Rezension über:

André Schiffrin: Paris, New York und zurück. Politische Lehrjahre eines Verlegers, Berlin: Matthes & Seitz 2010, 256 S., ISBN 978-3-88221-685-1, EUR 22,90
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Rezension von:
Florian Keisinger
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Florian Keisinger: Rezension von: André Schiffrin: Paris, New York und zurück. Politische Lehrjahre eines Verlegers, Berlin: Matthes & Seitz 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/18265.html


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André Schiffrin: Paris, New York und zurück

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Seine Kindheit verbrachte André Schiffrin - einer der bekanntesten unabhängigen Verleger der Welt - in den 1930er Jahren wohlbehütet in Paris. Sein Vater, Jacques Schiffrin, hatte sich dort wenige Jahre zuvor niedergelassen, wohl auch um dem zunehmenden Antisemitismus in seiner russischen Heimat zu entfliehen. Er gründete die "éditions de la Pléiade", die er zunächst eigenständig führte und die dann - auf Vermittlung von André Gide bei Gaston Gallimard - dem renommierten Gallimard Verlag eingegliedert wurde. Dennoch blieb Jacques Schiffrin auch weiterhin der Leiter von "La Pléiade" und ging davon aus - wie sein Sohn André in seinen nun auf Deutsch erschienene Memoiren schreibt -, dass dies auch bis zum Ende seines Leben so bleiben würde. Zumal die Familie alle Annehmlichkeiten eines bildungsbürgerlichen Lebens in Frankreich genoss, wie etwa gemeinsame Urlaubsreisen mit den Literaturnobelpreisträgern Roger Martin du Gard und André Gide verdeutlichen; mit letzterem war Jacques Schiffrin eng befreundet, ihr langjähriger Briefwechsel wurde vor kurzem in Frankreich veröffentlicht.

Gide, der heute nur noch wenig gelesen wird, jedoch in den 1920er und 1930er Jahren zu den einflussreichsten europäischen Schriftstellern zählte, war es dann auch, der nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris seine Beziehungen spielen ließ und so der Familie Schiffrin eine rasche Ausreise in die USA ermöglichte. In New York angekommen, tat Jacques Schiffrin weiterhin das, was er am besten konnte: er verlegte Bücher. Zunächst als unabhängiger Verleger, später zusammen mit Kurt Wolff beim renommierten Pantheon Verlag, brachte er Louis Aragons Gedichte und die Kriegsschriften seines alten Freundes Antoine de Saint-Exupéry heraus; auch Gide, der seine Bücher nicht im Vichy-Frankreich erscheinen lassen wollte, schickte seine Manuskripte nunmehr nach New York, wo Schiffrin sie für ihn verlegte.

Währenddessen tauchte sein Sohn André ins politische und intellektuelle Leben der amerikanischen Ostküste ein. Er besuchte die Seminare des New Yorker City Colleges, wo sich zahlreiche deutsche Emigranten - unter ihnen der Historiker Hans Kohn und Hannah Arendt - ihren Lebensunterhalt durch Lehrtätigkeiten finanzierten. Anschließend ging er mit einem Stipendium ausgestattet zum Geschichtsstudium nach Yale - für Juden selbst in den USA zu diesem Zeitpunkt keine Selbstverständlichkeit. Ein zweijähriger Studienaufenthalt in Europa brachte Schiffrin nicht nur mit dem sagenumwobenen "roten Cambridge" in Berührung, sondern auch mit zahlreichen der Autoren, die er später selbst verlegen sollte; zu ihnen zählten unter anderem Eric Hobsbawm, Simone de Beauvoir und Marguerite Duras, die allesamt in den USA noch weitgehend unbekannt waren, bis Schiffrin sie dem amerikanischen Publikum vorstellte.

Seine berufliche Laufbahn hatte Schiffrin - in den Fußstapfen seines Vaters - bei "Pantheon Books" begonnen, wo er rasch zum Verleger Aufstieg. Als jedoch amerikanische Verleger anfingen, mehr Wert auf Quartalszahlen als auf die Qualität der Bücher zu legen - Pantheon war mittlerweile vom Branchenriesen "Random House" übernommen worden -, gründete er mit "The New Press" kurzerhand seinen eigenen Verlag. Der Erfolg des Unternehmens gab ihm recht - auch wenn der Jahresgewinn von "The New Press" zwischen zwei und vier Prozent pendelt, während die großen Häuser die 20 Prozent-Marke anvisieren. Dafür nimmt Schiffrin sich bis heute die Freiheit, via Querfinanzierung auch die Bücher zu veröffentlichen, die ihn intellektuell reizen, auch wenn sie keinen direkten ökonomischen Profit versprechen.

Schiffrins nun auf Deutsch vorliegende Memoiren sind nicht nur das Dokument eines eindrucksvollen Verlegerlebens, sondern zugleich ein lesenswertes Stück amerikanisch-europäischer Geistes- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Florian Keisinger