmission gerichtet war. In der Praxis hingegen verwischten sich die Grenzen zwischen 'äußerer' und 'innerer' Mission, denn auch Muslime fanden Aufnahme in diakonischen Krankenhäusern und Schulen. Dieses undogmatische Vorgehen sicherte das finanzielle Überleben, wie Kaminsky eindrucksvoll zeigt, indem die Kaiserswerther Verbandsleitung geschickt von nationalprotestantischer auf ökumenische Missionierung umschaltete und sich nach 1945 dem Lutherischen Weltbund unterstellte, um die Nutzung von im Ersten und Zweiten Weltkrieg konfiszierten Besitzungen wiederzuerlangen. Im sozialen Bereich vermochten es die Diakonissen hingegen nicht, dem sich seit den 1920ern abzeichnenden Nachwuchsrückgang sowie kulturellen Barrieren in der Ausbildung einheimischer Schwestern entgegenzuwirken. Hier konnte, wie der Autor nicht allzu überraschend feststellt, das traditionelle, zölibatäre Diakonissendasein nicht Schritt halten mit dem Wandel des Frauenbildes in der deutschen Gesellschaft.

Trotz der empirisch reichen Analyse vermittelt die Monographie einen in mancher Hinsicht unausgereiften Eindruck. Die Betonung des komplexen Wechselverhältnisses zwischen Missionaren und Eingeborenen in der Einleitung ist sicherlich angebracht, aber es überrascht die Kritik am angeblich 'nivellierenden Blick' (11) vieler Historiker, da eine Auseinandersetzung mit der neueren angelsächsischen Literatur zu diesem Thema fehlt. [1] Eine ungleich bedeutendere Achillesferse, so scheint dem Rezensenten, liegt im Aufbau der Untersuchung. Aufgrund der starken Ausrichtung auf Besitzstrukturen und -verhandlungen geht der Blick auf kulturalistische Aspekte der Kaiserswerther Orientarbeit zuweilen verloren, die Kaminsky zum Teil selbst anschneidet. So erläutert er auf höchst interessante Art, wie die mit großer Selbständigkeit agierenden Diakonissen äußere Einmischung dadurch abwehrten, dass sie sich stets auf ihre Gehorsamspflicht gegenüber dem Kaiserswerther Mutterhaus beriefen. Die hier auftretende Spannung zwischen Emanzipation und Unterordnung wird leider nicht weiter ausgeführt. Es bleibt unklar, welche weiblichen Rollenbilder das Selbstverständnis der Diakonissen in einer arabisch-muslimisch geprägten Gesellschaft bestimmten (bzw. inwiefern sie von den Vorstellungen der in Deutschland verbliebenen Schwestern abwichen), und auf welche Weise sich die Kandidatinnen für den Auslandsdienst im Nahen Osten rekrutierten. Ebenso findet das Verhältnis zu den Vertretern der orthodoxen und katholischen Kirchen in der für alle christlichen Konfessionen so wichtigen Region nur vereinzelt Berücksichtigung. Die Zurückstellung der konfessionellen Dimension verwundert, da Theodor Fliedner, der Vater des Kaiserswerther Diakoniemodells, bewusst den Wettbewerb mit katholischen Schwesternschaften gesucht hat.

Natürlich ließe sich einwenden, dass das Zentralthema der Studie - evangelische und soziale Infrastrukturbildung - genügend Gewicht besitzt, um nicht noch einer zusätzlichen Auseinandersetzung mit Gender- und Konfessionspolitik zu bedürfen. Dem ist entgegenzuhalten, dass Kaminskys verbandspolitischer Infrastrukturbegriff sehr eng gefasst ist und daher das epistemologische Potenzial seines Ansatzes nicht ausschöpft. Infolge dessen werden der nachhaltige Einfluss der diakonischen Aktivitäten auf die Erziehung und Gesundheit der Bevölkerung als auch die Reaktion der letzteren auf westliches Know-how zu grob umrissen. Hierfür hätten sich Anknüpfungs- und Vergleichsmöglichkeiten zu der Arbeit von Fiona Schulte geboten, die diese Aspekte unter dem Gesichtspunkt der medizinischen Versorgung in der 'äußeren (d.h. auf Bekehrung ausgerichteten) Mission' untersucht hat. [2] Ähnliches gilt für die Frage des Kulturtransfers zwischen Kaiserswerth und den Arbeitsstätten im Orient. Kaminsky ist immer dort am stärksten, wo er Ego-Dokumente und Interviews von Schwestern in den Text einfließen lässt; unglücklicherweise kommen diese alltagsgeschichtlichen Momente in den meisten Kapiteln viel zu selten zum Tragen.

Die hier besprochene Studie, so das Resümee, liest sich angenehm und verdient Beachtung für die Aufarbeitung der ereignisreichen 124-jährigen Tätigkeit der Kaiserswerther Diakonie im Nahen Osten. Die gründliche Auswertung archivalischer Quellen macht es zu einem Nachschlagewerk für Historiker, die sich für die Verbandsgeschichte der deutschen Diakonie interessieren. Ungeachtet der Vorzüge des Bandes leidet die Konzeptionalisierung an signifikanten Schwächen, weshalb es als gesichert gelten darf, dass weitere kulturgeschichtliche Untersuchungen der Kaiserwerther Mission im Ausland folgen werden und müssen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Catherine Hall: Civilising subjects. Colony and metropole in the English imagination, 1830-1867, Chicago / London 2002. In diesem Zusammenhang sei auch hingewiesen auf das derzeitig von Judith Becker am Institut für Europäische Geschichte (Mainz) geleitete Forschungsprojekt 'Transfer und Transformation der Europabilder evangelischer Missionare im Kontakt mit dem Anderen, 1700-1970'.

[2] Fiona Schulte: Heil und Heilung. Entwicklung und Bedeutung der medizinischen Arbeit in der Hermannsburger Mission von 1849 bis 1945, Marburg 1998.

Jasper Heinzen