Rezension über:

Achim Todenhöfer: Kirchen der Bettelorden. Die Baukunst der Dominikaner und Franziskaner in Sachsen-Anhalt, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2010, 368 S., ISBN 978-3-496-01396-9, EUR 69,00
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Rezension von:
Matthias Untermann
Institut für Kunstgeschichte, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Untermann: Rezension von: Achim Todenhöfer: Kirchen der Bettelorden. Die Baukunst der Dominikaner und Franziskaner in Sachsen-Anhalt, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/15176.html


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Achim Todenhöfer: Kirchen der Bettelorden

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Seit einigen Jahrzehnten genießt die Baukunst der Franziskaner und Dominikaner ein recht kontinuierliches, wenn auch mäßiges Interesse in der kunsthistorischen Architekturgeschichtsforschung. Die großen Auseinandersetzungen der Vorkriegszeit, getragen vor allem von Richard Krautheimer und Werner Groß um die Frage nach Ordensbaukunst oder "Nebenlinie" der gotischer Architektur um 1300, prägen auch die Nachkriegszeit. Erst Wolfgang Schenkluhn hat mit seiner Marburger Dissertation zu den frühen Bauten beider Orden 1985 neue Beobachtungen und Thesen vorgelegt und darauf aufbauend 2000 einen Überblick über die Baukunst der Bettelorden publiziert.

Achim Todenhöfer hat 2002-2006 bei Schenkluhn in Halle eine regional ausgerichtete Dissertation zur Baukunst der Bettelorden in Sachsen-Anhalt erarbeitet. Der verallgemeinernde Haupttitel dürfte dem Verlag geschuldet sein - an ihm will das Buch nicht gemessen werden. Todenhöfer versucht eine detaillierte Darstellung aller Kirchen der Dominikaner und Franziskaner im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt, nicht nur der erhaltenen Monumente, sondern auch der Bauten, die nur noch in Schrift- und Bildquellen fassbar sind. Der zweite Hauptteil, der auf den einleitenden Forschungsüberblick folgt, umfasst alphabetisch geordnet fünf Dominikaner- und zwölf Franziskanerkirchen, alle - wie üblich - in kleinen und größeren Städten gelegen. Die Kirchen der Frauenklöster, die Carola Jäggi jüngst in einem Maßstäbe setzenden Überblick behandelt hat, und die meist schwer fassbaren Klosteranlagen bleiben außer Betracht.

Die Typenbreite reicht von äußerst schlichten, flachgedeckten, rechteckigen Saalkirchen (Barby) - geradezu der Grundform einer Bettelordensarchitektur - über gewölbte Kirchen gleichen Typs (Aschersleben), asymmetrisch zweischiffige Bauten (Halle, Franziskaner) bis zu monumentalen Hallenkirchen und Basiliken mit polygonalem Langchor. Historische und baugeschichtliche Daten, Baubefunde, Beobachtungen zu Umbauten, Grabungsergebnisse und dendrochronologische Daten werden in möglichst großer Vollständigkeit präsentiert. Der Verzicht auf schematischen Aufbau der Bautenkapitel ist sympathisch, erschwert allerdings den Zugriff auf einzelne Daten, manchmal auch den Nachvollzug der Argumentation. Wichtig sind hier erstmals publizierte dendrochronologische Daten (Dachwerk Aschersleben 1308) und neu erarbeitete Baugeschichten (Halberstadt, Zerbst). Für Zeitz gibt es Korrekturen zur 2000 publizierten Magisterarbeit des Autors [1], leider aber keinen offenen Abgleich mit den Bauforschungen nach 2001. [2] Aufgrund von Bildquellen und geringen Bauresten werden mühevoll Rekonstruktionen für die Franziskanerkirchen von Burg, Magdeburg und Quedlinburg erarbeitet; sie erreichen allerdings nicht genügend Sicherheit, um weiterführende Aussagen zu tragen - hier scheinen jeweils auch andere Lösungen denkbar. Unglücklich ist die Argumentation mit den schematisch gezeichneten oder lediglich in knapper Beschreibung mitgeteilten Ausgrabungsergebnissen in Salzwedel und Wittenberg - die dargelegten Bauabfolgen bleiben vorerst fraglich. An keiner Stelle des Buchs ermöglicht die Bildauswahl den erwünschten (und notwendigen) Nachvollzug für neu mitgeteilte Befunde und neu erschlossene Bauzustände. Auch bei den neu angefertigten Zeichnungen hätte man sich von einem Bauforscher mehr Detailgenauigkeit und stärkere Differenzierung der Hypothesen erhofft.

Im dritten Hauptteil "Die Bettelordensarchitektur" referiert der Autor zunächst den allgemeinen Forschungsstand, weithin den Darstellungen seines Doktorvaters folgend, und wertet dann die "Entwicklungen und Typen" der Kirchen in Sachsen-Anhalt aus. Einleuchtend ist die Scheidung der Bauten in eine frühe Zeit 1228 bis 1250, ein "Jahrhundert der Bettelordensarchitektur" 1250 bis 1350 und eine späte Zeit bis zur Reformation. Ein eigenständiger Abschnitt ist den "Ausnahmeerscheinungen" gewidmet, die als "Architekturen besonderer Bedeutung" zu werten sind: der Ablehnung von Querhausbauten, dem seltenen Umgangschor, den seltenen Krypten, dem Gewölbebau und dem Turmverzicht. Der Autor stellt Befunde für Querhäuser und Krypten zusammen, die aber (bis auf eine unklare Gruft in Aschersleben) alle außerhalb seines Untersuchungsgebiets liegen - leider mit Übernahme falscher Interpretationen (Greifswald) und uneindeutiger Belege. Allerdings formuliert er ohnehin keine Kriterien, die diese 'Ausnahmen' mit besonderen Bedeutungen verbinden würden. Der Versuch, in Exkursen die "Genese mendikantischer Saalkirchen" und die "Entwicklung der Chorgestalt" darzustellen, macht ein Grundproblem des Buches deutlich: Die gemeinsame Darstellung der Bautypen und Bauformen von Dominikanern und Franziskanern als "Bettelordensarchitektur" verstellt (wie schon der älteren Forschung) wichtige Einsichten, die als Detailbeobachtungen selbstverständlich auch in diesem Buch präsent sind. Ihre Kirchenbauten unterscheiden sich gerade in der Frühzeit grundlegend: Dominikaner sind hochgebildete Kleriker, folgen der Regel der Augustinerchorherren und ließen 'Stiftskirchen' bauen; Franziskaner sind ein Orden von Laien, die bewusst schlichte Formen suchten. Dass sie dem Chorgebet viel Zeit (und Raum) widmeten, wird hier (wie auch sonst) übersehen. Die Beobachtungen des Autors zur Lage des Chorgestühls in einem "Binnenchor" und zur Einführung des Langchors fügen sich in den Forschungsstand; störend bleibt der Verzicht auf die funktional wie historisch korrekte wie didaktisch nützliche, terminologische Unterscheidung von 'Chorraum' und 'Sanktuarium'.

Den Blick des Bauforschers zeigen im vierten Hauptkapitel "technologische und detailtypologische Beobachtungen" zu Mauerwerk, Dachwerken, Gewölben, Portalen und Fenstern. Aussagen zu einer "Bettelordensarchitektur" werden hier freilich kaum möglich, sondern nur zu allgemeinen Baugewohnheiten in Sachsen-Anhalt. Zitiert werden allzu oft architekturgeschichtliche Handbücher, nicht die in großer Zahl vorliegenden, oft durch dendrochronologische Daten und Schriftquellen gut abgesicherten, vergleichbaren Befundpublikationen zu anderen Kirchenbauten, Klöstern, Burgen und Stadthäusern der engeren Region.

Ebenfalls den Charakter eines Anhangs hat das letzte Kapitel "Kontextuelle Betrachtungen", das dem Verhältnis der Bettelordensklöster zur Stadt, ihrer Rolle im Stadtwerdungsprozess und im Herrschaftsausbau gewidmet ist. Hier kann sich der Autor einer dichten, aktuellen Forschungsdebatte einfügen. Der historisch ganz zufällige, regionale Ausschnitt verhindert freilich tragfähige, neue Erkenntnisse. Überdies wird die aktuelle archäologische Stadtforschung - zweifellos bislang schlecht und nur punktuell publiziert - für die untersuchten Städte gar nicht herangezogen: In vielen anderen Gegenden stellen sich Frühgeschichte und frühe Topografie (und damit auch Kontext der Bettelordensklöster) in archäologisch erforschten Städten heute ganz anders dar, als es Historiker früher postuliert haben.

Die Studie Todenhöfers bietet mithin einen wichtigen, unverzichtbaren Baustein in der monografischen Analyse mitteldeutscher Dominikaner- und Franziskanerkirchen. Methodisch unglücklich sind die Vermengung beider Orden (unter Auslassung der übrigen Bettelorden) und die Beschränkung auf moderne Landesgrenzen. Dies verhindert neue, tragfähige Beobachtungen zu Typen-, Form- und Funktionsgeschichte der Kirchenbauten oder zu einer Baukunst der Bettelorden - hier werden der Forschung keine neuen Wege gewiesen.


Anmerkungen:

[1] Achim Todenhöfer: Zur Baugeschichte der Franziskanerkirche in Zeitz, in: Zur Architektur und Plastik des Mittelalters in Sachsen-Anhalt, hg. von Wolfgang Schenkluhn (Hallesche Beiträge zur Kunstgeschichte, Bd. 2), Halle 2000, 81-96.

[2] Yngve Jan Holland und Andreas Potthoff: Zur Baugeschichte des Franziskanerklosters in Zeitz, in: Historische Bauforschung in Sachsen-Anhalt (Arbeitsberichte des Landesamtes für Archäologie und Denkmalpflege Sachsen-Anhalt; Bd. 6), Petersberg 2007, 179-197.

Matthias Untermann