Rezension über:

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, Berlin / München: Propyläen 2010, 512 S., ISBN 978-3-549-07376-6, EUR 24,95
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Rezension von:
Tamar Amar-Dahl
Humboldt-Universität zu Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Tamar Amar-Dahl: Rezension von: Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, Berlin / München: Propyläen 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/18796.html


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Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes

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"Die Erfindung des jüdischen Volkes" erschien kurz vor dem 60. Geburtstag des Staates Israel und löste dort nicht nur wegen seines provokanten Titels eine heftige Debatte aus. Aber auch außerhalb Israels hat das Buch, das mittlerweile in französischer, englischer und deutscher Sprache vorliegt, beachtliche Resonanz gefunden, denn Shlomo Sand vertritt eine gewagte These, die das zionistische Geschichtsverständnis radikal infrage stellt.

Bevor der Zeithistoriker von der Universität Tel Aviv jedoch dazu kommt, versucht er, zentrale Begriffe wie Volk, Nation und Ethnie im Licht der neueren Nationalismusforschung zu definieren. In den folgenden Kapiteln "Mythohistorie: Am Anfang schuf Gott die Nation" und "Die Erfindung des Exils: Bekehrung und Konversion" setzt sich Sand kritisch mit der zionistischen Geschichtsschreibung auseinander. Dabei problematisiert er die Vereinnahmung der Bibel und der langen jüdischen Geschichte - insbesondere des negativ konnotierten Exils - für nationalistisch-zionistische Zwecke. In Abgrenzung dazu bemüht sich Sand im Kapitel "Regionen des Schweigens: Auf der Suche nach der verlorenen (jüdischen) Zeit" um eine alternative Sicht der jüdischen Geschichte. Sie komme aus verschiedenen Gemeinden in allen Teilen der Welt. Erst dann geht Sand zu seinem eigentlichen Anliegen über und behandelt die explosive Situation im heutigen Israel. Das letzte Kapitel "'Wir' und 'Sie'" befasst sich mit Fragen der Identitätspolitik und zeichnet das Selbstverständnis Israels als Staat des jüdischen Volkes nach, das in einer de facto bi-nationalen Realität von zentraler Bedeutung ist.

Worin besteht nun die Brisanz von Sands Thesen? Das jüdische Volk, schreibt er, sei ein Phänomen der Neuzeit - erfunden vom jüdischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts. Bei den Juden von heute handle es nicht um wirkliche Nachfahren der vor 2000 Jahren in Palästina lebenden Juden. Es habe auch keine Verbannung der Juden gegeben; das Judentum sei eine Religion gewesen, die diverse Völker im Laufe der Jahrhunderte angenommen hätten. Die Idee von einem jüdischen Volk im Sinne des Zionismus - also einer Ethnie mit einem gemeinsamen Ursprung im Nahen Osten - sei daher nicht haltbar.

Sand hinterfragt die zionistische Ideologie, wie vor ihm schon andere Historiker die Mechanismen der Konstruktion anderer Nationen hinterfragt haben. Die zionistische Ideologie hat Israel bekanntlich noch immer im Griff, und hier setzt Sand an, der mit seiner Kritik an einem ethnisch-jüdisch orientierten Israel dessen "Entzionisierung" in die Wege leiten will. Dazu begibt sich der Autor auf eine Reise durch die dreitausendjährige jüdische Geschichte. Sein Ziel ist klar: Er will das zionistische Geschichtsverständnis widerlegen, dem die "Diaspora" und die Notwendigkeit ihrer "Negation" zu Grunde liegen. Dabei kommt er zu dem Schluss, "dass die Juden seit jeher an den verschiedensten Orten Fuß fassten und bedeutende Gemeinden bildeten, aber keine 'Ethnie' mit einem gemeinsamen Ursprung sind, die in endloser Verbannung durch die Welt irrte" (51).

Das Grundproblem des Autors ist seine Tendenz zu einer ahistorischen Argumentation: Sand deutet die lange jüdische Geschichte von der Perspektive des Pyrrhussiegs des Zionismus im 20. Jahrhundert. Er versucht, die zionistische Überzeugung, es gebe eine eigene jüdische Ethnie, durch seine Überzeugung zu ersetzen, es gebe diese nicht. Dabei bemüht sich Sand nachzuweisen, dass es keinen gemeinsamen biologischen Ursprung der Juden gebe. Der Autor begibt sich damit aber auf die argumentative Ebene seiner Gegner, und er tut dies, um die zionistische Historiographie zu schwächen. Damit ignoriert er jedoch das Selbstverständnis der Juden, die sich schon vor dem Durchbruch des Zionismus sehr wohl als Angehörige des religiös konnotierten Volkes Israel (heb. "Am Israel") verstanden, auch wenn sie sich damit nicht befassten, ob sie tatsächlich dem Samen Abraham entstammten oder nicht.

Sands ahistorische Geschichtsdarstellung verweist auf eine missverständliche Einschätzung des Zionismus mit seinem besonderen Hintergrund und seiner besonderen "Erfolgsgeschichte". Er liest die Geschichte des jüdischen Nationalismus von ihrem "destruktiven" Ausgang her und betont, der Ethnozentrismus im Zionismus verhindere den Einschluß derer, die nicht zur Ethnie gehörten, aber zusammen mit den Juden auf "heiligem" Territorium lebten. Doch ist der Zionismus per definitionem ethnozentrisch und gründet wie alle anderen Nationalismen auch auf der Überzeugung von der Existenz einer Nation mit gemeinsamer Herkunft und gemeinsamer Identität.

Dem Zionismus, der Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Anhänger fand, ging es in erster Linie darum, diese - jüdische - Identität zu erhalten, die als Folge der Säkularisierung und Modernisierung Europas zu verschwinden drohte. Der Zionismus war also auch eine Reaktion auf die Gefahren der Assimilation - und eine Antwort auf den wachsenden rassistischen Antisemitismus. Er galt (und gilt noch immer) als säkular-jüdische Alternative zu einer religiös-jüdischen Identität, und darin besteht seine Attraktivität für säkulare Juden, die ihre Religion nicht mehr ausüben, sich aber sehr wohl als Angehörige des Volkes Israel verstehen.

Der Zionismus musste also kein Volk erfinden; er setzte es vielmehr voraus und wollte es zusammenzuführen. Auch wenn Sand mit seiner These recht hätte, die Juden seien keine Ethnie mit einem gemeinsamen Ursprung, täte dies nichts zur Sache, denn die "Nationalisierung" der Juden im 20. Jahrhundert ist ein historisches Faktum. Sand will diese Entwicklung als grundlos, als historisch "falsch" begreifen. Doch in der Geschichte gibt es nicht wenige "falsche" Ideen, die im schlimmsten Fall zu grausamen Ideologien führen: Die Katastrophe der europäischen Juden ist ein erschreckendes Beispiel dafür.

Die Shoah und die als Wiederauferstehung (heb. Tkuma) begriffene Gründung des jüdischen Staates sind für die jüdische Identität im 20. Jahrhundert konstitutiv. Beides hat maßgeblich zur "Nationalisierung" der Juden beigetragen und bestimmt noch immer das Selbstverständnis der Juden - wie destruktiv auch immer dieses Außenstehenden erscheinen mag.

Dass Sand bemüht ist, Israel zu "entzionisieren", mag für liberale Demokraten ein Segen sein, in einem zionistischen Staat muss sein Buch jedoch als direkte Attacke auf das staatsbildende Selbstverständnis empfunden werden. Israel insistiert auf der zionistischen Ideologie vom "jüdischen Staat für das jüdische Volk in Erez Israel", weil diese Ideologie als einzige die Aufrechterhaltung der national-jüdischen Identität zu garantieren scheint. Die politische Alternative im Sinne Sands hat derzeit schon deshalb keine Chance, weil sich die jüdischen Israelis sehr wohl als ein Volk im ethnischen Sinne verstehen. Gerade weil sie es tun, werden sie nicht ohne weiteres auf eine politische Ordnung verzichten, die dieses Selbstverständnis zu bewahren meint. Kurzum: Gerade weil sich die "Nationalisierung" der Juden historisch vollzogen hat, stellen die Juden in Israel und auch außerhalb heute ein Volk dar - ob die zionistische Historiographie "richtig" ist oder nicht.

Offensichtlich schlagen zwei Herzen in der Brust des Autors: das Herz des Wissenschaftlers, der Mythen zerstören und den Blick für historische Zusammenhänge schärfen möchte, und das Herz des besorgten israelischen Staatsbürgers, der die nur schwer erträgliche politische Situation in seinem Land verändern will. Sand reflektiert dieses Spannungsverhältnis, in dem sein Buch steht, nur unzureichend. Dennoch ist es beeindruckend, mit welchem Engagement der Autor zu Werke geht und sich dabei nicht scheut, den Finger in offene Wunden zu legen.

Tamar Amar-Dahl