Rezension über:

Nadezda Shevchenko: Eine historische Anthropologie des Buches. Bücher in der preußischen Herzogsfamilie zur Zeit der Reformation (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte; Bd. 234), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007, 392 S., 7 Abb., 5 Tab., ISBN 978-3-525-35883-2, EUR 56,90
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Rezension von:
Julia A. Schmidt-Funke
Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Julia A. Schmidt-Funke: Rezension von: Nadezda Shevchenko: Eine historische Anthropologie des Buches. Bücher in der preußischen Herzogsfamilie zur Zeit der Reformation, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/13981.html


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Nadezda Shevchenko: Eine historische Anthropologie des Buches

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Die Geschichte der Dinge hat Konjunktur. Von den Kleidern der Renaissance [1] über die materielle Kultur des frühneuzeitlichen Militärs [2] bis zu den "Sachen" der Aufklärung [3] reicht die Themenpalette, die sich allein die Frühneuzeitforschung in den letzten Jahren erschlossen hat. Methodisch stellt die Beschäftigung mit den Dingen eine Herausforderung dar, für deren Bewältigung die Geschichtswissenschaft nicht selten Anleihen bei soziologischen oder ethnologischen Konzepten macht. [4]

Wie anregend deren Anwendung auf einen klar umrissenen Untersuchungsgegenstand, nämlich den Buchbesitz der preußischen Herzogsfamilie im 16. Jahrhundert, sein kann, beweist Nadezda Shevchenko in ihrer an der "International Max Planck Research School" in Göttingen entstandenen und 2005 abgeschlossenen Dissertation. Ausgehend von den Überlegungen Arjun Appadurais zum 'sozialen Leben der Dinge' untersucht Shevchenko die Materialität der Bücher, ihren Gebrauch und ihre Einbindung in Beziehungsgeflechte [5], um im Sinne der historischen Anthropologie den "Wandel der kulturellen Normen, Verhaltens- und Umgangsweisen in Hinsicht auf das Buch" (19) zu analysieren. Damit findet sie einen Zugang zum historischen Buch, der die Ansätze und Ergebnisse der Reformationsgeschichte, der Leserforschung und der Wissenschaftsgeschichte integriert, zugleich aber über sie hinausweist.

Dank dieses Zugriffs gelingt es Shevchenko, die im Umfeld der Herzogsfamilie entstandenen und heute fast ausschließlich in Berlin aufbewahrten Quellen - Nachlassverzeichnisse, Inventare, Rechnungsbücher sowie Korrespondenzen - zum Sprechen zu bringen. In methodisch überzeugender Weise kontrastiert Shevchenko dieses Quellencorpus mit der zeitgenössischen Traktatliteratur. Ergänzend zieht sie auch einige wenige erhaltene "Bücheroriginale" (353) heran, denen sie als materiellen und textuellen Zeugnissen zu Recht einen doppelten Quellenwert zuweist. Umso größeres Kopfschütteln ruft da der in einer Fußnote verborgene Hinweis (31-32, Anm. 51) hervor, dass Shevchenko der Zugang zu einigen Resten der herzoglich-preußischen Büchersammlungen in der Universitätsbibliothek Toruń, darunter die so genannte Silberbibliothek der Herzogin Anna Maria (1532-1568), verwehrt blieb.

In drei Hauptkapiteln, die sich an der "Lebensgeschichte" (40) eines Buches orientieren, entfaltet Shevchenkos Studie ein faszinierendes Panorama von "Buchpraktiken" (256 und öfter). Ihrem Ansatz entsprechend kann es in dem ersten, mit "Buchherstellung" überschriebenen Kapitel kaum um die detaillierte Beschreibung von Produktionstechniken gehen. Stattdessen thematisiert Shevchenko die anhaltende Bedeutung handschriftlicher Verfahren der Buchproduktion und ihr Zusammenspiel mit dem Buchdruck, bevor sie sich mit der materiellen Gestaltung von Büchern befasst. Shevchenkos Analyse lässt es plausibel erscheinen, dass in der preußischen Herzogsfamilie eine bewusste Wahl zwischen Handschrift oder Druck, Papier oder Pergament, Stoff-, Leder- oder Silbereinband getroffen wurde, um die Bücher in ein differenziertes System von Verwendungen und Wertigkeiten einzuordnen.

Das zweite Hauptkapitel ist der "Zirkulation der Bücher" gewidmet. Shevchenko beschäftigt sich hier in einem ersten Schritt mit der Einrichtung der herzoglich-preußischen Büchersammlungen in der Regierungszeit Herzog Albrechts (1490-1568), auf dessen Betreiben seit den späten 1520er Jahren am Königsberger Hof zwei Bibliotheken - die kleinere Kammerbibliothek und die umfangreichere Schlossbibliothek - aufgebaut wurden. Im Vergleich mit anderen fürstlichen Büchersammlungen dieser Zeit arbeitet Shevchenko die Motive und Kriterien der Buchanschaffungen heraus, wobei deutlich wird, wie eng die Sammeltätigkeit mit Albrechts Bemühen um die Sicherung seiner Herrschaft und mit der Hinwendung zum Luthertum verbunden war. In einem zweiten Schritt zeigt Shevchenko, wie Bücher mittels Schenkung oder Zueignung in den sozialen Interaktionen der Herzogsfamilie als "Kommunikationsmittel" (201) fungierten.

Mit "Buchbenutzung. Auf der Suche nach der Lesepraxis" ist das dritte Hauptkapitel überschrieben. Dass diese Suche trotz der eingangs thematisierten "(Un-)Möglichkeiten der historischen Leserforschung" (203-211) erfolgreich verlaufen ist, belegen die nachfolgenden Ausführungen, in denen Shevchenko eine Reihe interessanter Ergebnisse präsentiert. Nachgespürt wird zunächst den Lesepraktiken in Erziehung und Unterricht, wobei Shevchenko die Unterschiede herausarbeitet, die zwischen den Geschlechtern und Generationen bestanden. Anschließend rekonstruiert sie die Orte der Buchaufbewahrung und der Lektüre anhand eines Nachlassverzeichnisses, in dem nach dem Tod des Herzogsehepaars der in den Räumen des Königsberger Schlosses verwahrte Besitz verzeichnet wurde. Durch die sorgsame Auswertung dieser Quelle kann sie die mit den Büchern verbundenen "Praktiken, Sichtweisen und Werteinstellungen" (231) ermitteln, denen sie danach auch mittels der rekonstruierten Aufstellungssystematik sowie mit Hilfe von Selbstzeugnissen auf die Spur zu kommen versucht.

Abschließend befasst sich Shevchenko mit alternativen Verwendungsweisen von Büchern, worunter in erster Linie das Schreiben, aber auch das Beten und Singen zu rechnen ist. Ein glücklicher Quellenfund ermöglicht es Shevchenko sogar zu zeigen, wie Bücher in magische Rituale eingebunden wurden. Glaubt man dem Schreiben der preußischen Prinzessin Maria Sophia (1527-1591) an ihren Vater, wandelte sich die fromme Besitzerin der Silberbibliothek, Herzogin Anna Maria, in der Abgeschiedenheit der Sommerresidenz am Frischen Haff unversehens zur hexenden Stiefmutter, wobei "eyn buch von zeuberey" (323) eine zentrale Rolle spielte.

Nadezda Shevchenko beschreibt das Buch unter dem Einfluss der Faktoren Stand, Konfession, Geschlecht und Generation in vielerlei Funktionen als "Wissens- und Glaubensgegenstand, Erinnerungs- und Schutzobjekt, Identitätssymbol, Sehenswürdigkeit, Repräsentationsobjekt, Geschenk, Zeugnis der Freundschaft und Untertänigkeit" (334). Mit ihrem Versuch einer historischen Anthropologie des Buches ist ihr zweifellos eine wegweisende Studie für die Buchgeschichte und ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Dinge gelungen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Ulinka Rublack: Dressing Up. Cultural Identity in Renaissance Europe, Oxford, New York 2010.

[2] Vgl. Themenheft "Militär und materielle Kultur in der Frühen Neuzeit", in: Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, 13 (2009), H. 1, URL: http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2009/3075/pdf/mgfn13_01.pdf (PDF-Dokument; 30.11.2010).

[3] Vgl. Tagungsbericht zu "Die Sachen der Aufklärung - Matters of Enlightenment - La cause et les choses des Lumières. Jahrestagung der DGEJ. Halle a.d. Saale, 30. Sept.-3. Okt. 2010", URL: http://www.izea.uni-halle.de/newsletter/2010_11/DGEJ-Tagungsbericht.pdf (PDF-Dokument; 30.11.2010)

[4] Vgl. Karen Harvey: History and Material Culture, London, New York 2009.

[5] "Forms", "uses" und "trajectories" bei Appadurai. Vgl. Arjun Appadurai (ed..): The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge 1986.

Julia A. Schmidt-Funke