Rezension über:

Thomas Janssens: Die Geschichte der Königlich Bayerischen Gewehrfabrik in Amberg (1871-1918). Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bayerns (= Militärhistorische Untersuchungen; Bd. 4), Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2009, 329 S., ISBN 978-3-631-37719-2, EUR 50,10
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Rezension von:
Ingrid Mayershofer
Technische Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Ingrid Mayershofer: Rezension von: Thomas Janssens: Die Geschichte der Königlich Bayerischen Gewehrfabrik in Amberg (1871-1918). Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bayerns, Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/17789.html


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Thomas Janssens: Die Geschichte der Königlich Bayerischen Gewehrfabrik in Amberg (1871-1918)

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Der Klappentext der von Thomas Janssens 1998 an der Universität der Bundeswehr in München eingereichten Dissertation klingt vielversprechend: "Die Anfänge einer Diskussion über die Einflüsse des Militärs auf die Gesellschaft" reichten zwar bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. Trotzdem sei die "nicht immer klar erkennbare Ausstrahlung des Militärs" auf die Gesellschaft wie im Fall der Amberger Gewehrfabrik unzureichend erforscht. Dies beruhe vor allem darauf, dass eine "objektive und umfassende Betrachtung der Thematik" durch das Schlagwort des 'Militarismus' erschwert werde.

Die Erwartung, der Autor werde anhand der von Offizieren geführten und dem bayerischen Kriegsministerium unterstellten Gewehrfabrik zeigen, ob und wie das "Militär als Unternehmer und Arbeitgeber" in die Region ausstrahlte und wie dies im Kontext der Debatten um den 'Militarismus' zu bewerten ist, wird enttäuscht. In der Einleitung kommt Janssens nicht über das im Klappentext Gesagte hinaus. Eine methodische Reflexion über den Militarismusbegriff und dessen Tauglichkeit für die Analyse unterbleibt. Die grundlegende Literatur zum Thema wurde offenbar nicht zur Kenntnis genommen. [1]

Von dem Vorhaben, die Ausstrahlung der Gewehrfabrik in die Gesellschaft hinein zu untersuchen, distanziert sich Janssens bereits in der Einleitung: Die "eigentliche Zielsetzung dieser Arbeit" sei vielmehr, eine "umfassende Beschreibung und Erklärung der Historie der Königlich bayerischen Gewehrfabrik in Amberg" vorzulegen (12). Als Desiderate macht er die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Unternehmens aus.

Insbesondere der Aufgabe des Beschreibens und Referierens widmet sich der Autor intensiv. In dem Großkapitel zum Kaiserreich werden nacheinander folgende Themen abgehandelt: 1. Waffentechnik und Rüstungsindustrie, 2. Die Rüstungsindustrie im Kaiserreich, 3. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Fabrik, 4. Das Personal, 5. Arbeiter, Angestellte und ihre sozialen Verhältnisse, 6. Der Erste Weltkrieg, 7. Die Entwicklung der Löhne für Jugendliche. Der Hauptteil schließt mit einem Ausblick in die Nachkriegszeit.

Die Entwicklung der Fabrik durchlief laut Janssens drei Phasen: In der ersten (1801 bis ca. 1870) war sie das einzige staatliche Rüstungsunternehmen in Bayern, ein Musterbetrieb, der für die Ausstattung der bayerischen Armee mit Handfeuerwaffen zuständig war. In diese Phase fällt der Übergang von der Manufaktur zum Industrieunternehmen.

Die zweite Phase (ca. 1870 bis 1914) sei von wachsenden Interessenkonflikten zwischen dem Staat als Arbeitgeber und den zivilen Beschäftigten der Fabrik dominiert gewesen. Dass die Konflikte nicht in eine Streikbereitschaft der Arbeiter mündeten, führt Janssens auf dreierlei zurück: Zum einen habe der Staat in patriarchalischer Manier dafür gesorgt, dass die Arbeiter durch Zuckerbrot (geregelte Arbeitszeiten, gute Entlohnung, Versorgungskassen) und Peitsche (Einforderung von unbedingtem Gehorsam) gefügig gemacht wurden. Zum anderen hätten die Arbeiter - insbesondere das hoch spezialisierte Stammpersonal - kein Klassenbewußtsein entwickelt, sondern sich einer "Arbeiteraristokratie" (84) zugehörig gefühlt. Auch seien sie - dem Zeittrend entsprechend - allem Militärischen gegenüber eher zugeneigt gewesen. Dies habe die Streikbereitschaft ebenfalls gedämpft. Ob und inwiefern es sich hierbei um Besonderheiten handelte, die typisch für einen militärisch geführten Staatsbetrieb waren, oder ob derartige Entwicklungen auch in der Privatindustrie zu beobachten waren, wird nicht eingehender differenziert und erläutert.

In der dritten Phase (1914-1918) sei der Amberger Staatsbetrieb in der zunehmenden Konkurrenz um qualifizierte Arbeitskräfte zwar zusehends gegenüber der Privatindustrie ins Hintertreffen geraten. Dennoch überzeuge dessen Leistungsbilanz im 1. Weltkrieg. Janssens deutet die Geschichte der Gewehrfabrik insgesamt positiv: Der Staat sei ein vorbildlicher Arbeitgeber gewesen. In der betrieblichen Sozialpolitik habe er Zeichen gesetzt. Für die Region habe die Fabrik als Arbeits- und Ausbildungsstätte zahlreicher Metallfacharbeiter und späterer Unternehmensgründer eine große wirtschaftliche Bedeutung gehabt.

Das Grundproblem der Studie ist offensichtlich: Sie hat zwar mit der Gewehrfabrik einen Untersuchungsgegenstand. Die leitende Fragestellung - die Frage nach der Ausstrahlung der Fabrik in die Gesellschaft hinein hätte eine solche Fragestellung sein können, die Frage nach den Arbeitsverhältnissen unter den spezifischen Bedingungen eines militärisch geführten Staatsbetriebs ebenfalls - bleibt indes im Vagen. Auch das Untersuchungsziel ist nicht eindeutig zu greifen. In der Einleitung ist noch davon die Rede, dass eine "Beschreibung und Erklärung der Historie" (12) der Fabrik Ziel der Arbeit sei. In der Zusammenfassung liest man plötzlich, dass das Ziel darin bestand, "die Entwicklung der Amberger Gewehrfabrik von der Manufaktur zum industriellen Großbetrieb in ihren charakteristischen Einzelheiten zu untersuchen" (287).

Militarismus-, Arbeiter-, Unternehmens- und/oder Industrialisierungsgeschichte? Wo genau liegt der Fokus der Arbeit? Die Antwort auf diese wesentliche Frage bleibt der Autor schuldig. Konsequenz dieser konzeptionellen Mängel ist: 1. Die Methode bleibt im Dunkeln, denn wo kein Ziel, da auch kein Weg. 2. Einen Überblick über die Forschungsliteratur und eine Einordnung in den Forschungskontext sucht man vergebens, denn wo keine Frage, da auch keine Beschäftigung mit den bereits in der Diskussion befindlichen Antworten. Was bleibt, ist das ernüchternde Fazit, dass sich Janssens Arbeit überwiegend in einer Auflistung von Fakten erschöpft, die irgendwie etwas mit dem Untersuchungsgegenstand und den angerissenen Problemkomplexen zu tun haben. Man ist nach der Lektüre über die Höhe des höchsten Amberger Kirchturms (91,5 m) informiert (14) und kennt die Anzahl der im Badehaus der Fabrik installierten Latrinensitze (nämlich 37) (123). Über all dem aber schwebt die Frage: Wozu?

Die Quellenarbeit - zurückgegriffen wurde in erster Linie auf die Bestände des bayerischen Hauptstaatsarchivs, Abteilung Kriegsarchiv - ist angesichts der beschriebenen Grundproblematik zwar als fleißig, aber nicht sehr zielführend zu bezeichnen. Beeinträchtigt wird die Lektüre durch Schreibfehler, die durch eine sorgfältigere Schlussredaktion leicht hätten vermieden werden können. Die Zitierweise ist bisweilen unbeholfen bis fehlerhaft: Unter dem Buchstaben "I" (wie "Internet") findet sich im Literaturverzeichnis ein Weblink ohne Zugriffsdatum (323). Ein Abkürzungsverzeichnis fehlt. Empfehlenswert ist die Lektüre nur für diejenigen, die an wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Fakten zur Amberger Gewehrfabrik interessiert sind.


Anmerkung:

[1] Insbesondere Werner Conze / Michael Geyer / Reinhard Stumpf: Art. "Militarismus", in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hgg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politischen Sprache in Deutschland, Bd. 4, Stuttgart 1978, 1-47; Volker Berghahn: Militarismus. Die Geschichte einer internationalen Debatte, Hamburg u. a. 1986.

Ingrid Mayershofer