Rezension über:

Efrem Zambon: Tradition and Innovation. Sicily between Hellenism and Rome (= Historia. Einzelschriften; Heft 205), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2008, 326 S., ISBN 978-3-515-09194-7, EUR 62,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Caroline Veit
Graduiertenkolleg "Formen von Prestige in Kulturen des Altertums", Ludwig-Maximilians-Universit√§t, M√ľnchen
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Caroline Veit: Rezension von: Efrem Zambon: Tradition and Innovation. Sicily between Hellenism and Rome, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 11 [15.11.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/11/15037.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Efrem Zambon: Tradition and Innovation

Textgröße: A A A

Efrem Zambon hat für das vorliegende Buch seine Doktorarbeit über die Expedition des Pyrrhus nach Unteritalien und Sizilien umfassend erweitert. Es beinhaltet nun zusätzlich mehrere, z.T. bereits früher erschienene Einzelstudien, die in drei Hauptkapiteln zusammengefasst wurden. Übergreifendes Ziel des Autors ist dabei, die Geschichte der sizilischen Poleis als "incessant association of conservative alternatives and traits of political innovations" (12) aufzuzeigen. Wie zu Beginn des Vorworts betont, folgt er Moses Finley mit der Einschätzung, dass trotz immer wiederkehrender politischer, kultureller und demographischer Grundthemen die Geschichte des antiken Siziliens eine eigene Betrachtung verdient. Anders als Finley stellt Zambon diese These aber nicht in Bezug zur restlichen Geschichte der Insel, sondern möchte die Besonderheit Siziliens vor dem Hintergrund der griechischen, punischen und römischen Geschichte aufzeigen. Nach Ansicht des Autors eignet sich dafür besonders der verhältnismäßig kurze Zeitraum von 289-241 v.Chr. Ausdrücklich weist der Autor auf seine interdisziplinäre Herangehensweise hin, durch die sich das Buch gleichermaßen an Philologen, Historiker und Archäologen richten soll. Angehängt sind eine umfangreiche Bibliographie, die allerdings kaum die neuere Literatur ab 2000 berücksichtigt, sowie ein allgemeines Register und ein Quellenindex.

Ausgehend von der Frage, ob die sizilischen Städte in ihrer politischen Entwicklung dem "Hellenistic way of thinking" (11) des Agathokles oder eher den traditionellen Gepflogenheiten der Vergangenheit folgten, beginnt Zambon sein erstes Kapitel mit einer Analyse der Schriftquellen über die letzten Regierungsmonate des Agathokles. Dieser hatte mit der Form seiner autokraten Herrschaft die hellenistischen Könige im Osten nachzuahmen versucht, was sich nicht zuletzt in der Annahme des Königtitels und dem historisch bedeutsamen Afrika-Feldzug geäußert hat. Gleichwohl sieht Zambon die Herrschaft des Agathokles fest in der syrakusanischen Tradition verankert, in der sich bereits früher Regierungen wie die der Deinomeniden und des Dionysios I. entfalten konnten. Noch zu Lebzeiten des Agathokles begann der Kampf um die Nachfolge, die der todkranke Herrscher schließlich mit einer demonstrativen Rückgabe der Herrschaft an den Demos von Syrakus zu beenden suchte. Doch mit diesen Auseinandersetzungen begannen innen- wie außenpolitische Unruhen, bei denen die syrakusanische Vorherrschaft in Sizilien verloren ging. Dadurch entwickelten sich in vielen Städten autonome Bestrebungen, in denen sich mehr oder minder prominente Autokraten zeitweise etablieren konnten. Anders als die Tyrannen der klassischen Zeit, aber auch als Agathokles, versuchten diese Alleinherrscher auf lokal beschränkter Ebene zu Macht und Autonomie zu gelangen. Nach Zambon lassen sie sich mit ihrer Regierungsform folglich weder der traditionellen sizilischen Tyrannis noch - außer vielleicht Phintias von Akragas - dem hellenistischen Königtum zuordnen.

Neben dieser Entwicklung in den sizilischen Poleis hatte die geschwächte Stellung von Syrakus ein massives Vordrängen der Karthager zur Folge, weshalb die durch die karthagischen Truppen bedrohten Syrakusaner letzten Endes Pyrrhus von Epirus zu Hilfe riefen. Und schließlich vollzog eine Gruppe kampanisch-oskischer Söldner aus dem ehemaligen Heer des Agathokles mit der Inbesitznahme von Messina und der damit verbundenen Bildung eines neuen Machtzentrums einen für die historische Entwicklung Siziliens folgenschweren Schritt.

Im zweiten Kapitel untersucht Zambon die Zeit zwischen Pyrrhus Ankunft in Sizilien im Sommer 278 und dem Ende seiner sizilischen Expedition zwei Jahre später. Zunächst äußerst erfolgreich und von der griechischen und indigenen Bevölkerung mit königlichen Ehren empfangen scheiterte Pyrrhus schließlich an seinem ehrgeizigen Vorhaben, sämtliche Westgriechen unter seiner Herrschaft zu vereinen. Seine, so der Autor, "hellenistische" Mentalität ließ sich mit der genuin griechischen Mentalität seiner sizilischen Verbündeten nicht vereinbaren (269). Nach einer Reihe von Misserfolgen und wegen der bedrohlichen Situation in Unteritalien verließ Pyrrhus 276 v.Chr. Sizilien wieder.

Das dritte Kapitel beinhaltet die Zeit des ersten Punischen Krieges. Eine herausragende Rolle spielte wiederum Syrakus unter der langen Herrschaft Hierons II. Dieser war als ehemaliger Offizier des Pyrrhus vom syrakusanischen Heer zum Strategos Autokrator im Kampf gegen die erstarkenden Mamertiner ernannt und nach dem Sieg zum Basileus ausgerufen worden. Dieser Sieg hatte nach Meinung Zambons eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die historische Entwicklung Siziliens, vor allem deshalb, weil er das Eingreifen der Römer zur direkten Folge hatte. Denn als Verbündete der Mamertiner begannen die Römer 264 v.Chr. den Krieg gegen Syrakus, der mit einem von Hieron ausgehenden Friedensappell und der Unterwerfung großer Teile Ostsiziliens zugunsten der Römer endete. Trotz territorialer Verluste und hoher Entschädigungszahlungen fiel der Friedensvertrag für Hieron günstig aus. Als philos kai symmachos konnte er ein kleines, aber wohlhabendes Reich regieren, dass durch den Schutz Roms in seinen Außengrenzen nicht mehr bedroht war, zumindest solange sich die syrakusanische Regierung an seine nun strikt romfreundliche Politik hielt. Nach Beendigung des Krieges mit Hieron hatte Rom auf der Insel in den Karthagern nur noch einen Gegner, der in den bis 241 v.Chr. anhaltenden militärischen Auseinandersetzungen soweit besiegt werden konnte, dass er sich restlos aus Sizilien zurückziehen musste. Bis auf Hierons Königreich wurde die gesamte Insel zur ersten römischen Provinz.

Entsprechend dem Titel der Arbeit versucht Zambon, für den Zeitraum zwischen dem Tod des Agathokles 289 v.Chr. und dem Ende des ersten Punischen Krieges 241 v.Chr. die Geschichte der sizilischen Städte vor dem Hintergrund der spezifischen Geschichte Siziliens, der des Hellenismus und der Geschichte Roms aufzuzeigen. Da durch die bekanntermaßen unzulängliche Quellenlage diese übergreifende Fragestellung aber nicht homogen behandelt werden kann, erhalten die Unterkapitel eine ganz unterschiedliche Gewichtung. In den literarischen Quellen wird oft nur auf die Ereignisse in den großen Städten wie Syrakus zusammenhängend eingegangen - zu den Tyrannen der kleineren Poleis etwa ist außer den spärlichen Notizen bei Diodor kaum etwas zu erfahren, so dass die terminologische Differenzierung zwischen "konservativer" Tyrannis und "hellenistischer" Basileis dort kaum möglich ist. Dazu wäre auch eine begriffliche Diskussion der Herrschaftsformen in Sizilien vor dem Hellenismus nützlich gewesen, um die Unterschiede dazu in dem hier behandelten Zeitraum klarer zu veranschaulichen. Mit der Frage nach der Glaubwürdigkeit der jeweiligen antiken Autoren und ihrer Vorlagen setzt sich Zambon teilweise sehr intensiv auseinander und kann dadurch neue Erkenntnisse gewinnen - etwa im Fall von Messina und seiner Inbesitznahme durch die kampanisch-oskischen Söldner: Zambon geht hier über die kritische Analyse der einschlägig bekannten Informationen bei Diodor und Polybios hinaus und untersucht weitere, unbekanntere Quellen - etwa Gedichtfragmente des Alfius (Festus, Lexicon s.v. Mamertini) - und epigraphische wie archäologische Zeugnisse, um entgegen vorherrschender Meinung überzeugend das Bild einer multiethnisch geprägten Stadt zu entwerfen (45ff.). Zambons Untersuchung der Situation auf der Insel am Ende des Punischen Krieges lässt sich dagegen zu sehr von der tendenziösen Quellenlage leiten und fällt überaus romfreundlich aus. Entgegen der Meinung des Autors, Sizilien habe sich Dank der römischen Politik nicht als "capitulated country" (269) dargestellt, deuten die archäologischen Quellen gerade im Westen Siziliens im 3. Jahrhundert v.Chr. auf eine Stagnation hin. In den Städten, die nicht zum Reich Hierons gehörten, lassen sich erst im 2. Jahrhundert v.Chr. wieder umfangreichere Baumaßnahmen archäologisch nachweisen. [1] So bringt die überaus wichtige Frage "Romanisierung oder Akkulturation?" (246ff.) kaum Erkenntnisse, die über die bereits bekannten hinausgehen und sich nicht vor allem auf die von Cicero in den Verrinen überlieferten Informationen beziehen.

Nicht nur das Beispiel von Messina zeigt, wie Zambon an verschiedenen Stellen die archäologischen und epigraphischen Quellen gewinnbringend eingefügt hat. Einige Abbildungen, etwa von Münzen, oder auch Pläne und Landkarten hätten seine Thesen anschaulicher machen können. Mit der detaillierten Auswertung von Funden gerade außerhalb der Zentren bietet er interessante Überlegungen zu bisher nicht identifizierten Örtlichkeiten, und anhand der Münzen kann der Autor die politischen Ambitionen mancher Prägeherren und dadurch auch die in seiner übergreifenden Fragestellung betonten Besonderheiten aufzeigen. Manchmal schießt Zambon dabei über das Ziel hinaus, denn häufig folgen die Münzbilder - etwa unter Pyrrhus - doch zu sehr der im Mittelmeerraum zu dieser Zeit üblichen Bildsprache als dass man in ihnen spezifisch ideologische Vorstellungen oder propagandistische Maßnahmen erkennen möchte. Auch lassen sich manche archäologische Quellen nicht so eindeutig mit den in den Schriftquellen überlieferten historischen Begebenheiten verbinden, wie Zambon es suggeriert. Die Befestigungsanlage in Selinunt etwa ist mit der Meinung der Ausgräber durch ihre Nähe zum Euryalos in Syrakus doch eher auf Agathokles zurückzuführen und nicht als Beispiel punischer Architektur zu betrachten. [2]

Zambons Verdienst liegt in der kritischen Neubetrachtung vieler Details der sizilischen Geschichte während des Hellenismus. Die übergeordnete Fragestellung des Buches drängt dabei manchmal wichtige Untersuchungsergebnisse der Unterkapitel in den Hintergrund. Doch gerade die von Zambon gewonnenen einzelnen Erkenntnisse sollten zu weiterer Auseinandersetzung mit diesem Zeitraum der Geschichte des antiken Siziliens anregen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. etwa A. Wiegand: Das Theater von Solunt (1997), R.J.A. Wilson: Sicily under the Roman Empire, Warminster 1990, 18; ders.: Ciceronian Sicily. An archeological perspective, in: Ch. Smith / J. Serrati (eds.): Sicily from Aeneas to Augustus, Edinburgh 2000, 134ff.; D. Mertens: L'architettura del mondo greco d'Occidente, in: G. Pugliese Carratelli (a cura di): I Greci in Occidente, Neapel 1996, 342f.

[2] Vgl. K. Mathieu, in: D. Mertens: Selinus I, Mainz 2003, 128ff.

Caroline Veit