Rezension über:

Arndt Brendecke: Imperium und Empirie. Funktion des Wissens in der spanischen Kolonialherrschaft, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, 486 S., ISBN 978-3-412-20399-3, EUR 39,90
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Rezension von:
Pedro Martínez García
Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Bayreuth
Redaktionelle Betreuung:
Susanne Lachenicht
Empfohlene Zitierweise:
Pedro Martínez García: Rezension von: Arndt Brendecke: Imperium und Empirie. Funktion des Wissens in der spanischen Kolonialherrschaft, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 11 [15.11.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/11/16636.html


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Arndt Brendecke: Imperium und Empirie

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Zwischen dem 500-jährigen Jubiläum der Entdeckung Amerikas im Jahr 1992 und der Feier des 200-jährigen Jubiläums der Unabhängigkeit lateinamerikanischer Staaten erhöhte sich das Interesse an dem Erschließungsprozess dieses Kontinents stark. Dieses Interesse regte die Veröffentlichung einiger Standardwerke an, welche die Beschreibungen der "neuen Welt", ihre Wahrnehmung in Europa und die Rolle des Wissens in der spanischen Eroberung untersuchen. [1]

Im hier zu besprechenden Werk widmet sich Arndt Brendecke der spanischen Kolonialherrschaft mit folgender Fragestellung: Welche konkreten Funktionen hatte das Wissen im kolonialen Spanien der frühen Neuzeit? Um diese Frage zu beantworten, analysiert Brendecke die Beziehungen zwischen Empirie und Macht sowie die Wichtigkeit dieses Wissens für den Prozess der Staatsbildung.

Alfons X. von Kastilien (der Weise) bemerkte, dass es für die Regierung eines Königreiches ein Problem sei, dass der König (oculus mundi) nicht alles sehen kann, was in seinem Königreich geschieht und dass er infolgedessen gezwungen ist, Kompetenzen an andere, vom Hof entfernte, Untergebene zu delegieren (198). Das Bestreben des Herrschers ist, die vollständige Kenntnis (entera noticia) all dessen zu erlangen, was in seinem Territorium vor sich geht.

Brendecke beginnt sein Werk mit folgender Fragestellung: Warum ist das Streben nach dieser vollständigen Kenntnis so wichtig? Dafür beschreibt er die Kontrollproblematik im Spanien Philipps II., indem er die Kontrollmaßnahmen erklärt: königliche Audienzen (audiencias), Hörer (auditores) oder Seher (veedores). Er erläutert auch die Informationsverarbeitung am Hof. Durch die Beobachtung seiner Untertanen ist es dem Herrscher möglich, sie zu bestrafen oder zu belohnen.

Nachfolgend analysiert der Autor im Detail den Entwicklungprozess des Selbstverständnisses der spanischen kolonialen Herrschaft. Er zeigt auch den Versuch des Hofes, Information aus Provinzen in Übersee zu bekommen. Dies lässt sich von der ersten Reise Colóns und dem Vertrag von Tordesillas bis zur Reform des Indienrates durch Juan de Ovando nachweisen.

Brendecke erklärt dabei zuerst einige Aspekte der juristischen und politischen Sprache in Kastillien zu jener Zeit. Danach präsentiert er das politische System Spaniens und dessen wichtigste Institutionen (Consejos). Er untersucht das erste systematische Landerfassungsprojekt in Spanien (1517-1523), das unter anderem von Colóns Sohn, Hernando Colón, erstellt wurde. Im Anschluss widmet er sich der Entwicklung des nautischen Wissens und der im Jahr 1503 in Sevilla gegründeten Casa de contratación. Der Autor konzentriert sich vor allem auf das Wachstum des Padrón Real und auf den Gebrauch anderer Navigationsinstrumente und Karten, deren Weiterentwicklung das Resultat einer Kombination aus seemännischer Erfahrung und der Arbeit von Kosmographen und Akademikern war.

Das System Kolonialherrschaft, Vizekönigreiche, Encomiendas oder Bistümer und die Beziehungen dieser Institutionen zum Mutterland, werden ebenfalls analysiert. Brendecke zeigt, wie das Mutterland im Laufe der Zeit versuchte, den Informationsfluss aus Amerika aufrechtzuerhalten: nicht nur um sich ein fundiertes Bild vom Kontinent zu machen, sondern auch, um die kolonialen Autoritäten trotz der räumlichen Distanz unter Kontrolle zu behalten. So konnte man erreichen, was der Autor das Dreieck der Distanzherrschaft nennt: "In der Peripherie müssen sich mindestens zwei Personen befinden, die als Akteur oder Beobachter auftreten (wobei die Funktionen "Akteur" und "Beobachter" wechseln können). Beide müssen zweitens die Möglichkeit haben, unabhängig mit dem Herrschaftszentrum zu kommunizieren, damit sie die Loyalität oder Illoyalität des jeweils Anderen mitteilen können" (181). Daraus folgt, dass es immer offene Kommunikationskanäle mit der Zentralmacht gab. Der Monarch besaß auf diese Weise ein mächtiges Ohr (345), das fähig war, die Loyalität und Interessen der Untertanen zu kontrollieren. Diese Kontrolle hatte logischerweise Begrenzungen, denn authentische Informationen und interessengesteuerte Nachrichten waren manchmal schwer zu unterscheiden. Aufgrund der Größe des Landes und aus Mangel an Vertrautheit von Spaniern mit einigen landesspezifischen Realitäten in Amerika war es nicht immer möglich, die gewünschten Informationen zu bekommen.

Schließlich widmet sich Brendecke Ovandos Projekt im Indienrat. Ovando organisierte die Beschreibung des amerikanischen Kontinents durch die Ausarbeitung von Fragelisten, welche die Ansprechpartner in Amerika beantworten sollten. Diese Listen enthielten Fragen zur Geschichte (unter anderem zur präkolumbianischen Welt oder ethnografischen Themen), Wirtschaftsfragen (Ressourcen, Landwirtschaft, Bergbau), Fragen von gesellschaftlichem Interesse (Population, Religion und Geistlichkeit) sowie Fragen zu speziellen Gebieten wie Militär oder Geographie [2]. Das zeigt uns, dass fast 90 Jahre nach der ersten Reise Colóns Amerika immer noch ein beinahe unbekanntes Territorium war. Die Folgen der Reform Ovandos waren die Institution des Obersten Chronisten und Kosmographen Amerikas, der Entschluss, eine fortlaufend zu ergänzende Beschreibung Amerikas in Auftrag zu geben und die Kodifizierung der Leyes de Indias (1680).

Besonders bemerkenswert an dieser Arbeit ist der Teil über Ovandos Projekt, der bis dato nicht sehr gründlich bearbeitet wurde. Ebenfalls von großem wissenschaftlichen Interesse sind die Untersuchungen über das Wissen und die empirischen Kenntnisse aus Amerika, bei denen der Autor intensiv auf die interrogativen Verfahren eingeht, mittels derer das Wissen ermittelt wurde. Er hebt die Wichtigkeit der Konsensprozesse in der Wissenserzeugung hervor. Letztlich ist Imperium und Empirie eine sehr solide Arbeit. Neben der ausführlichen Quellenbasis beweist der Autor fundierte Kenntnisse über die spanische Geschichtsschreibung.


Anmerkungen:

[1] Siehe beispielsweise Enrique Dussel: 1492. El encubrimiento del otro (el origen del mito de la modernidad), Bogotá 1992 oder Walter Mignolo: The Darker side of the Renaissance. Literacy, Territoriality, and Colonization, Michigan 1997.

[2] Francisco Morales Padrón: Las Indias de Felipe II, Gran Canaria 2000.

Pedro Martínez García