Rezension über:

Aram Mattioli: "Viva Mussolini!". Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2010, 201 S., ISBN 978-3-506-76912-1, EUR 19,90
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Rezension von:
Gregor Hoppe
Rom
Empfohlene Zitierweise:
Gregor Hoppe: Rezension von: Aram Mattioli: "Viva Mussolini!". Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/17988.html


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Aram Mattioli: "Viva Mussolini!"

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Es fällt schwer, aus dem Wirrwarr italienischer Parteienpolitik in der Zweiten Republik grundlegende gesellschaftliche Strömungen herauszulesen. Seit gut 15 Jahren ist Silvio Berlusconi die prägende Figur im Land. Der parlamentarisch-politische Betrieb scheint seitdem von kühler Machtpragmatik geleitet zu sein - mindestens in gleichem Maße, wie es unter der alten Partitocrazia der Ersten Republik der Fall gewesen war. Die Berlusconi-Partei Forza Italia (seit der "feindlichen Übernahme" der Alleanza Nazionale heißt sie Popolo della Libertà, also Volk der Freiheit) etwa zeichnet sich seit ihrer Gründung durch eine programmatische Blässe aus, die unter den Parteien Westeuropas ihresgleichen sucht. Ein Beispiel: Als größte Kraft des Regierungsbündnisses kooperiert die Berlusconi-Partei unter dem Dach ihrer Koalition mit so diametral entgegengesetzten Kräften wie den "Nationalen" und der Lega Nord. Es arbeiten also für Berlusconis Machterhalt sowohl Verfechter eines starken Zentralstaats als auch Vertreter föderalistischer Reformen, wobei die Lega Nord mit diesem Schlagwort nur notdürftig separatistische Tendenzen tarnt. Berlusconis eigene Partei verfügt über keinerlei feste ideelle Verortung. Diese Schwäche bildet den Hintergrund für einen Erinnerungsdiskurs, in dem ideologisch motivierte "Überzeugungstäter" oder bekenntnishafte "Ewiggestrige" leicht die Oberhand gewinnen.

Aram Mattiolis Buch zeigt auf, welches Klima seit Berlusconi die italienische Geschichtspolitik und die kollektive Erinnerungsarbeit im Alltag prägt. Touristen mit wachen Augen stolpern in Italien oft über eine schockierende, ganz offen zur Schau getragene Bedenkenlosigkeit im Umgang mit der faschistischen Vergangenheit. Da gibt es T-Shirts, Weine, Liköre und auch Baseballschläger mit Mussolini-Schriftzug oder Porträts des Duce ganz offen im Laden zu kaufen. Und obwohl Verharmlosung wie Verherrlichung der faschistischen Diktatur einen Straftatbestand darstellen, wird deswegen praktisch niemand zur Verantwortung gezogen. Fußballer, die den Fans auf der Tribüne mit dem gereckten rechten Arm den saluto romano entbieten, ein römischer Bürgermeister, der das Keltenkreuz trägt, Renommierbauten des Faschismus als Kulisse für Berlusconis Wahlwerbespots - Alltag in Italien, der niemanden stört und niemanden aufregt.

Der Historiker von der Universität Luzern zeichnet die Entstehung solcher Erscheinungen genau und sorgfältig nach. Dabei sind folgende Punkte zum Verständnis wichtig: Als Mussolinis Regime 1943 zusammenbrach, deutsche Truppen das Land besetzten und mit ihren Bajonetten das letzte faschistische Aufgebot der Republik von Salò stützten, stürzte Italien in einen Bürgerkrieg. Was damals geschah und was die tief verfeindeten Lager einander antaten, wurde nach 1945 kaum aufgearbeitet. Die mangelnde Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ist Ergebnis verschiedener Schritte, die Mattioli ohne Parteilichkeit benennt: Etwa die rasche Amnestie für die Protagonisten beider Bürgerkriegsparteien unter Justizminister Palmiro Togliatti gleich nach Kriegsende; der Mythos der Resistenza, der ganz Italien bescheinigte, die Diktatur aus eigener Kraft beseitigt zu haben; die vom befreundeten Ausland betriebene Westintegration Italiens, die Eintrübungen des kollektiven Gedächtnisses förderte.

Mattioli weist nach, dass sich schon unter Premier Bettino Craxi - Berlusconis politischem Förderer - der Blick auf die Geschehnisse am Ende der Diktatur allmählich zu verändern begann. Endgültig salonfähig, sprich ministrabel, wurden bekennende Faschisten aber erst unter Berlusconi. So bekleidete Mirko Tremaglia, der in Salò mit der Waffe für das Regime gekämpft hatte, in Berlusconis zweitem Kabinett das Amt des Ministers für die Auslandsitaliener. Dass Tremaglia der eigenen politischen Vergangenheit nicht etwa abschwor, sondern sich ihrer im Brustton der Überzeugung rühmte, versteht sich fast von selbst. Wer sich der EU-Sanktionen gegen Österreich erinnert, begründet mit der Regierungsbeteiligung der Haider-Partei in Wien, reibt sich verwundert die Augen.

Die Absicht solcher Tendenzen ist klar: Die problematische Vergangenheit Italiens soll endgültig ad acta gelegt werden können. Und das ermöglicht Silvio Berlusconi, dem Mattioli übrigens nie den Vorwurf macht, selbst faschistisches Gedankengut zu hegen, durch seine bedenkenlose Amtsführung. Der Premier ist, mit anderen Worten, verantwortlich für die schändliche Nachlässigkeit gegenüber klar revisionistischen Bestrebungen. Mattioli geht in seiner Analyse gründlich auf dunkle Punkte der italienischen Vergangenheit ein: Die Kriegsverbrechen in Abessinien und auf dem Balkan, die Rassengesetze von 1938, die italienischen Opfer in den Foibe im istrischen Karstgebirge als Konsequenz von Besatzung, Partisanenkrieg und ethnischer Säuberung. Berlusconis Geschichtspolitik macht aus allen Italienern Helden. Solange sie aus Liebe zum Vaterland gekämpft haben, so sein Credo, sind sie ehrenden Gedenkens würdig. Verfehlter kann Erinnerungsarbeit nicht sein.

Aram Mattioli legt - auf bemerkenswert konzis gehaltenen 153 Seiten - überzeugend dar, welch gefährliche Klitterung Italiens Erinnerungskultur derzeit bestimmt. Zugegeben, Italiens Geschichtsschreibung war nach dem Zweiten Weltkrieg stets parteipolitisch eingefärbt gewesen. Neu ist aber, dass der alltägliche gesellschaftlich-politische Betrieb systematisch daran arbeitet, faschistische Aktivisten und Mitläufer moralisch mit antifaschistischen Widerstandskämpfern gleichzusetzen. Das ist ein politischer Skandal - ein Skandal von vielen in Italiens Zweiter Republik, aber gewiss nicht der unerheblichste. Denn es kann, wie Mattioli festhält, 65 Jahre nach dem Sturz der faschistischen Diktatur nicht "gleichgültig sein [...] für welche Seite die Menschen damals Partei ergriffen und für welche Werte sie ihr Leben riskiert haben." (153)

Gregor Hoppe