Rezension über:

Hildegard Kretschmer: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart: Reclam 2008, 487 S., 30 Abb., ISBN 978-3-15-010652-5, EUR 22,90
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Jana Olschewski
Caspar-David-Friedrich-Institut, Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Jana Olschewski: Rezension von: Hildegard Kretschmer: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart: Reclam 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/15619.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Hildegard Kretschmer: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst

Textgröße: A A A

Mit dem vorliegenden Lexikon christlicher und mythologischer Symbole, Attribute sowie bildlicher Zeichen in der Kunst reiht sich die Autorin, Hildegard Kretschmer, in eine Folge neuerer wissenschaftlicher Bemühungen ein, kunstgeschichtliche Nachschlagewerke für spezifische Lesergruppen und Anwendungsbereiche zu entwickeln. Auf den ersten Blick scheint das knapp 15 x 10 cm messende Handbuch dem gewaltigen Thema kaum gerecht werden zu können. Dennoch, der Band hält im Vergleich mit anderen Wörterbüchern oder Lexika, die für den eine erste Orientierung suchenden Leser häufig zu umfänglich oder statt mit pointierten Auslegungen mit von Begriffen bedrängten Abbildungen versehen sind, auf eine ganz eigene Weise stand. Die Autorin sieht sich dem Anspruch, eine Einführung, nicht aber eine erschöpfende Sinndeutung zu vermitteln, verpflichtet und setzt dies gezielt um.

Aufgebaut ist das kleine Handbuch übersichtlich und pragmatisch. Einer Einleitung mit der Darstellung der Absichten und methodischen Entscheidungen der Verfasserin, Angaben zu den Quellen und weiterführenden Nachschlagewerken folgen 800 Einträge in Form von Stichworten sowie ein "Register der biblischen Gestalten und Heiligen, Götter und antiken Helden sowie der personifizierten Begriffe".

In der Einleitung formuliert Hildegard Kretschmer knapp den Ausgangspunk ihrer Arbeiten: das schwere Verständnis der Kunstwerke früherer Epochen. Sie meint damit auch vor allem das Verständnis des Menschen im 21. Jahrhundert, für den die traditionelle Symbolik keine Bindungskraft mehr besitzt, sondern vielmehr der individuellen Betrachtung gewichen ist. Als Intention des Buches sieht sie die Erleichterung des Zugangs zu Kunstwerken, genauer gesagt zu Kunstwerken des Abendlandes "vom frühen Christentum bis zum 19. Jahrhundert" (wie der Leser leider erst sehr spät im Unterkapitel zu den Quellen erfährt). Die Kunst des 20. Jahrhunderts schließt Kretschmer aus den genannten Gründen - dem neuen Bildverständnis mit einer subjektiven Sinngebung, die die traditionelle Symbolik vielfach ignoriert - aus. Unscharf formuliert ist allerdings die tatsächliche Nutzbarkeit für das 19. Jahrhundert. Die Begründung, dass "im 19. Jahrhundert [...] die Beliebtheit dieser Art von Sinnbildern" aufhörte, was zugleich die Zäsur für das Buch begründen soll, bedarf einer Präzisierung in Hinsicht auf die zeitliche Eingrenzung des vorgelegten Stichwortverzeichnisses. Die Einträge hier bestätigen die Vermutung, dass das Handbuch für die Deutung der Symbolik im 19. Jahrhundert schon nicht mehr dienlich gemacht werden kann. So fehlt bereits der Verweis auf Philipp Otto Runge, dessen Werke, am Übergang zur Neuzeit ab 1802 entstanden, mit Allegorien und Sinnbildern durchsetzt sind, die bei aller individuellen Auslegung noch den verbreiteten Lehrbüchern der Renaissance und des Barock, wie Cesare Ripas 'Iconologia', verpflichtet sind. Wenn auch der Kurztext auf dem Einband die Bearbeitungszeit "bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert" verspricht, sie endet mit dem Ausgang der Frühen Neuzeit.

Der Gegenstand der Betrachtungen - Symbole, Attribute und Zeichen - wird in der Einleitung in knappen, allgemeinverständlichen Definitionen erläutert. Zum Aufbau der Stichworteinträge erfolgt der Hinweis, dass diese zur leichteren Ermittlung teilweise unter einem Oberbegriff erscheinen sowie über den eigentlichen Gegenstand hinaus gehende ikonografische Begriffe, die selbst kein Attribut oder Symbol darstellen, aber häufig in Werktiteln verwendet werden, aufgenommen worden sind. Diese zusätzlichen Stichwörter erweisen sich in der Tat unabdingbar für das Verständnis anderer Einträge und ergänzen das Grundanliegen des Bandes sinnvoll. Ferner weist Kretschmer auf die Mehrdeutigkeit vieler Symbole hin und begründet dies damit, dass die Denkweise des Menschen in Mittelalter und (Früher) Neuzeit "offener und assoziativer" war, als heute allgemein angenommen wird. Zur Gültigkeit der unter den Stichwörtern dargelegten Bedeutungen gibt sie den wichtigen Hinweis, dass für das präzise Erschließen von Inhalten immer der Kontext ausschlaggebend ist und vielfach nur Schriftquellen die tiefere Bedeutung enträtseln helfen können. In diesem Sinn ist auch der letzte Abschnitt der Einleitung, der auf den Wandel der Bedeutung von Symbolen in Mittelalter und Früher Neuzeit besonders aufmerksam macht, zu verstehen.

In einem Unterkapitel benennt die Autorin die wichtigsten verwendeten Schriftquellen, stellt deren Inhalte und Bedeutung knapp dar und teilt die von ihr gewählten Formen des Quellennachweises in den Stichworteinträgen mit. Die sich anschließenden weiterführenden Literaturhinweise sind sehr spärlich. Es wäre wünschenswert gewesen für den Leser, der mit dem Lexikon ja nur mit 'ersten Informationen' versorgt werden kann und soll, eine Brücke zur weiteren Recherche zu schlagen. Als Ergänzung vorstellbar ist beispielsweise das ikonografische Handbuch von Sabine Poeschel.

In den alphabetisch geordneten Stichworteinträgen geht die Verfasserin auf die allgemeine Wortbedeutung bzw. Konnotationen auf sakraler und profaner Ebene in chronologischer Abfolge ein. Besondere regionale Formen finden dabei ebenfalls Beachtung. Der sprachliche Duktus ist sachlich und knapp in der Wortwahl. Als Belegwerke dienen in Klammern genannte prominente Beispiele von Darstellungen in der bildenden Kunst. Das Bestreben, durch ausgewählte Werke beispielhaft Symbolik und Attribute zu erklären - diese sind deshalb jeweils mit detaillierten Erklärungen versehen - führt wegen der Qualität der Abbildungen zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Im Register werden die Heiligen, die biblischen und mythologischen Gestalten sowie die Personifizierungen in Bezug auf ihre wichtigsten Symbole und Zeichen als Stichworte aufgeführt, der Überschaubarkeit halber aber Begriffe zusammengefasst bzw. aufgrund der Häufigkeit auch ausgelassen. Über diese und weitere Benutzungshinweise informiert eine kurze Einführung.

Das Lexikon besticht durch seine handliche und praktische Form für Schreibtisch und Reisetasche sowie die Art, wie es sprachlich knapp einen Überblick über die Masse an Symbolen und Attributen vermittelt. Es scheint, dass die Verfasserin aus ihrer praktischen Erfahrung als Dozentin heraus konventionelle Inhalte durch eine individuell geprägte Auswahl bereichert und damit praxisnäher gestaltet hat. Zu empfehlen ist der Band auf jeden Fall dem interessierten Laien, dem Abiturienten und dem Studenten der Kunstgeschichte, aber sicher auch dem Kunsthistoriker auf Reisen. Enzyklopädische Einträge und Monografien für eine weiterführende wissenschaftliche Arbeit zu lesen, erspart er nicht. Seinem Ziel einer 'ersten Information' wird er dank der profunden Kenntnisse der Autorin jedoch in guter Qualität gerecht.

Jana Olschewski