Rezension über:

Saskia Hüneke / Astrid Dostert / Sepp-Gustav Gröschel u.a.: Antiken I. Kurfürstliche und königliche Erwerbungen für die Schlösser und Gärten Brandenburg-Preußens vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, Berlin: Akademie Verlag 2009, VIII + 763 S., ISBN 978-3-05-004398-2, EUR 128,00
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Rezension von:
Astrid Fendt
Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Astrid Fendt: Rezension von: Saskia Hüneke / Astrid Dostert / Sepp-Gustav Gröschel u.a.: Antiken I. Kurfürstliche und königliche Erwerbungen für die Schlösser und Gärten Brandenburg-Preußens vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, Berlin: Akademie Verlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/15892.html


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Saskia Hüneke / Astrid Dostert / Sepp-Gustav Gröschel u.a.: Antiken I

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Bestandskataloge bilden das Rückgrat der Sammlungserschließung und stehen beispielhaft für Forschung am Museum. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) hat es sich seit dem Jahr 2000 zum Ziel gesetzt, ihren Kunst- und Archivalienbestand sukzessive zu veröffentlichen. Neben der Besprechung der Einzelwerke wird auch deren Sammlungsgeschichte dargelegt. Verfolgt werden der Aufbau und das Schicksal des Bestandes. Besprochen werden deshalb nicht nur die aktuell vorhandenen Werke, sondern auch alle Abgaben und Kriegsverluste.

Der nun vorliegende, unter der Leitung der Kustodin der Skulpturensammlung Saskia Hüneke entstandene Band "Antiken I", der einen Teilbestand der Skulpturensammlung erschließt, reiht sich in dieses Programm ein. Untermauert durch ein umfangreiches Archivalienstudium werden die kurfürstlichen und königlichen Erwerbungen für die Schlösser und Gärten Brandenburg-Preußens vom 17. bis zum 19. Jahrhundert zusammengetragen. Entstanden ist dabei auf weite Strecken ein 'musée imaginaire'. Denn von den 415 im Katalog besprochenen Objekten befinden sich aufgrund sammlungspolitischer Entscheidungen des 18. bis 20. Jahrhunderts und aufgrund der Folgen des 2. Weltkrieges heute nur noch 77 antike Skulpturen im Bestand der SPSG. Die restlichen 338 Objekte gehören inzwischen zum größten Teil der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB), aber auch der Skulpturensammlung und dem Ägyptischen Museum der SMB, der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, dem Muzeum Narodowe in Poznań, dem Szépmüveszéti Múzeum in Budapest und dem Louvre in Paris. Die sich heute noch im Bestand der SPSG befindlichen Stücke wurden von Detlef Kreikenbom ausführlich in archäologischer und sammlungsgeschichtlicher Hinsicht besprochen. Bei vielen stellt dies deren erste grundlegende Publikation dar.

Der von einem siebenköpfigen Autorenteam inklusive der Steinrestauratorin Kathrin Lange erstellte Katalog ist chronologisch organisiert. Einleitende und resümierende Kapitel zu den markanten Abschnitten in der Sammlungsgeschichte wechseln sich mit Kataloglemmata ab. Beide, übergreifende Essays und Katalogbeiträge, spiegeln die Herausbildung der Sammlung, die unterschiedlichen Stationen der Skulpturen innerhalb der Sammlung und ihre intendierte Wirkung wider. Alle Aufsätze versuchen die übergreifende Fragestellung nach der Kontextualisierung zu berücksichtigen, was - zumeist abhängig von den vorhandenen Quellen - unterschiedlich ausführlich gelingt. Bei den Einzelobjekten bricht die Darstellung immer dann ab, wenn das Objekt dauerhaft den Bereich der heutigen SPSG verlassen hat. Die Katalogbeiträge sind jeweils mit aktuellen Bildern der Skulpturen versehen, wenn vorhanden dann auch mit historischen Abbildungen und Fotografien sowie mit historischen Raumaufnahmen. Ein Verzeichnis aller ausgewerteten Inventare und Archivalien sowie eine Konkordanz runden den Katalog ab. Letztere ist aufgrund der im Verlauf der Jahrhunderte unterschiedlichen Titel und Nummerierungen der Kunstwerke sehr sinnvoll, aber aufgrund ihrer chronologischen Organisation aus heutiger Sicht schwerfällig zu benutzen.

Der Katalog beginnt mit einer von Sepp-Gustav Gröschel verfassten Darstellung der Anfänge der Antikensammlung unter Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg bis zu König Friedrich Wilhelm I. Sie deckt das Jahrhundert von 1640 bis 1740 ab. Im Anschluss daran folgen die Katalogeinträge zu diesen ersten Erwerbungen. Da sie sich heute nicht mehr im Bestand der SPSG befinden, sondern in Berlin und Dresden, liegt hier der Schwerpunkt auf der sich auf Archivalien und zeitgenössische Literatur stützenden Rekonstruktion der Erwerbungs- und Sammlungsgeschichte.

Einen großen Raum nehmen die Antikenerwerbungen unter Friedrich II. im 18. Jahrhundert (1742-1786) ein. Einleitend rekonstruieren Saskia Hüneke, Astrid Dostert und Detlef Kreikenbom auf der Basis der zeitgenössischen Sammlungskataloge die antiken Werke im Kontext vor allem der neu angelegten Schloss- und Gartenanlagen Friedrichs II. Dieser Zeitraum bietet sich für eine solche Studie an, da die Haupterwerbungen in der Regierungszeit dieses Herrschers stattfanden und begleitend dazu auch größere Katalogprojekte in die Wege geleitet wurden. Danach werden von Astrid Dostert die bedeutende Erwerbung der Sammlung Polignac (1742), von Saskia Hüneke der Zugewinn der Sammlung Bayreuth (1758/59) und von Ulrike Müller-Kaspar die Antikenkäufe in Rom in den Jahren 1766/68 dargelegt und mit Unterstützung von Sepp-Gustav Gröschel und Detlef Kreikenbom mit Katalogeinträgen versehen. Sepp-Gustav Gröschel widmet sich anschließend dem Ankauf unter Friedrich Wilhelm II. durch Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff 1790 in Rom und der Aufstellung dieser Antiken vor allem im Marmorpalais in Potsdam.

Das beginnende 19. Jahrhundert brachte Bewegung in den sich bis dato etablierten antiken Skulpturenbestand. 1806 wurde eine Auswahl der preußischen Antiken unter Napoleon als Beutekunst nach Paris abtransportiert und kehrte erst 1815/16 wieder zurück. 1830 wurde in Berlin das seit 1797 geforderte Königliche Museum (heute Altes Museum) eröffnet. In diesem präsentierte man den größten Teil der vorhandenen antiken Plastik. Sepp-Gustav Gröschel und Wolf-Dieter Heilmeyer beschreiben in zwei Essays diese wichtige Epoche, die zu einer grundlegenden Neuordnung der preußischen Antiken führte und zu der heutigen Auftrennung des Bestandes auf die SPSG und die SMB. Den Abschluss bilden die Ausführungen Detlef Kreikenboms zu den Antikenerwerbungen des Kronprinzen und Königs Friedrich Wilhelm IV. von 1840 bis 1861. Diese Erwerbungen sind in Reaktion auf die Bestückung des Königlichen Museums und die dadurch entstandenen Leerstellen in den Schlössern entstanden.

Es liegt in der Natur der Sache, dass bei der enormen Objektfülle dieses Kataloges nur diejenigen Skulpturen, die sich heute noch im Bestand der SPSG befinden, eine grundlegende archäologische Einordnung erfahren haben, dagegen alle anderen, als "Fremdbesitz" gekennzeichneten Stücke nur in Ansätzen. Und es liegt ebenfalls in der Natur der Sache, dass gerade für die Zeit des Umbruchs, die 1820er-Jahre, in denen die Mehrzahl der Antiken aus den Schlössern in das Königliche Museum überwiesen wurden, die Recherchen abbrechen oder im Falle der zu dieser Zeit stattfindenden großen Restaurierungskampagne und der darauffolgenden Aufstellung im Museum bisweilen ungenau werden (bspw. 181, Kat. 73, Restaurierung 1829-30 unter der Leitung von Tieck, nicht 1827 durch Rauch; 189, Nr. 80 C. Brussig war in den 1960er-Jahren tätig, nicht in den 1820er-Jahren; 424, Nr. 277 rechte Hand bereits komplett mit Salbfläschchen von Cavaceppi ergänzt, nicht von Rauch vervollständigt; 210, Nr. 99 und 213, Nr. 101 Aufstellung 1830 im langen Hauptsaal, nicht in der Rotunde; 254, Nr. 137 und 256, Nr. 138 Aufstellung 1832 im West- nicht im Ostsaal).

Insgesamt stellte der Potsdamer Bestandskatalog "Antiken I" ein Forschungsdesiderat dar. Er steht beispielhaft für eine umfassende, nicht nur objekt-, sondern auch kontextbezogene Sammlungserschließung. Der gewichtige Katalog zeichnet sich vor allem durch eine intensive Archivrecherche aus, die den Grundstein für alle weiterführenden Forschungen zum 'Altbestand' der königlich-preußischen Sammlung antiker Skulpturen bildet.

Astrid Fendt