Rezension über:

Klaus Herding: 1968. Kunst, Kunstgeschichte, Politik, Frankfurt/Main: anabas-Verlag 2008, 71 S., ISBN 978-3-87038-379-4, EUR 16,80
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Rezension von:
Norbert Schneider
Institut für Kunstgeschichte, Karlsruhe Institute of Technology KIT
Redaktionelle Betreuung:
Olaf Peters
Empfohlene Zitierweise:
Norbert Schneider: Rezension von: Klaus Herding: 1968. Kunst, Kunstgeschichte, Politik, Frankfurt/Main: anabas-Verlag 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/16585.html


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Klaus Herding: 1968

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Über 1968 ist in den letzten drei Jahren viel geschrieben worden, sowohl forschungsbasiert wie auch in erinnernder Rückblende der Beteiligten. In den Vordergrund des Interesses verstand sich mit seiner Kritik an der 68er-Bewegung Götz Aly zu spielen, einst Maoist und nun mutiert zu einem militanten Renegaten. Solche Konversionen im Laufe der Jahrzehnte waren nicht selten. Am meisten ließen sie sich beobachten bei den radikalen Hitzköpfen, die sich einst in einem Schnellkurs einige Punkte der Marxschen Kapitalanalyse aneigneten, dann aber, sobald ihrer revolutionären Ungeduld nicht gleich die realitätsblind herbeigeredeten Transformationen folgten, zur nächsten ideologischen Mode übersprangen.

Was an diesen Karrieren auffällt, ist die postmoderne, opportunitätsgeleitete Aufkündigung einer lebensgeschichtlichen Identität, einer Bewusstseinshaltung, die für die älteren Generationen noch konstitutiv war. Insofern ließ sich von Marx schnell zum Immoralismus Nietzsches wechseln.

Quer zu solchem Habitus steht die intellektuelle Biografie Klaus Herdings. Ihn hat über die Dezennien hinweg immer eine ethische Konstanz des Gewissens ausgezeichnet, ein Verantwortungsbewusstsein, das in seiner Reflexivität ihn gegen vorschnelle Anpassungen an proklamierte Wandlungen des "Zeitgeists" immunisierte. So hat er, bei aller unumgänglichen und berechtigten Kritik an Auswüchsen und Fehlentwicklungen von 1968, doch stets mit bewundernswerter Beharrlichkeit an dessen progressivem und Emanzipationen eröffnendem utopischen Ideal festgehalten und sowohl die Notwendigkeit als auch die Errungenschaften der Studentenbewegung verteidigt.

Sein in Buchform erschienener Essay verdient als wichtige Gegenstimme zu den Denunziationspamphleten größte Aufmerksamkeit, handelt es sich doch um "persönliche Erinnerungen" (5) analog und komplementär zur Oral History. Gleichwohl verbindet sich diese Erinnerung mit einer wissenschaftlichen Rekonstruktion, die immer das Korrektiv zu manch zwangsläufig sich einstellender memorativer Ungenauigkeit sein muss. Wie die Verhältnisse an den bundesdeutschen Universitäten vor 1968 aussahen, lässt Herding im Schlussteil seines Essays deutlich werden, wo er aus eigenem Erleben (dank der 68er-Bewegung) die heutigen Studentengenerationen mit kaum mehr vorstellbaren reaktionären Verhaltensweisen der unumschränkt herrschenden Ordinarien beschreibt (62). Im Fokus seines Interesses ist hier die damalige Situation im Fach Kunstgeschichte (45ff.). Diese Momentaufnahmen allein rufen die beklemmende Atmosphäre ins Gedächtnis, aus der heraus die kritischen Konterpositionen der Studierenden verständlich wurden.

Nun wird aber schnell klar, dass es Herding um weit mehr ging, als Impressionen aus dieser Zeit Revue passieren zu lassen. Vielmehr möchte er mit diesem Essay historiografische Thesen für das Aufkommen der Protestbewegung und ihre Auswirkungen auf die Politik vorstellen und sie empirisch untermauern. Es sind insgesamt fünf, die alle unter der Gesamtthese stehen, dass es die Kunst gewesen sei, die schon seit Anfang der 60er-Jahre "der Politik weithin den Boden" bereitete, "in dem die utopischen Gelüste sich ausbreiten und später dann die Maßnahmen gegen die emanzipatorischen Kopulationen ihren Lauf nehmen konnten" (15). Unter dieser Prämisse und in dieser Perspektive nimmt seine Darstellung daher weitgehend den Charakter einer Geschichte der Kunstrichtungen zwischen 1963 und 1967 an.

Seine erste These lautet, dass die Kunst dieser Jahre "als ein Versuch" zu verstehen sei, "High und Low zu verbinden - mit der Folge, dass diese beiden Komponenten heute kaum noch unterschieden werden" (16). Diese von Leslie Fiedler bereits 1971 gestellte Diagnose belegt Herding mit Beispielen der Annäherung, ja Interpenetration von Kunst und Design (etwa bei Luigi Colani, Mati Klarwein, Andy Warhol oder Victor Vasarely).

Die zweite These betont die Öffnung der Kunstgattungen, was zu einer Einebnung der ästhetischen Medien jedweder Art geführt habe und somit die Voraussetzung für die Herausbildung einer universalisierenden Bildwissenschaft war.

These drei arbeitet heraus, dass sich in der Mitte der 60er-Jahre auch der transnationale und multikulturelle Transfer und entsprechend die Hybridisierungsformen in der ästhetischen Praxis angebahnt haben.

Vorwiegend am Beispiel der psychedelischen Kunst hebt die vierte These darauf ab, dass damals der Versuch gemacht wurde, die Sinneswahrnehmung zu erweitern - "eine Voraussetzung für das Überschreiten imaginärer Räume heute" (32). Gemeint sind die so genannten Immersionsphänomene der aktuellen Media-Art mit ihrem Übergleiten von realen in imaginäre Räume.

Die fünfte These lautet schließlich: "Die Kunst der späteren 60er-Jahre kann begriffen werden als ein weltweiter Versuch, das so genannte 'herrschende System' zu demaskieren oder auf die Schippe zu nehmen. Diese Fähigkeit der Kunst wurde noch in den documenta-Ausstellungen 10 (1997) und 11 (2002) auf die Probe gestellt, sie bedarf heute neuer Impulse." (35) Herding hebt hier die mitunter spielerischen, in jedem Falle aber subversiv-rebellischen Formen der Kritik herrschender Institutionen, etwa der Staatsbürokratie, sowie die Kritik am Konsumismus hervor.

Diesen scharfsichtig auf den Punkt gebrachten Diagnosen wird man schwerlich etwas entgegensetzen können. Sie überzeugen vollständig, zumal Herding aus souveräner Kenntnis heraus seine Behauptungen mit Bildbelegen und einer Fülle von historischen Details zu fundieren weiß. Indessen muss man sich fragen, ob die Primärthese trägt. Skeptisch bin ich gegenüber der bei uns Kunsthistorikern nicht selten anzutreffenden Überfavorisierung sowohl unseres Forschungsbereichs, der Kunst, als auch unserer eigenen Profession. Die politischen Bewegungen selbst - die Herding ja auch mehrfach herausstellt (z.B. 38) - wie der Protest gegen den Vietnamkrieg, die amerikanische Intervention in Lateinamerika und natürlich gegen die als "verkrustet" beschriebenen Strukturen in den Hochschulen schienen mir (um 1968) entschieden bedeutsamer. Diese Bewegungen sind meines Erachtens nicht Folge der Kunst zwischen 1963 und 1967 gewesen, sondern hatten ihrerseits eine lange und stets virulente Vorgeschichte. Es gab bereits in den 50er-Jahren eine Anti-Atom-Bewegung und einen Protest gegen die Remilitarisierung. Anfangs noch im kleinen Rahmen, hat seit Ende der 50er-Jahre die Zeitschrift "Das Argument" Kritiker um sich versammeln können, die die Kritik an den politischen Verhältnissen in der BRD öffentlichkeitswirksam artikulierten. Es ist Herding zuzustimmen, dass es eine politische Dimensionierung in der amerikanischen Kunst gab, auch die Ironisierung und Dekuvrierung warenästhetischer Mechanismen bei Warhol ist nicht zu übersehen, aber sie ging nicht über das in anderen kulturellen und intellektuellen Diskursen Artikulierte hinaus, sondern unterschritt vielfach deren Intensitätsgrad.

Es ist gar keine Frage, dass vor allem die amerikanische Kunst der mittleren 60er-Jahre das "feeling" eines Aufbruchs und einer entneurotisierenden, befreienden Lebensform vermittelt hat. Aber das scheint mir nur ein Begleitphänomen zu sein, nicht die primäre Ursache der politischen Veränderungen. Mir ist nicht ganz klar geworden, warum Herding den Focus ausschließlich auf den Main stream der Künste gelegt hat, nicht aber - was bei seinen bekannten Forschungsinteressen doch nahe gelegen hätte - auf die antizyklischen Kunstformen des kritischen Realismus in den 60er-Jahren, der oft in engerem Kontakt zur Politik (und zwar der kapitalismuskritischen) stand.

Auf Seite 11 schreibt Herding: "[...] es fällt auf, dass die weltweite Revolte von 1968 im Grunde eine reine Überbaurevolte war; denn auf den Basisfeldern der Produktivkräfte und der Produktionsmittel hat sich eigentlich gar nichts verändert." Ich sehe das ein wenig anders. Seit Anfang der 60er-Jahre bahnte sich meines Erachtens gerade im Bereich der Produktivkräfte konzeptionell und postulativ ein entscheidender Wandel an, nämlich der Übergang vom Fordismus zum Postfordismus. Hinsichtlich der Produktionsverhältnisse wäre nun zu sagen, dass die linken Bewegungen der späten 60er-Jahre mit ihren antikapitalistischen Utopien sowie die Kommunebewegungen à la longue dafür sorgten - Ironie und "List" der Geschichte -, objektiv die Strukturen der neu zu etablierenden Produktions- und gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne des Postfordismus modellhaft vorzuleben. Dafür wurden sie anfangs, weil sie gegen alte Ordnungsvorstellungen des Bürgertums, aber auch der Arbeiterschaft verstießen, geschmäht und bis zur angedrohten Lynchjustiz brutal attackiert. Aber seit den 70er-Jahren haben sich diese neuen Formen der Kooperation, die sich betriebsoptimierend gut integrieren ließen, durchgesetzt. So denke ich, dass man, auch wenn man das partizipatorische Potenzial der Künste an den Produktivkräften nicht gering schätzen sollte, doch vom letztinstanzlichen Primat der Ökonomie ausgehen muss. Die postfordistisch erheischte Enthierarchisierung war bereits ein produktionsinternes Modell der Nivellierung von High and Low, dem dann auch die Künste ihren Tribut zollten. Schließlich musste auch die Politik (man denke an Willy Brandts "Mehr Demokratie wagen") sich an diese neuen Strukturen angleichen und sie gesetzestechnisch durchadministrieren. Die Gesellschaft hatte gegen alte Normen und Regulative des Zusammenlebens und sozialen Verkehrs nun ebenfalls nachzuziehen und sich zu flexibilisieren.

Ich beurteile die Rolle der Künste in den 60er-Jahren also etwas anders als Klaus Herding, bin mir aber sicher, dass er, der immer für das Prinzip einer solidarischen Streitkultur eintrat, den Dialog über diese Probleme erkenntniserweiternd fortsetzen wird. Dies war und ist eine Qualität und Errungenschaft von "1968".

Norbert Schneider