Rezension über:

Jonathan Schorsch: Jews and Blacks in the Early Modern World, Cambridge: Cambridge University Press 2009, XIII + 546 S., ISBN 978-0-521-52723-1, USD 34,99
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Rezension von:
Esther Ries
Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen", Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Esther Ries: Rezension von: Jonathan Schorsch: Jews and Blacks in the Early Modern World, Cambridge: Cambridge University Press 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/18135.html


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Jonathan Schorsch: Jews and Blacks in the Early Modern World

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In seinem Werk "Jews and Blacks in the Early Modern World" untersucht Schorsch jüdische Konstruktionen von Schwarzen sowie die Verstrickung von Juden in die Sklaverei in Europa und den Kolonien. Hierfür wählt er das atlantische System als Referenzrahmen und zeigt globale Verbindungen, indem er lokale Fallstudien zueinander in Kontext setzt. Der untersuchte Zeitraum umfasst die Jahre 1450-1800. Geografisch konzentriert sich die Studie auf Europa, mit Fokus auf Portugal und den Niederlanden, sowie deren Kolonien Barbados, Jamaica, Curacao und Surinam. Schorschs Anspruch ist es, mit seinem Werk einen Beitrag zur jüdischen Geschichte als Teil der atlantischen Welt und zur schwarzen Historiographie zu leisten. Dies gelingt ihm gekonnt, indem er die Widersprüche und Ambivalenzen der frühen jüdisch-schwarzen Beziehungen aufzeigt.

Schorsch argumentiert, dass sowohl in den rassischen Konstruktionen als auch in den Erfahrungen mit der Sklaverei kaum ein Unterschied zwischen Juden und Christen bestand. Ebenso wie Christen partizipierten Juden durch den Ausschluss von Schwarzen von der jüdischen Religion an der Gestaltung einer durch Rassenzugehörigkeit bestimmten kolonialen Welt. Während in der Frühen Neuzeit Sklaven teils in die jüdische Religion und deren Regeln eingebunden wurden, erodierte die Einführung von Sklaven in die halachische Tradition unter dem Einfluss der zunehmenden Rassensensibilität in Europa.

Abweichend von Forschungsmeinungen, wie der Robert Cohens, die in der Seltenheit der jüdischen Diskurse hinsichtlich Schwarzer eine moralische Weigerung erkennen, schlecht über Schwarze zu reden, sieht Schorsch den Grund einem geringen Interesse an der Situation von Afrikanern geschuldet. Während die jüdische Forschung lange darum bemüht war, die harmonischen Beziehungen zwischen Juden und Schwarzen zu betonen, konzentriert sich Schorsch auf das Studium der Primärquellen seines Untersuchungszeitraums, um die kolonialen Erfahrungen der beiden Minderheiten näher zu beleuchten. Seine Argumentation die Diskurse betreffend stützt sich hierbei hauptsächlich auf jüdische Quellen intellektuellen, juristischen und literarischen Ursprungs, die sich durch Vielfalt an Sprachen und sehr gute Recherche auszeichnen.

In seiner Arbeit folgt Schorsch einem chronologischen Ablauf, der strukturell logisch aufgebaut und trotz vieler Fachtermini einfach verständlich ist. Schorschs Vorgehensweise zeichnet sich durch eine klare Abgrenzung von Zeiträumen aus. Für diese untersucht er zunächst die vorherrschenden jüdischen Diskurse in Bezug auf Schwarze und Sklaven, um anschließend auf die realen Beziehungen zwischen Juden und Schwarzen und deren Lebenswelten in der Diaspora einzugehen. Folgend lässt sich ein Übergang von einer relativ freien Gesellschaft mit unklaren, schwammigen Vorstellungen von Schwarzen und Rasse, hin zu vom Sklavenhandel dominierten unfreieren europäischen Gesellschaften beobachten.

Schorschs Untersuchung lässt sich grob in drei Teile gliedern. In einem ersten Teil beschäftigt er sich mit den Stereotypen von Schwarzen während des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit und einem anschließenden Abgleich mit dem Zusammenleben von Juden und Schwarzen auf dem europäischen Kontinent. Die Periode vor dem Beginn des europäischen Sklavenhandels mit Afrikanern zeigt die Möglichkeiten und die Vielfalt der Beziehungen in einem relativ freien, von Rassentypologien relativ unbeeinflussten System auf. Im zweiten Teil des Werks wird eine Verschiebung der Einstellungen unter europäischen Juden gegenüber Schwarzen deutlich. Schorsch geht in diesem Abschnitt explizit auf die religiösen Diskussionen, die die schwarze Frau Moses betreffen, sowie die Interpretationen von Noahs Fluch und Segen über seine Söhne (1. Buch Mose, Genesis 9:20-27) in den jüdischen Diskursen ein. Während des 15.-17. Jahrhunderts existierte eine Bandbreite von Einstellungen gegenüber Schwarzen. Zwar gab es noch keine kohärente Vorstellung von Rasse, jedoch lässt sich mit der Expansion des kolonialen Systems der Sklaverei die Durchsetzung einer negativ konnotierten Vorstellung von Schwarzen beobachten. Der dritte Teil des Werks beschäftigt sich mit der Etablierung des jüdischen "Weißseins". Im Kontext des kolonialen Sklavenhandels entwickelte sich in den jüdischen Gemeinden Unwohlsein über die religiöse Absorption von Sklaven. Das Konzept der Einteilung von Menschen in Klassen nach Hautfarbe bedeutete für viele Juden den Eintritt in die dominante Schicht. Der Unwillen, Sklaven zu Juden zu erziehen, korrelierte somit mit der Schwarzwerdung der Sklaven und der Weißwerdung der Juden (179). Schorsch zeigt, dass die jüdischen Diskurse über Schwarze sich nicht von allgemeinen christlich-europäischen Vorstellungen unterschieden. Ende des 17. Jahrhunderts hatte sich die Annahme essentieller Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen durchgesetzt. In den Kolonien wurde "weiße" Haut zum Kennzeichen und identitätsstiftendem Faktor einer gemischten kosmopolitischen Elite (213). Empirisch beobachtet Schorsch das Zusammenleben von Schwarzen und Weißen auf engstem Raum. Hierbei stellt er fest, dass es keine Unterschiede zwischen der Behandlung von Sklaven durch Juden und Christen gab. Im Alltag existierte zwar ein religiöses Regelwerk und Sklaven von Juden konnten in seltenen Fällen in deren Religionsgemeinschaft aufgenommen werden, jedoch hatten sie täglich Teilhabe an religiösen Ritualen und dem traditionellen Leben der Familien, in welchen sie arbeiteten.

Bei allen positiven Aspekten bietet die Analyse nur einen geringen Einblick, inwiefern die jüdischen Gemeinden selbst afrikanische Werte und Kultur absorbierten. Der Fokus auf Quellen aus jüdischer Herkunft verschleiert den Blick auf die Erfahrungen und Berichte von Schwarzen und Sklaven im Hinblick auf deren jüdische Besitzer. Da es sich auch zwischen Sklavenhalter und Sklaven trotz der eindeutigen Machtverhältnisse immer auch um Austauschbeziehungen handelte, wäre es interessant gewesen zu erfahren, welche Parallelen zwischen der jüdischen und christlichen Erfahrung mit der Sklaverei hinsichtlich der Annahme und Verarbeitung afrikanischer Werte in die eigene Kultur existierten.

Jedoch handelt es sich bei Schorsch Werk um eine umfassende, exzellent recherchierte Studie, die im Kontext der atlantischen Welt neue Aspekte der globalen Verflechtungen aufdeckt und in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen beleuchtet. Die europäischen jüdischen Gemeinden wurden von Christen durch Verfolgung und Restriktionen immer wieder marginalisiert. Im Umkehrschluss marginalisierten Juden Schwarze als Sklaven. Neben ökonomischen Vorteilen war das Ziel hierbei auch, den Abstand zwischen Christen und Juden zu verringern und sich als "Weiße" in der Gesellschaft die Option des sozialen Aufstiegs zu verschaffen. Schorsch betont immer wieder, dass es während seines besprochenen Untersuchungszeitraums keine absoluten Einstellungen gegenüber Afrikanern gab, sondern die Bilder von Schwarzen so facettenreich waren wie die Mitglieder jüdischer Gemeinden in der Diaspora. Trotzdem konstatiert er: "Jewish anti-Blackness was very real in the Atlantic world. Jews discovered an antidote to their own exclusion and a tincture to ensure their own whiteness." (303).

Esther Ries