Rezension über:

Donald R. Davis, Jr.: The Spirit of Hindu Law, Cambridge: Cambridge University Press 2010, XI + 194 S., ISBN 978-0-521-87704-6, GBP 50,00
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Rezension von:
Werner F. Menski
School of Oriental and African Studies, London
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Werner F. Menski: Rezension von: Donald R. Davis, Jr.: The Spirit of Hindu Law, Cambridge: Cambridge University Press 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/18153.html


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Donald R. Davis, Jr.: The Spirit of Hindu Law

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Wie versteht man ein kompliziertes altes Rechtssystem, in dem offensichtlich das staatliche Recht nur eine untergeordnete Rolle spielte, und in dem auch heute noch die Grenzziehung zwischen religiös/sekular recht problematisch bleibt? In der historischen Analyse des alten wie des neueren Hindurechts machen westliche Standardmodelle wenig Sinn. Man wird gezwungen, ob man will oder nicht, rechtspluralistische Methoden anzuwenden, die eindeutig interdisziplinär ausgerichtet sein müssen, um die gesamten Bandbreiten eines Rechtssystems in zeitlichen, geographischen und anderen Bereichen zu erfassen. Wenn man ein solches System nur als orientalistisch orientierter Kulturwissenschaftler oder gar Linguist behandelt, verliert man mehrere Dimensionen des Rechts als Kultur, oder man behauptet schlicht, wie das bisher leider immer noch geschieht, dass die alten Sanskrittexte einfach mehr oder minder kodifizierte Rechtsquellen sind. Die Wirklichkeit ist natürlich viel komplizierter, und das Hauptproblem in der umfassenden Analyse des Hindurechts bleibt offensichtlich, dass elitäre Forscher überall in der Welt es einfach nicht fertigbringen, die dynamischen und 'lebenden' Phänomene dieses komplexen Kultur-und Rechtssystems als solche zu identifizieren und zu akzeptieren. Also sucht man ständig nach Grenzen zwischen 'Recht' und anderen Kategorien, wenn in Wirklichkeit alle solchen Grenzen nicht einmal in der Theorie klar als solche existieren.

Leider gibt es heute nur sehr wenige Forscher, die Juristerei kompetent mit Indologie verbinden können. Davis ist ganz offensichtlich kein Jurist, präsentiert sich jedoch als jemand, der mit Autorität zum Hindurecht sprechen kann. Zweifel sind angebracht, denn sein beachtliches philosophisches und indologisches Arsenal gibt ihm einfach nicht genug Munition, dem Anspruch auf umfassende interdisziplinäre indologische Analyse in der ambitionierten Art, wie das hier geschieht, gerecht zu werden. Was hier auch klargestellt werden muss, ist, dass Juristen global unter sich ja keinesfalls übereinstimmen, was sie denn als 'law' gelten lassen.

Davis hat offensichtlich einen mutigen Versuch unternommen, solche Probleme anzugehen, aber diese Studie ist bei weitem nicht radikal genug, um die bestehenden Unklarheiten zu überwinden und wirkliche, globale Fortschritte zu machen. Die pluralistische Bandbreite der verschiedenen termini technici des Hindurechts wird trotz meiner Interventionen in den letzten zehn Jahren nicht umfassend rezipiert. Davis zitiert sich oft selbst, und auch seine gurus, aber er bezieht sich nur einmal auf mein Hindu Law. Beyond Tradition and Modernity (New Delhi: Oxford University Press, 2003) und er erwähnt nicht einmal in der Bibliographie, was mittlerweile sonst noch existiert - und das ist einiges. Man kann solches Material und dessen Erkenntnisse nicht einfach elegant mit ein paar einleitenden freundlichen Floskeln abtun (ix). Man kann auch nicht vorgeben wollen, dass nur amerikanische Indologen heutzutage etwas Neues zum Hindurecht zu sagen haben.

Das Buch selbst, trotz solcher Kritik, ist ein wichtiger Beitrag zu den Diskussionen zum traditionellen Hindurecht, obwohl es leider auch klarmacht, dass der Autor keinen adäquaten Bezug zur Rolle dieses traditionellen Systems im heutigen und aktuellen Hindurecht entwickelt hat. Hindurecht lebt auch heute noch, als ein wichtiges Rechtssystem für Hunderte von Millionen, aber die Analyse dieses lebenden Rechts liegt total im Argen, leider auch in Indien selbst. Die vorliegende Studie, trotz weitergehender Ansprüche in der Zusammenfassung (166-179), beschränkt sich daher auf die traditionellen Konzepte und ihre Auswirkungen.

Die hervorragende Einleitung zeigt die bestehenden konzeptuellen Spannungen gut auf, aber reduziert das pluralistische Feld, in dem die Verbindung zwischen Recht und Alltagsleben sehr wohl gesehen wird (2), sofort auf traditionelle Sichtweisen, spezifisch "to understand the tradition, its self-understanding, and its self-presentation" (22). Weil man als Indologe dann auf Texte angewiesen ist, wird sofort klar, dass eine umfassende und letztendlich pluralistische Gesellschaftsanalyse auf solcher Basis einfach unmöglich wird. Davis offeriert hinduistisches Naturrecht als "worldly theology" (5), offensichtlich bemüht, die pluralistischen Verzwickungen von "ethical, ideological, or philosophical reflection" (5) zu vermeiden. Er polemisiert sogar ausdrücklich: "if you want to see law everywhere, you can; if you don't, you won't" (8). Dies ist gar nicht hilfreich, weil es das Phänomen des 'lebendes Rechts' einfach übergeht und die unausweichlichen konzeptionellen Verbindungen zwischen den verschiedenen Arten von Recht (Naturrechte, 'people's laws', Staatsrechte und jetzt auch internationale Rechtsordnungen) einfach übersieht.

Die sieben Hauptkapitel sind klar dargestellt und gut geplant, jeweils mit Bezug auf ein Hauptthema. Die Quellen der Autorität im Hindurecht werden primär im Veda aufgezeigt (28), aber auch in der Person des Wissenden, der die alten Texte handhaben kann (29). Dies schließt jedoch Hunderte von Millionen Hindus aus und delegitimiert letztlich ihr Verhalten. Mit Blick auf die traditionelle Sanskritliteratur ist es daher immer noch möglich, wie Davis klar zeigt, so zu tun, als ob der einzelne Hindu gar keine Kontrolle darüber hat, was denn dharmic oder "lawful" sein kann.

Weitere Kapitel produzieren auf dieser reduzierten Basis konsistent eine komplexe Analyse mit vielen bemerkenswerten Einsichten, aber letztendlich deprimierender und kontrollfixierter Simplizität: Davis sieht sehr wohl, dass Recht und Alltagsleben überall eng verkoppelt sind, aber als Textspezialist und Antipluralist versteckt er sich ständig hinter den Autoritätsansprüchen der Autoren dieser Texte, obwohl deren Worte selbst gar zu oft zugeben, dass die Texte gar nicht das letzte Wort haben können. Hindurecht als 'lebendes Recht' bleibt daher überall ein pluralistisches Phänomen mit Grenzen, die nie klar und eindeutig gezogen werden können. Davis selbst zeigt dies ganz klar in seiner Analyse, aber gibt dies nie voll zu. Die Hauptkapitel sind daher voller Widersprüche: Der theoretische Vergleich zwischen Mimamsa und Steuerzahlungen zum Beispiel (53-54) funktioniert nur, weil Davis einfach behauptet, dass alle Leute Steuern zahlen müssen! Kein Raum bleibt offen, so scheint es, für Verweigerung von Steuerzahlung oder das Ausweichen in den Bereich der Informalität. Dies ist sicherlich keine gute Grundlage für eine realistische Analyse des traditionellen Hindurechts.

Man kann ohne Zweifel viel Nützliches in diesem Buch lernen über Grundlagen und Hermeneutik des Hindurechts, die Konzepte von Schuld (rna), Besitz (svatva), Regulierung von Fragen zum dharma durch vyavahara, Bestrafung und Abschreckung (danda), sowie Alltagspraxis (acara). Aber Davis versucht durchgehend, die Freiheit des Hindu-Individuums einzuschränken, weil er - wie so viele andere - Angst zu haben scheint vor der angeblichen Hauptproblematik des Rechtspluralismus. Der Versuch hier, von der "theology of ordinary life" (2) auszugehen, scheitert letztendlich an der Furcht vor unrentabler Grenzziehung, "a way to connect law and everyday life without collapsing them indistinguishably" (2-3). Die hier produzierte Analyse wird also total unrealistisch, sobald man erkennt, dass die meisten Hindus auch heute noch in vielfacher Weise mit den Texten und Konzepten der Hindu-Tradition verbunden sind, aber im täglichen Leben halt doch letztendlich das tun, was sie selbst in einem bestimmten Moment für richtig halten. Lebendes Hindurecht ist nur tangential an die formalen Texttraditionen gebunden. Meine indologischen Kollegen, besonders wenn sie den Anspruch stellen, rechtsrelevante Untersuchungen zu produzieren, können letztendlich also nicht ohne Rechtspluralismus und Rechtsrealismus auskommen. Die hier besprochene Studie bestätigt dies ganz klar und offensichtlich, auch wenn dies nicht das Hauptziel des Autors war.

Werner F. Menski