Rezension über:

Julia Burbulla: Allumfassende Ordnung. Gartenkunst und Wissenschaft in Gotha unter Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772-1804) (= natur, wissenschaft und die künste; Bd. 1), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2010, 288 S., ISBN 978-3-0343-0038-4, EUR 31,70
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Rezension von:
Sonja Geurts
Wuppertal
Redaktionelle Betreuung:
Julian Jachmann
Empfohlene Zitierweise:
Sonja Geurts: Rezension von: Julia Burbulla: Allumfassende Ordnung. Gartenkunst und Wissenschaft in Gotha unter Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772-1804), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/18036.html


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Julia Burbulla: Allumfassende Ordnung

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Julia Burbulla gelingt es mit ihrer kunsthistorischen Untersuchung, die Geschichte der herzoglichen Gärten zu Gotha im Kontext der Herrschaft Herzogs Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772-1804) quellengeschichtlich aufzuarbeiten und Vergleiche zu den maßgeblichen Vorbildern aufzuzeigen. Darüber hinaus erschließt die Arbeit die das späte 18. Jahrhundert prägenden Zusammenhänge zwischen bildender Kunst und Naturwissenschaften auf neue Weise. Als erster Band bildet sie den Auftakt der Reihe "Natur, Wissenschaft und die Künste" im Peter Lang Verlag. Das Buch geht auf Burbullas 2007 an der Universität Bern unter dem Titel "Die herzoglichen Gärten in Gotha unter Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772-1804) "eingereichte Dissertation zurück.

Ausgehend von den auf die Wissenschaften und Künste ausgerichteten Interessen des Herzogspaars Ernst II. (1745-1804) und Charlotte Amalie (1751-1827) erörtert Burbulla die Entstehungsgeschichte der Gartenanlagen im ausgehenden 18. Jahrhundert. Ihrer Arbeit stellt die Autorin die These voraus, "dass die Motive der herzoglichen Begeisterung für den englischen Gartenstil vorrangig einem ausgeprägten naturwissenschaftlichen Verständnis zugrunde lagen." (28) Burbullas Ansatz, von einer Wechselwirkung zwischen der bildnerischen Formensprache und physikalisch begründeten Raumordnung des Landschaftsgartens auszugehen, eröffnet eine neue, bislang weitestgehend unerforschte Perspektive innerhalb der Geschichte der Garten- und Landschaftskunst.

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert. Einleitend werden die wesentlichen Einflüsse erläutert. Während sich Ernst II. intensiv den Naturwissenschaften, insbesondere der Physik widmete, galt Charlotte Amalie als Förderin der Künste. Die gartenkünstlerischen Ambitionen des Herzogspaars konzentrierten sich auf die neuen, im Süden und Osten gelegenen Gärten, die ab 1766 im englischen Stil entstanden. Ihre These von einer Wechselwirkung zwischen Naturwissenschaften und Gartenkunst begründet die Autorin mit der wissenschaftlichen Revolution einerseits sowie der künstlerischen Neuordnung andererseits, die im Landschaftsgarten und hier speziell im neu definierten Raumbegriff ihren Ausdruck finden.

Im zweiten Kapitel liefert die Autorin historische Interpretationsansätze, deren Schwerpunkt auf der sinnbildlichen Bedeutung des Parks als Ausdruck des aufklärerisch gesinnten Herzogs liegen. Weiterhin werden im dritten Kapitel unter der Überschrift "Aneignung" die unmittelbaren, vom "Wirbel der Moden" in England ausgehenden Einflüsse, die bereits der junge Erbprinz Ernst und sein Bruder August am englischen Hof erfuhren, behandelt. Die verwandtschaftlichen Beziehungen mit der Princess of Wales Augusta, gebürtig in Sachsen-Gotha-Altenburg, begünstigten die Bautätigkeiten am herzoglichen Hof. Nachdem die Befestigung um Friedenstein abgetragen wurde, erfolgten grundlegende Terraingestaltungen im gesamten Gartenareal, die wiederum maßgebliche Voraussetzungen für die weitere Baugeschichte schufen.

Überschrieben mit "Transformation" werden im vierten Kapitel die fest umrissenen Projektabschnitte der Baugeschichte der Gärten dargelegt. Während die Arbeiten im Englischen Garten 1766 begannen und 1795 abgeschlossen wurden, fanden die Baumaßnahmen im Garten der Herzogin von 1779 bis 1800 statt. Eingehend analysiert wird die Raumbildung, die im ersten Schritt nach den Prinzipien der "mathematicae purae" [1] erfolgte. Mit unregelmäßigen Einzel- und Gruppenpflanzungen wurden die geometrischen Raumstrukturen durchbrochen und das mathematische Ordnungsprinzip gezielt gestört. Insgesamt bewirken die innerhalb des Landschaftsraumes angelegten Sichtachsen und die Geländemodellierung eine optische Erweiterung der räumlichen Dimension, so dass schließlich das "neue", mathematische und physikalische Prinzipien verbindende Kräfteverhältnis im Gartenbild zum Ausdruck kommt. Die Grundsätze der Physik spiegeln sich überdies in der Theorie der Landschaftsgartenkunst wider, die mit den physikalischen Begriffen wie Bewegung, Körper oder Masse und Zeit operiert. Neben die abstrakten und starren Prinzipien der Geometrie trat das physikalische Moment der Bewegung, das als neues Merkmal des Landschaftsgartens beispielsweise von Christian Cay Lorenz Hirschfeld in der Theorie der Gartenkunst berücksichtigt wurde.

Das fünfte Kapitel beschreibt unter der Überschrift "Verortungen" die Ausstattung der herzoglichen Gärten. Als artifizieller "Wissensraum" (157) fungiert der Garten der Herzogin, indem das architektonische und skulpturale Programm zum "Medium der Vermittlung" (157) avanciert. Damit trat die "unbeschränkte Ausdehnung des Raumes" (157f.) in den Hintergrund, während der unter der Regie von Herzog Ernst II. angelegte Englische Garten an die "Idee des unendlichen Raumes" (203) anknüpfte und Natur als eine Folge mannigfaltiger Bilder in Szene setzte. Der Englische Garten ist gleichsam "Vorstellungsraum", in dem die "Idee der Unendlichkeit beziehungsweise des Erhabenen" (205) inszeniert wurde. Das Wechselspiel zwischen offenem und geschlossenem Raum kommt vor allem in der elliptischen Wegeführung zum Ausdruck und erschließt sich für den Besucher in der Bewegung.

Zuletzt werden im sechsten Kapitel "Weltumspannende Sinnfunktion" die Neuen Anlagen behandelt, die auf dem Terrain der abgetragenen Wallanlagen im Norden und Osten angelegt wurden. Im Gegensatz zum Konzept des Englischen Gartens entsprechen die Neuen Anlagen allerdings dem Wechselspiel zwischen Begrenzung und Entgrenzung, Endlichkeit und Unendlichkeit sowie Stagnation und Bewegung nur noch in Ansätzen. Vielmehr verkörpern die Anlagen im Zusammenhang mit dem Schloss und dem Festungsgelände die "Idee eines Machtraumes" (223), dessen politische Tragweite durch die Aufstellung der Statue der Minerva, Patronin der Künste und Wissenschaften" konkretisiert wird. Die Selbstinszenierung des Herzogs an der Schnittstelle von Macht und Wissen schafft eine Grenze zwischen den Neuen Anlagen und dem Englischen Garten. Der Zusammenhang beider Gartenräume visualisiert wiederum das Ideal des modernen Herrschaftsverständnisses, in dem Herzog Ernst II. Beruf und Berufung, Amt und Persönlichkeit miteinander in Einklang bringt.

Der Untersuchung liegt eine klare und übersichtliche Gliederung zugrunde, in welcher sich der Argumentationsverlauf anschaulich widerspiegelt. Ausführliche Fußnoten und umfangreiche Quellenangaben vervollständigen den wissenschaftlichen Anspruch der Arbeit. Abbildungen der historischen Pläne und Ansichten lockern die Publikation auf. Ein umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis rundet die Arbeit ab. Ergänzend fasst ein tabellarischer Anhang die wesentlichen Eckdaten zur Geschichte der herzoglichen Gärten zusammen und stellt die Etappen der Entstehungsgeschichte aller Gartenbereiche, nämlich des Küchengartens, des Gartens der Herzogin, der Orangerie sowie der Neuen Anlage detailliert von 1766 bis 1813 dar. Insgesamt eröffnet Julia Burbulla mit ihrer Arbeit einen neuen Interpretationsansatz für die Gartenkunst des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Ihr gelingt es, interdisziplinäre Zusammenhänge am Beispiel der Gothaer Gärten mithilfe von Quellen und gartenhistorischer Literatur anschaulich und überzeugend zu begründen.


Anmerkung:

[1] Volker Remmert: Hortus mathematicus. Über Querverbindungen zwischen Gartentheorie und -praxis und den mathematischen Wissenschaften in der frühen Neuzeit, in: Wolfenbütteler Barock-Nachrichten 31 (2004), 1, 3-23.

Sonja Geurts