Rezension über:

Leonid Luks: Freiheit oder imperiale Größe. Essays zu einem russischen Dilemma (= Soviet and Post-Soviet Politics and Society; 90), Hannover: Ibidem 2009, 274 S., ISBN 978-3-8382-0011-8, EUR 29,90
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Alexander R. Schejngeit
Institut für Europäische Geschichte, Mainz / Universität Konstanz
Empfohlene Zitierweise:
Alexander R. Schejngeit: Rezension von: Leonid Luks: Freiheit oder imperiale Größe. Essays zu einem russischen Dilemma, Hannover: Ibidem 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/18402.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Leonid Luks: Freiheit oder imperiale Größe

Textgröße: A A A

Das in der Reihe Soviet and Post-Soviet Politics and Society erschienene Buch des Eichstätter Osteuropahistorikers Leonid Luks beinhaltet 14 Aufsätze zur russischen Geistes- und Ideengeschichte, die in den letzten zwanzig Jahren verfasst wurden. Acht davon wurden für die vorliegende Ausgabe überarbeitet bzw. erweitert. Im Fokus der Untersuchungen steht eine dem Autor zufolge für die russische Geschichte zentrale und oft asymmetrische Auseinandersetzung zwischen den Verfechtern der freiheitlichen Gesellschaft und den Verteidigern der "imperialen Größe".

Chronologisch schlagen die Essays einen Bogen vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute. Methodisch sind sie sehr stark der Vergleichsanalyse verpflichtet: Luks stellt viele synchrone und diachrone Vergleiche innerhalb der russischen und europäischen Geschichte an. Als Maßstab und Bewertungsskala dient das westliche Modell der offenen Gesellschaft. Allerdings geht es dem Autor primär nicht darum, Defizite und verpasste Chancen der freiheitlichen und demokratischen Entwicklung in Russland aufzuzeigen und so eine angebliche Disposition des Landes zu imperialen Attitüden zu postulieren. Es geht vielmehr darum zu zeigen, dass freiheitliches Streben eine Kontinuitätslinie der russischen Geschichte darstellt und der westliche Stereotyp von der Autoritätsgläubigkeit der Russen eine verzerrende Wahrnehmungsperspektive konstituiert.

Die Essaysammlung besteht aus sechs Abschnitten. Der erste behandelt das vorrevolutionäre und das revolutionäre Russland. Ein erster Aufsatz ist dem "bizarrsten" Denker der russischen Ideengeschichte und dem "Pionier des Westlertums" Vladimir Pečerin (33) gewidmet. Im zweiten Aufsatz wird die wohl bedeutendste und nachhaltigste Kontroverse in der russischen Gesellschaft zwischen den Vertretern des westlichen Entwicklungsweges, den Westlern, und des Eigenen, den Slavophilen, behandelt. Im dritten und längsten Essay dieses Abschnittes geht es um die russische revolutionäre Intellegencija, deren Geschichte und Wirkung als Paradoxie "eines siegreichen Scheiterns" thematisiert wird (52). Sie bereitete die russische Revolution vor, wurde aber dann schließlich durch die Stalin-Diktatur entmachtet und 1937 "zum größten Teil physisch vernichtet" (78). Zuletzt beschäftigt sich der Autor mit den Ursachen des Scheiterns der ersten russischen Demokratie von 1917, deren wichtigste nach der Meinung von Luks in der "mangelnden Legitimität in den Augen der Bevölkerungsmehrheit" lag (89).

Im zweiten Abschnitt, "Russland jenseits der Grenzen", geht es um die russische Ideengeschichte in der Zwischenkriegszeit (1920-1940). Der erste Essay ist die Einleitung zur Neuauflage von Sergej Mel'gunovs Buch "Der rote Terror in Russland 1918-1923", das die "bolschewistische Schreckensherrschaft" dokumentierte und 1924 in Berlin erschien (97). Im zweiten Aufsatz wird die ideengeschichtliche Entwicklung der russischen Emigration (1920-1940) skizziert. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Autor dabei der in Paris publizierten Zeitschrift Novyj Grad, deren Hauptanliegen "die Verteidigung der Freiheit" in Europa war (114).

Den chronologischen Rahmen des dritten Abschnitts bildet der deutsch-sowjetische Krieg von 1941-1945. In seiner Analyse von Vasilij Grossmans Roman "Leben und Schicksal" spricht Luks von der "Paradoxie von Stalingrad", die darin bestanden hätte, dass "hier ausgerechnet ein Regime die Belange der gesamten zivilisierten Menschheit verteidigte, das auf einem ähnlich hohen Leichenberg aufgebaut worden war", wie "das Dritte Reich" (128). Fast nirgendwo im Buch werden der Freiheitsdrang des russischen Volkes und sein Wunsch, "menschlicher zu leben" (134), so stark betont und als Bedrohung der imperialen Macht angesehen, so dass der Autor sogar eine "Trennlinie zwischen Regime und Volk" (135) festzustellen glaubt. Im zweiten Aufsatz kommentiert Luks die Erinnerungen des polnischen Dichters Aleksandr Wat (1900-1967), die 1998 erschienen sind und als "Dokument besonderer Art" eingestuft werden. Das "russische Dilemma" kommt in diesem Fall dadurch zum Ausdruck, dass Wat "die eigenwillige Theorie vom asiatischen und vom europäischen Russland" aufstellt. Im Denken des polnischen Dichters beinhaltet diese Theorie zwei antagonistische Pole und Entwicklungsoptionen: "das kulturfeindliche Asien" und "das kultivierte Europa" (139).

Im vierten Abschnitt thematisiert Luks das "Dilemma" in nachstalinistischer Zeit. Im ersten Aufsatz geht er der "Dynamik der Entstalinisierungsprozesse" nach und lotet ihr Ausmaß und ihre Form aus. In Anlehnung an Isaac Deutscher kritisiert der Autor, dass sie "in stalinistischer Manier", "von oben und mit bürokratischen Mitteln" durchgeführt wurden (151). Eine echte freiheitliche Alternative zu diesen Maßnahmen gab es wohl kaum, aber sie wurde angedeutet. Die Entstehung der Dissidentenbewegung konnte zwar die "Fassade" der pseudodemokratischen Verfasstheit des Regimes nicht beseitigen, aber sie entlarvte "das System, das auf einer propagandistischen Lüge basierte" (166). Luks sieht eine Kontinuitätslinie zwischen der sowjetischen Bürgerbewegung und dem von Gorbačev verkündeten "Neuen Denken". Diese Vorwegnahme der demokratischen Reformen von oben begründet nach Meinung des Autors die historische Bedeutung der Dissidentenbewegung.

Im Essay über den "Abschied vom Leninismus" untersucht Luks unkontrollierte Entwicklungsdynamiken der Perestrojka. Treffend merkt er an, dass "die Urheber" der Reformen in der Sowjetunion "den Abschied vom Erbe Lenins" "weder erwartet noch beabsichtigt" haben (180). Als zwingende Ursache der Perestrojka sieht der Autor das Modernisierungsproblem der sowjetischen Gesellschaft. Die Aporien des rigiden stalinistischen Kommandosystems und Weltbildes wollte man "mit Hilfe der Leninschen Ideen" überwinden. "Der Wahrheitsrausch" hatte aber unerwartete Folgen: Es stellte sich heraus, dass "eine pluralistische und offene Gesellschaft mit Leninschen Prinzipien kaum zu vereinbaren war" (183). Im letzten Essay des Abschnittes beschäftigt sich Luks mit der historischen Leistung von Michail Gorbačev und Boris El'cin. Sie treten bei Luks als widersprüchliche Protagonisten der Freiheitsidee auf. Ihr besonderer Verdienst sieht der Autor darin, dass es ihnen gelungen sei, die Sowjetunion "friedlich zu demontieren" (196).

Im letzten Abschnitt der Essaysammlung geht es um die Demokratieherausforderung und Selbstfindung des postsowjetischen Russlands. Einerseits, so stellte der Autor 1999 fest, verfügt die russische Gesellschaft über "viele Möglichkeiten, sich politisch zu äußern", andererseits seien die Verteidiger der "offenen" Gesellschaft in die Defensive geraten. Eine optimistische Einschätzung hatte aber noch den Vorrang: Russland, so Luks, bleibe "keine andere Wahl", als den "Marsch in Richtung Rechtsstaat, zivile Gesellschaft und freie Marktwirtschaft fortzusetzen" (217). Im zweiten Essay beschäftigt sich der Autor mit dem Gedankengut der "neoeurasischen" Zeitschrift Elementy und vergleicht es mit Ideen der im russischen Exil entstandenen Eurasierbewegung der Zwischenkriegszeit. Gemeinsam sei den "beiden Gruppierungen" eine Befürwortung des "kulturellen Partikularismus" und eine Ablehnung "universaler Ideen" sowie des liberal-demokratischen Ordnungsentwurfes (219). Viel größer sind aber die Unterschiede in Weltbildern und praktischen Forderungen: Die Beiträge in der Zeitschrift Elemente sind militant antiwestlich und fordern "die totale Bezwingung des westlichen Gegners" (228). Nicht die russischen Exil-Eurasier, so die Schlussfolgerung von Luks, seien die geistigen Vorläufer der Zeitschrift, sondern "eindeutig die Weimarer Rechte" (232). In seinem letzten 2008 verfassten Essay vergleicht der Autor imperiale Revanchebestrebungen im heutigen Russland mit jenen nach dem verlorenen Krimkrieg. Gemeinsam ist es beiden historischen Situationen, dass die politische Elite Russlands "nach einer Wiederherstellung der Großmachtposition des Landes" strebe (250). Die "Rückkehr Russlands nach Europa" hält aber Luks für "immer noch denkbar", weil zahlreiche Verbindungen zum Westen existieren (255). Das russische Dilemma, so könnte man resümieren, bleibt aktueller denn je.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Essays von Luks einen guten, wenn auch skizzenhaften Einblick, in die russische Ideengeschichte bieten. Sie sind gut lesbar und informativ geschrieben. Das vom Autor postulierte Dilemma zwischen Freiheit und imperialer Größe erlaubt eine interessante und spannende Deutung der russischen Geschichte. Hier drängt sich aber auch die Frage auf, ob nicht gerade diese duale Unterscheidung unseren Blick auf andere, indigene Entwicklungsoptionen und Selbstdefinitionen Russlands einschränkt. Eine Verabsolutierung der westlichen Werte und Entwicklungswege sowie eine genuin europazentristische Perspektive lassen für solche Fragen zwangsläufig keinen Raum und keine Reflexionen zu.

Alexander R. Schejngeit