Rezension über:

Oliver W. Lembcke / Florian Weber (Hgg.): Emmanuel Joseph Sieyès. Was ist der Dritte Stand? Ausgewählte Schriften (= Schriften zur europäischen Ideengeschichte; Bd. 3), Berlin: Akademie Verlag 2010, 361 S., ISBN 978-3-05-004561-0, EUR 69,80
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Rezension von:
Anne Sawade
Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Anne Sawade: Rezension von: Oliver W. Lembcke / Florian Weber (Hgg.): Emmanuel Joseph Sieyès. Was ist der Dritte Stand? Ausgewählte Schriften, Berlin: Akademie Verlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/15439.html


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Oliver W. Lembcke / Florian Weber (Hgg.): Emmanuel Joseph Sieyès. Was ist der Dritte Stand?

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"1. Was ist der Dritte Stand? Alles. 2. Was ist er bis jetzt in der politischen Ordnung gewesen? Nichts. 3. Was verlangt er? Etwas zu sein." (111) Mit diesen drei essentiellen Fragen begann Abbé Emmanuel Joseph Sieyès seine in kürzester Zeit weit verbreitete und nachhaltig einflussreichste Schrift. Sie ermöglichte ihm den Eintritt in die politische Welt und eine wechselhafte öffentlich-politische Tätigkeit während des Revolutionsjahrzehnts. Der Erstdruck im Januar 1789 und die zweite Auflage erschienen noch anonym, erst die überarbeitete und erweiterte dritte Auflage im Mai 1789 trug seinen Namen. In der Folge wurde er als Abgeordneter des Dritten Standes, nicht des Klerus, für die Stadt Paris zu den Generalständen entsandt und entwickelte sich schließlich zu einer der bekanntesten Personen der Französischen Revolution. Seine Abhandlung zum Dritten Stand wurde zur Vorlage der ersten revolutionären Schritte, bis die Ereignisse sie überholten - weder die Abschaffung des Feudalsystems noch der Eingriff in das (materielle) Leben der Geistlichkeit waren so von Sieyès angedacht.

Fast immer wird Sieyès hauptsächlich auf den "Dritten Stand" und seine frühen politischen Schriften und damit auf seine anfängliche Wirkung auf die Revolution reduziert, obwohl, so die Herausgeber des vorliegenden Bandes, "dieses Meisterstück revolutionärer Polemik [...] nur die Spitze eines Eisbergs an fundierter Politiktheorie [...]" (9) sei. Denn sowohl vor 1789 als auch in den nachfolgenden zehn Revolutionsjahren verfasste Sieyès Schriften, die zusammen ein vielschichtigeres und komplexeres Bild des Abbé und seines politischen Denkens zeichnen als die frühen Schriften dies vermuten lassen. Vor allem wird in der Breite des Werks deutlich, wie bei Sieyès Philosophie und reale Politik zusammenfanden.

Der anzuzeigende Band schließt diese Lücke. Bereits 1975 hatten Eberhard Schmitt und Rolf Reichardt einige von Sieyès' politischen Schriften aus den Jahren 1788 bis 1790 veröffentlicht. [1] Oliver Lembcke und Florian Weber konnten sich auf den in den letzten Jahren neu erschlossenen Nachlass des Abbé stützen und haben nun eine weiterführende, repräsentative Auswahl von elf Schriften vorgelegt, die sich von 1775 bis 1795 erstreckt und ihren Fokus auf die Politik- und Verfassungstheorie des Abbé setzt. Neben der berühmten Abhandlung zum Dritten Stand (111) und den bekannten Worten zur Menschenrechtserklärung von 1789 (197) finden sich auch ein Briefwechsel zwischen Sieyès und Thomas Paine von 1791 (257), seine Gedanken zur "Freiheit in der Gesellschaft" von 1793 (271) oder etwa "Biografische Notizen" von 1795 (281).

Eine ausführliche Einleitung präsentiert nicht nur im allgemeinen "Sieyès' Leben und Werk" (13) und begründet detailliert die vorliegende Auswahl. Vor allem führt sie ein in Sieyès' Vorstellungen und Denkweisen, beispielsweise in "Theorie und Praxis der Politik" (28) und "Metaphysische und erkenntnistheoretische Grundlagen" (33), seine Auffassung von "Individuelle[r] Freiheit in der arbeitsteiligen Gesellschaft" (41) und "Demokratische[r] Souveränität" (57) oder die "Moderne Mischverfassung" (78). Hierin werden für seine Schriften zentrale Begriffe und Fragestellungen geklärt, ihre Herkunft und möglicherweise Vorbilder, gegebenenfalls auch die Unterschiede zu vorherigen Konzepten, zum Beispiel von Jean-Jacques Rousseau oder Adam Smith.

Besonders hervorzuheben ist die jeder Schrift beigefügte Einordnung in den historischen Kontext, jeweils endend mit dem Hinweis auf weiterführende Literatur. Dies erleichtert den Einstieg in Sieyès' Werk deutlich und erlaubt auch jenen eine erkenntnisreiche Lektüre, die mit Chronologie und detaillierten Inhalten der Französischen Revolution nur im Allgemeinen vertraut sind.

Die Herausgeber haben es sich bei der Edition zur Aufgabe gemacht, Sieyès' Sprache zum besseren Verständnis "einen zeitgenössischen Klang und seinen Begriffen eine aktuelle Übersetzung zu geben"(9). Durch die sprachliche Modernisierung wird der Lesefluss verbessert, für die Authentizität soll die Anfügung zentraler Begriffe von Sieyès im französischen Original in Klammern sorgen. In der "Einleitung zur Verfassung" (197) beispielsweise interpretieren die Herausgeber die Commettans (wörtlich übersetzt "Auftraggeber") recht frei als "Volksleute". Man kann durchaus zweierlei Meinung darüber sein, ob solche Freiheiten der Übersetzung sinnvoll sind oder nicht.

Am Ende der einzelnen Schriften finden sich weiterführende Anmerkungen der Übersetzer zum inhaltlichen und sprachlichen Verständnis. Eine Auswahlbiografie und ein hilfreiches Personen- und Sachregister beschließen den nützlichen Band.


Anmerkung:

[1] Emmanuel Joseph Sieyès: Politische Schriften 1788-1790. Mit Glossar und kritischer Sieyès-Bibliographie, übersetzt und hrsg. von Eberhard Schmitt und Rolf Reichardt (Politica, Bd. 43), Darmstadt 1975.

Anne Sawade