Rezension über:

Sabine Kienitz: Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Körperbilder 1914-1923 (= Krieg in der Geschichte; Bd. 41), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2008, 381 S., ISBN 978-3-506-76537-6, EUR 39,90
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Rezension von:
Karin Harrasser
Medien- und Kulturwissenschaften, Kunsthochschule für Medien Köln
Redaktionelle Betreuung:
Maren Lorenz
Empfohlene Zitierweise:
Karin Harrasser: Rezension von: Sabine Kienitz: Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Körperbilder 1914-1923, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2008, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/18124.html


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Sabine Kienitz: Beschädigte Helden

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Sabine Kienitz' verdienstvolle Studie zur Kriegsinvalidität und ihren kulturellen Verarbeitungen im und unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg nimmt ein Thema auf, das, obwohl häufig in sozial- und kulturhistorischen Studien zur Weimarer Republik als zentral angesprochen, noch wenige Monographien nach sich gezogen hat: Den kulturellen und politischen Ort der zahlreichen Kriegsversehrten. Sowohl in der politischen Geschichte als auch der Kultur- und Sozialgeschichte der Zwischenkriegszeit ist vielfach auf die Rolle der "Kriegskrüppel" hingewiesen worden: Zum einen ist auf die Funktion der Kriegsversehrtenverbände für die Etablierung der NSDAP verwiesen worden, zum anderen haben die verschiedenen Versuche der symbolischen De- und Rekonstruktion eines soldatischen Männerkörpers als Folge des Kriegstraumas Aufmerksamkeit gefunden. Hier reichte das Spektrum von linken und rechten Bestrebungen der Konstruktion eines "Neuen Menschen" über Phantasmen der Mensch-Maschine-Kopplungen bis hin zur ätzenden Destruktion des anthropomorphen Körperschemas bei den Dadaisten. Zudem ist inzwischen gut erforscht, welch wichtige Rolle die Neuorganisation der medizinischen und sozialen Versorgung von versehrten Soldaten für die Errichtung wohlfahrtsstaatlicher Systeme gespielt hat und wie eng dies mit dem zeitgenössischen Paradigma der Optimierung von Arbeit verschränkt war.

Der große Gewinn von Kienitz' Studie besteht in einer Zusammenschau dieser heterogenen Dimensionen. Forschungsleitend sind folgende methodologische Vorannahmen: Einerseits bezieht sich die Autorin auf Michael Geyers These, dass der Kriegsbeschädigte nicht einfach ein Produkt des Krieges sei, sondern im "Schnittpunkt sehr unterschiedlicher Diskurse und Interessen immer wieder neu entstanden ist", er sei ein Effekt eines "Schichtgefüges" zuschreibender Deutungen und überformender Praktiken (15). Mit der Setzung des "Körpers als Medium" gelingt es Kienitz zudem, zwei Analyseebenen zu verschränken, die häufig getrennt erforscht werden: Den Körper als Gegenstand von Diskursen und Zuschreibungen, als ein "zentrales Medium der Kommunikation über den Krieg" sowie den Körper in seiner "konkreten Materialität, als Gegenstand der Zurichtung und Rekonstruktion" (13). Jede dieser beiden Ebenen wird im Verlauf der Studie weiter aufgefächert: So sind am Diskurs der Kriegsversehrten nicht nur die politischen Deutungseliten beteiligt, sondern auch die Kriegsveteranen selbst sowie (zunehmend) oppositionelle Stimmen, die den versehrten Soldatenkörper in propagandistischer Absicht nutzen. Die konkreten Körper werden dabei nicht einfach als Objekt einer rekonstruierenden und zurichtenden Praxis von oben (etwa mit Hilfe der Prothesentechnik) beschrieben: Die Kriegsversehrten setzten ihre versehrten Körper ebenfalls strategisch ein, z.B. um Sozialleistungen oder symbolische Anerkennung zu erstreiten. Die Studie verbindet erfolgreich eine symboltheoretische Perspektive auf Körperlichkeit mit einer kulturwissenschaftlich fundierten handlungs- und erfahrungstheoretischen Perspektive.

Die Studie teilt sich in drei Abschnitte, die jeweils für sich eine vielschichtige Perspektive auf das Thema eröffnen: Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit der Figur des Kriegsinvaliden als Medium der Sinnstiftung. Die Autorin verfolgt darin die Metamorphosen des Diskurses des Kriegsinvaliden als "moralisierende Metapher" (34): Zu Kriegsbeginn ließen sich die Kriegsversehrten noch "von oben" und nach traditionellem Muster als Märtyrer und ruhmreiche Opfer stilisieren, doch je länger der Krieg dauerte und je mehr Versehrte ihre verstörende Präsenz im Zivilleben zeigten, desto stärker wandelte die Figur sich zu einem symbolischen Unruheherd, zu einer deutungsoffenen Figur. Nach der deutschen Niederlage eigneten sich zudem Kriegsgegner das Bild des notdürftig "reparierten" Soldaten an, um die Sinnlosigkeit des Krieges anzuprangern. Parallel dazu propagierten verschiedene Protagonisten der "Krüppelfürsorge" im Bild des An-sich-arbeitenden-Invaliden eine rigorose maskulin konnotierte Willensmetaphysik, die durch öffentliche Auftritte von "Vorzeigeinvaliden" untermauert wurde (192). Besonders aufschlussreich ist das Kapitel zu Prozessen der (Selbst-)Marginalisierung. Die Einführung wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen korrespondierte unmittelbar mit der Sorge, damit die Arbeitsmoral zu untergraben und "Sozialschmarotzertum" zu fördern. Zudem waren zahlreiche Kriegsversehrte dazu gezwungen, sich in Kleinst- und Schattenökonomien einzurichten (Betteln, Straßenmusik, Schaustellerei), was zu einer den Behörden höchst unwillkommenen Proliferation des Symbolinventars des Kriegsversehrten führten: Die "Maskierung" als kriegsversehrt erwies sich als ökonomisch lohnend, was im Gegenzug zu einer Kriminalisierung der Kriegsinvaliden als Betrüger führte.

Der zweite Abschnitt widmet sich dem materiellen Umgang mit dem versehrten Körper. Eine wichtige Rolle spielten hier Neuerungen in der Prothesentechnik, die im Ersten Weltkrieg ein innovatives Forschungsfeld darstellte. Kienitz rekonstruiert kompakt das Forschungs- und Anwendungsfeld der Prothesentechnik, die beteiligten Akteure, die erzeugten Körperbilder sowie Konfliktlinien zwischen den beteiligten Disziplinen: Ein Hauptstreitpunkt zwischen Ingenieuren und Medizinern bzw. Psychologen war der Streit um den Charakter des Körpers als funktionaler Maschine oder als Träger von Affekt und Ausdruck. Hier hätte man sich eine etwas detailliertere medizin- und technikgeschichtliche Einbettung der zitierten Quellen gewünscht. Die Knappheit der Darstellung wird jedoch aufgewogen durch die Verknüpfung der technisch-medizinischen Debatte mit dem Kontext des medialen Exponierens und Demonstrierens der neuen, technisch aufgerüsteten Körper. Über Schleichwege nähert sich die Autorin im Anschluss dem Verhältnis Geschlecht-Versehrung-Technik: Sie skizziert (wenig) veränderte Geschlechterrollen durch die Überlagerung von Ehe und Pflege, Heiratspolitiken, die Gefahren für traditionelle Männlichkeitsvorstellungen, die zeitgenössisch in der Beschäftigung der Rekonvaleszenten mit Handarbeit geortet wurden, sowie die vielfältigen Probleme aber auch innovativen Beziehungsmodelle, die die "Eunuchen des Krieges" nach sich zogen (271). Kienitz kommt zu dem Schluss, dass in Bezug auf die Wiedererrichtung von Männlichkeit die Technizität der Prothesen, sowie deren enger Bezug zu einer als männlich codierten handwerklichen Sphäre von entscheidender Bedeutung für ihren Einsatz war.

Der dritte Abschnitt zu Kriegserinnerung und Körpergedächtnis zeichnet sich durch eine konsequente Verschränkung von Fragen der Verkörperung von Erinnerung mit Fragen des Regierens im Symbolischen wie im Sachlichen aus: Die Verkreuzung einer erinnernden Aneignung des Krieges und der Neueinrichtung des deutschen Reichs als demokratischer Wohlfahrtsstaat findet im Körper des Kriegsversehrten statt. Die öffentliche Debatte um Status und Anspruchsberechtigung von Kriegsversehrten verhält sich dabei spiegelbildlich zur subjektiven Konstruktion von Identität durch die Betroffenen: Sowohl individuell wie auch als Gruppe bewegten sie sich in einem Raum prekärer Sichtbarkeit und kamen zunehmend mit den Normalisierungsbestrebungen der Nachkriegsgesellschaft in Konflikt.

Im Resüme wird eine "historische Anthropologie der Versehrtheit" entworfen: Durch die Auswertung zahlreicher Quellen wird deutlich, wie vielschichtig die Selbst- und Fremddeutungen des Kriegsversehrten waren. Damit wird zugleich die Belastbarkeit der Annahme bestätigt, der Kriegsversehrte müsse als zentrale Figuration der Selbstbeschreibung der Weimarer Republik gelten. Die Detailanalysen von Texten und Bildern zeigen zudem, dass von vielfältigen Verschiebungen und Widersprüchen, synchron zwischen Texten und Bildern, aber auch diachron als Resultat der Wanderung von Bildern durch verschiedene mediale und soziale Kontexte, auszugehen ist. Die Arbeit stellt sich zudem einem Grundproblem der Körpergeschichte, nämlich dem, dass der Körper interessiert, weil er erfahrungsgebunden und subjektiv ist, dass er aber nur als historisches, kulturell modelliertes Konstrukt der Analyse zugänglich ist. Die Studie bietet naturgemäß keinen Ausgang aus der Aporie, präsentiert aber exemplarisch eine für die historischen Wissenschaften gangbare Vorgansweise: Die systematische Zusammenschau heterogener Quellen unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt. Die Fülle des Materials führt zu einer Auffächerung der Stimmen und Perspektiven, die überaus anregend ist, an manchen Stellen aber stärkere theoretische Verdichtungen wünschenswert macht (etwa in Hinblick auf eine Bewertung von Modernisierungsprozessen oder einer Biopolitisierung und Ökonomisierung des Regierens). Das strikt quellenkritische Vorgehen führt an manchen Stellen in Sackgassen, etwa wenn die Autorin anmerkt, dass Fragen von Sieg oder Niederlage überraschenderweise keine Rolle in den Quellen spielten. An formalen oder ästhetischen Verfahren interessierte Zugänge könnten solche vielsagenden Leerstellen produktiv deuten. Insgesamt ist die spannend zu lesende Studie jedoch ein Gewinn und erfüllt eine Reihe von Forschungsdesideraten.

Karin Harrasser