Rezension über:

Alison C. Kay: The Foundations of Female Entrepreneurship. Enterprise, Home, and Household in London, c. 1800-1870 (= Routledge Studies in Business History), London / New York: Routledge 2009, XV + 185 S., ISBN 978-0-415-43174-3, GBP 90,00
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Rezension von:
Margrit Schulte Beerbühl
Historisches Seminar, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Margrit Schulte Beerbühl: Rezension von: Alison C. Kay: The Foundations of Female Entrepreneurship. Enterprise, Home, and Household in London, c. 1800-1870, London / New York: Routledge 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/17765.html


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Alison C. Kay: The Foundations of Female Entrepreneurship

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Frauen als Geschäftsführerinnen, sei es im Handel oder in der Industrie, haben in den letzten Jahren ein zunehmendes Interesse in der Geschichtswissenschaft gefunden. Kay ist auch nicht die erste in Großbritannien, die sich diesem Thema widmet. [1] Ihre Untersuchung setzt allerdings später, erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Sie ist die erste, die auf der Basis von Versicherungspolicen der Sun Fire Assurance, Adressbüchern, des Zensus, Visitenkarten und weiterer Quellen einen quantitativen Zugriff auf die Geschäftstätigkeit und das Berufsprofil von Frauen der viktorianischen Mittelschicht unternimmt.

Ihre Studie konzentriert sich auf London, das größte Handels- und Gewerbezentrum des Viktorianischen Zeitalters, denn London bot den Frauen mehr geschäftliche Chancen als die kleineren Provinzstädte. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist das in der historischen Forschung verbreitete Konzept der "getrennten Lebenswelten", das viktorianische Ideal der Trennung von Arbeitswelt und Heim, also der Dichotomie von männlicher öffentlicher Geschäftstätigkeit und privater weiblicher Häuslichkeit. Ihr Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Rolle der versorgten und behüteten Frau für einen beträchtlichen Teil der Londoner Mittelschicht-Frauen keine Option war. Immerhin waren um die 1,8 Mio. Frauen in Großbritannien unverheiratet oder verwitwet.

Sie befasst sich mit Fragen, inwieweit die Geschäftstätigkeit der Verbesserung des Einkommens und Sicherung des Lebensstandards diente; ob das Ziel der weiblichen Tätigkeit primär Gewinn oder etwas anderes war; und: wie sich die Tätigkeit mit den persönlichen Umständen in Einklang bringen ließ. Es sollen sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zwischen männlichem und weiblichem Eigentum bezüglich der Wahl des Sektors und der Kapitalausstattung herausgearbeitet werden (5).

Kay analysiert ca. 2000 Versicherungspolicen von Frauen und Männern. 643 Policen wurden von Frauen abgeschlossen. Zahlenmäßig rangieren die typischen weiblichen Tätigkeiten an erster Stelle. Etwa 85% der Frauen gingen den typischen Geschäftstätigkeiten nach, wie Putz- und Modewarenhändlerinnen, Vermieterinnen, Pensions- und Gasthausinhaberinnen, Textil- und Lebensmittelhändler. Selbständige Frauen waren aber auch in typisch männlichen Berufszweigen zu finden, wie den Schmieden, den Wagnern, Musikinstrumentenmachern, Maurern, etc. In vier der zehn häufigsten Berufe des 19. Jahrhunderts (Lebensmittel-, Kerzen- Tabak- und Gemüsehändler) ist der Anteil der Geschlechter nahezu gleich. Unterschiede sind eher in der Höhe der Versicherungssummen festzustellen. Frauen schlossen eher kleinere Summen ab und ihre Geschäfte gehörten somit eher zu den kleinen und mittleren Unternehmen (Kap.3).

Eine weit verbreitete geschlechtsspezifische Tätigkeit war die Führung von Pensionen und Gasthäusern. In einer Stadt mit rasch wachsenden Einwohnerzahlen und chronischem Wohnungsmangel muss dies eine attraktive Erwerbstätigkeit gewesen sein, die von der Forschung bisher jedoch noch nicht hinreichend erfasst ist. Von den 1400 im Post Office Directory von 1851 verzeichneten Pensionen wurde etwa die Hälfte von Frauen geführt. Die Gesamtzahl der weiblichen Inhaber schätzt Kay noch wesentlich höher, da in vielen Fällen nur die Initialen aufgeführt sind und nicht auszuschließen ist, dass verheiratete Frauen Pensionen unter dem Namen ihres Mannes führten. Die Leitung einer Pension war für die Frau des gehobenen Mittelstandes eine gesellschaftlich durchaus anerkannte Geschäftstätigkeit. Die Werbung für ihre Pensionen lief allerdings hauptsächlich über Empfehlungen, sie verzichteten im Gegensatz zu den männlichen Mitbewerbern weitgehend auf Zeitungsanzeigen. Zusätzlich zur Pension oder zum Hauptgeschäft beherbergten viele Geschäftsfrauen Untermieter (Kap.4).

Etwa ein Drittel der Geschäftsfrauen beschäftigte Hauspersonal bzw. Angestellte. Kay verweist allerdings darauf, dass die Grenzen zwischen beiden besonders bei den kleinen Einzelhandelsgeschäften fließend waren (Kap.5).

Die Investition in Miet- und Pachteigentum wurde bisher von der Forschung kaum als unternehmerische Tätigkeit von Frauen betrachtet, sondern eher als eine "passive Investition". Demgegenüber weist Kay anhand der Versicherungspolicen auf, dass weder hinsichtlich der Zahl der versicherten, nicht zum Haushalt gehörenden Eigentumstitel, noch der Versicherungshöhe auffällige geschlechtsspezifische Unterschiede existieren. Sie fordert deshalb, dass Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung auch bei den Frauen als Portfolio - Diversifizierung betrachtet werden sollten (Kap. 6).

Kay kommt zu dem Ergebnis, dass selbständige Geschäftsfrauen auch im viktorianischen Zeitalter nicht zwangsläufig Witwen waren, sondern viele aus einem Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Respektabilität ein Geschäft betrieben. Auch nahm die Geschäftstätigkeit der Frauen im viktorianischen England keineswegs ab. Ihre Geschäfte bauten sie in der Regel aus eigener Kraft und mit wenig Kapital auf. Diese boten ihnen nicht nur eine Überlebensmöglichkeit und Altersvorsorge, sondern vor allem auch eine Chance, ihren Familien ein beschütztes und angenehmes Leben zu gestatten. Umfang und Vielfalt der weiblichen Geschäftstätigkeit ist deshalb so lange verdeckt geblieben, weil sie ihre Geschäfte von zu Hause aus führten. Für Frauen der Mittelschicht lag die Attraktivität der Tätigkeit darüber hinaus auch darin, dass sie weitgehend innerhalb des vorherrschenden Rollenideals weiblicher Häuslichkeit einer beruflichen Tätigkeit nachgehen konnten. Die Geschäftsfrau, so schließt Kay, ist somit weder ein Relikt der vorindustriellen Zeit noch eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Kays Ausführungen über die weibliche Geschäftstätigkeit im viktorianischen London weisen überraschende Parallelen zu Susanne Schötz' Leipziger Handelsfrauen auf. Ihre Untersuchung ist insgesamt eine ausgesprochen lesenswerte Studie, die zum Überdenken des im 19. Jahrhunderts vorherrschenden Ideals weiblicher Häuslichkeit Anlass gibt und zu weiteren Studien anregt.


Anmerkungen:

[1] Z.B. Hannah Barker: The Business of Women: Female Enterprise and Urban Development in Northern England 1760-1830, Oxford 2006 oder Nicola Philips: Women in Business 1700-1850, London 2006.

[2] Susanne Schötz: Handelsfrauen in Leipzig. Zur Geschichte von Arbeit und Geschlecht in der Neuzeit, Köln / Weimar / Wien 2004.

Margrit Schulte Beerbühl