Rezension über:

Monika Trümper: Graeco-Roman Slave Markets. Fact or Fiction?, Oxford: Oxbow Books 2009, XII + 148 S., ISBN 978-0-9774094-8-8, GBP 32,00
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Rezension von:
Iris Samotta
Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Iris Samotta: Rezension von: Monika Trümper: Graeco-Roman Slave Markets. Fact or Fiction?, Oxford: Oxbow Books 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/17959.html


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Monika Trümper: Graeco-Roman Slave Markets

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Bei dem zu besprechenden Buch handelt es sich um die erweiterte Fassung eines Vortrages, den Trümper im Jahre 2006 beim jährlichen Treffen des Archaeological Institute of America in der Sektion "Recovering Roman Slavery: Recent Approaches" gehalten hat.

Trümper beschäftigt sich in ihrer Publikation hauptsächlich mit den Überresten von acht Gebäuden im mediterranen Kulturkreis, die als Bauwerke identifiziert wurden, von denen man vermutet, sie seien zum Teil regelmäßig genutzte Sklavenmärkte gewesen. Die in Betrachtung gezogenen Bauwerke sind die 'Agora des Italiens' in Delos, das Gebäude der Priesterin Eumachia am Forum von Pompeji, die Crypta Balbi auf dem Marsfeld in Rom, der Tempio Rotondo in der Stadtmitte von Ostia, die so genannte Basilika am Forum von Herkulaneum, das zwischen Theater und Trajansbogen gelegene Chalcidicum in Leptis Magna, das Prytaneion an der südwestlichen Seite der Agora von Magnesia am Mäander und das an der südwestlichen Ecke der Tetragonos-Agora gelegene Serapeion in Ephesos. Sie unterzieht die Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte [1] einer kritischen Analyse, die im wesentlichen auf ihren eigenen Untersuchungen der delischen 'Agora des Italiens' (34-49) und einem Vergleich ("cross-cultural perspective": 2) mit neuzeitlichen (18./19. Jahrhundert) Sklavenmärkten in Istanbul, Kairo, Marrakesch, Havanna und in den Südstaaten der USA basieren. [2]

Die Publikation hat zwei Schwerpunkte: Die Präsentation der baulichen Gegebenheiten der neuzeitlichen Sklavenmärkte bzw. im Falle der amerikanischen Gebäudetypen improvisierter Sklavenmärkte (2-19) und die Auseinandersetzung mit der schon erwähnten Zuweisung der oben genannten acht antiken Bauwerke (31-74). Daneben behandelt sie inschriftlich erhaltene Zeugnisse, die überwiegend Weih- und Ehreninschriften darstellen und die auf einen Sklavenmarkt (statarion/venalicium) verweisen (20-30). Neben einer kurzen Einleitung (1) und einer Bibliographie (85-97) samt Ortsregister (99-100) schließt sich dem Hauptteil eine Zusammenfassung (75-84) mit handlicher Tabelle (78) und ein ausführlicher Abbildungsteil (103-148) an.

Im Überblick der von ihr angestrebten Vergleichsstudie möchte sich Trümper auf den professionellen und nicht privaten Sklavenverkauf konzentrieren, den sie bei öffentlichen Auktionen und im Kleingewerbe ("retail sales": 3) verortet. Sie weist den Leser allerdings schon zu Beginn auf die architekturgeschichtliche Problematik hin, die sich aus dem Verschwinden der vermuteten Märkte aus dem Stadtbild und damit aus der öffentlichen Wahrnehmung infolge der offiziellen Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ergibt (2). Eine weitere Schwierigkeit erwächst aus dem nicht festgelegten Bautypus in antiken und nachantiken Zeiten: Jeder multifunktionale Gebäudekomplex konnte dementsprechend genutzt oder leicht modifiziert werden (2). Trümper begründet ihre schon oben erwähnte Auswahl neuzeitlicher Sklavenmärkte mit der für die Thematik relativ guten Quellenlage (3), die z.B. aus Reiseberichten, detaillierten Stadtplänen und Gebäudegrundrissen, aber auch aus ersten photographischen Abbildungen bestehen. Als bautypische Gemeinsamkeiten, die einen Vergleich mit den acht antiken Bauwerken zulassen können, benennt Trümper eine grundsätzlich abgeschlossene Struktur mit Möglichkeiten einer kurz- und mittelfristigen Aufbewahrung der menschlichen 'Ware' und Räume für die Erfordernisse des täglichen Lebens inklusive der Religionsausübung, dazu eine darin implementierte offene Struktur, die der Präsentation und dem Verkauf gewidmet war und vor allem von potentiellen Käufern frequentiert wurde (5. 8. 11f.). Trümper relativiert allerdings selbst diese Ergebnisse, da es sich nur im Falle des im Jahre 1847 wohl unter europäischem Druck offiziell geschlossenen Sklavenmarkt in Istanbul - dem größten der osmanischen Welt - um einen "purpose built" Gebäudekomplex handelt, der in erster Linie dazu gedacht war, die Kontrollmöglichkeiten (z.B. Verkaufssteuern) der Regierung effizient zu bündeln (5). In Kairo und Marrakesch dagegen lagen Gebäudekomplexe vor, die die typische orientalische Basar- oder sūq-Struktur hatten, wie sie heute noch in den Altstädten der Metropolen des Vorderen Orients anzutreffen ist (9. 11).

Die schon oben angesprochenen epigraphischen Zeugnisse, die auf einen Sklavenmarkt (statarion/venalicium) hinweisen, behandelt Trümper unter archäologischen Aspekten wie dem Fundkontext, der Einbeziehung des Schriftträgers in den architektonischen Zusammenhang und dem daraus resultierenden Hinweis auf einen speziellen Bautypus. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich aus den Weih- und Ehreninschriften nicht zwingend die Existenz eines monofunktionalen Bautypus ableiten lässt. So sind auch offene Gebäudekomplexe als venalicia nachweisbar, ebenso wie temporär errichtete Konstruktionen (z.B. das Verkaufspodest: catasta) auf multifunktional genutzten Marktplätzen (27-28). Ebenso hält Trümper die Identifizierung des Bautyps chalcidicum, einer groß dimensionierten Säulenhalle (porticus), als Verkaufsort für Sklaven für verfehlt (29-30).

Dementsprechend verwirft sie die Deutung der acht schon oben angesprochenen Gebäude als Sklavenmärkte. Sie interpretiert die archäologischen Überreste der Gebäudekomplexe bestehend aus Portiken, Kryptoportiken und Innenhöfe als Peristyl-Architektur, die auf eine Nutzung von fünf der diskutierten acht Bauwerke (die 'Agora des Italiens' in Delos, das Haus der Eumachia in Pompeji, die Crypta Balbi in Rom, der Tempio Rotondo von Ostia, das Chalcidicum in Leptis Magna) als Repräsentations- und Freizeitanlagen ("the primary function of lavish "leisure" complexes": 66) hinweist (75). Die anderen drei Bauwerke (die Basilika von Herkulaneum, das Prytaneion von Magnesia am Mäander, das Serapeion in Ephesos) hatten ihrer Ansicht nach städtische und religiös-kultische Funktionen (75-76).

Insgesamt gesehen argumentiert Trümper sehr überzeugend gegen die Deutung der Bauwerke als monofunktionaler Gebäudetypus 'Sklavenmarkt'. Man darf jedoch nicht übersehen, dass auch die von ihr der Kritik unterzogenen Forscher ebenfalls ihre Interpretationen deutlich relativieren und - mit der Ausnahme von Coarelli - keinen autonomen Bautypus konstatieren (33-34 mit A. 125). Ebenso zieht sie auf der Suche nach dem spezifischen Gebäudetypus 'Sklavenmarkt' alle von ihr aufgelisteten neuzeitlichen Gebäudekomplexe zum Vergleich heran (77-83), obwohl man in diesem Zusammenhang nur über den Sklavenmarkt von Istanbul eindeutige Aussagen treffen kann. Das verweist auf das Grundproblem innerhalb des Forschungskomplexes "Sklavenhandel": Trotz der Allgegenwärtigkeit des Sklaven in den verschiedenen Ausdrucksformen antiker Gesellschaften lässt sich die Existenz des Sklavenhändlers und seines Gewerbes nur schemenhaft fassen. Man wird mit hoher Wahrscheinlicheit davon ausgehen können, dass es einen autonomen Bautypus 'Sklavenmarkt' im mediterranen Kulturkreis nie gegeben hat. [3]


Anmerkungen:

[1] Ihr besonderes Augenmerk hat sie dabei auf die Beiträge von F. Coarelli, P. Braconi und E. Fentress gelegt, die gebündelt im Journal of Roman Archaeology 18 im Jahre 2005 unter der Überschrift "Selling people: Five papers on Roman slave-traders and the buildings they used" erschienen sind (1).

[2] Vgl. M. Trümper: Die 'Agora des Italiens' in Delos. Baugeschichte, Architektur, Ausstattung und Funktion einer späthellenistischen Porticus-Anlage, Rahden / Westf. 2008.

[3] Durch ein bedauerliches Versehen der Rezensentin wurde der Preis des Buches hier zunächst irrtümerlicherweise mit EUR 64,90 angegeben. Der betreffende kritische Hinweis darauf wurde von der Rezensentin gelöscht, die die Verfasserin des Buches und den Verlag an dieser Stelle um Verzeihung bittet.

Iris Samotta