Rezension über:

Jan Eike Dunkhase: Werner Conze. Ein deutscher Historiker im 20. Jahrhundert (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 194), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010, 378 S., ISBN 978-3-525-37012-4, EUR 39,90
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Rezension von:
Marcus M. Payk
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Marcus M. Payk: Rezension von: Jan Eike Dunkhase: Werner Conze. Ein deutscher Historiker im 20. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/17703.html


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Jan Eike Dunkhase: Werner Conze

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Die deutsche Historiografiegeschichte des 20. Jahrhunderts hat im letzten Jahrzehnt einen beträchtlichen Aufmerksamkeitszuwachs erlebt, der sich in erster Linie der Diskussion um die Rolle einzelner Historiker im Nationalsozialismus verdankt. Entsprechend stellen nicht wenige jüngere Studien die forschenden Akteure in den Mittelpunkt und widmen sich dem Leben und Werk mehr oder minder bekannter Historiker (seltener Historikerinnen), die nach unterschiedlichen Generationen, Schulen und Richtungen gruppiert werden.

Diesem Forschungsfeld ist auch die vorliegende Studie von Jan Eike Dunkhase zuzurechnen, die aus einer von Jürgen Kocka an der Freien Universität Berlin betreuten Dissertation hervorgegangen ist. Dunkhase will den Lebensweg des prominenten Sozialhistorikers Werner Conze (1910-1986) umfassend erschließen und beansprucht damit, über die bislang einschlägige, vor allem auf die akademisch-intellektuellen Netzwerke gerichtete Studie von Thomas Etzemüller hinauszugehen (11f.). [1] Auch wenn dieser Abgrenzungsanspruch bei näherer Betrachtung etwas überspitzt und forciert wirkt, vermag Dunkhase doch eine Reihe weiterer Quellen beizubringen und neue Akzente zu setzen.

Das Buch präsentiert zunächst in vier Kapiteln die Biografie Conzes, woran sich in fünf weiteren Kapiteln eine Auseinandersetzung mit einzelnen Aspekten des historiografischen Werks anschließt. Beide Bereiche überschneiden sich und sind doch nur mittelbar aufeinander bezogen, was die methodische Absicht Dunkhases widerspiegelt, keine chronologisch erzählende Lebensgeschichte zu schreiben, sondern Conzes Werdegang aus verschiedenen Perspektiven in den Blick zu nehmen und als "hexagonales Panorama" (10) zu entwerfen. Diese Vorgehensweise ist prinzipiell anregend und weiterführend, wird aber nur für den zweiten Teil wirklich umgesetzt (und führt dort zu einigen Redundanzen). Die erste Buchhälfte bleibt herkömmlichen biografischen Erzählformen treu und führt den Leser entsprechend von der Wiege (13) bis an die Bahre (114) des Helden.

In seiner biografischen Annäherung rekonstruiert Dunkhase zunächst die soziokulturelle Herkunft der Familie, die im norddeutsch-protestantischen Bildungsbürgertum verwurzelt war. Kriegserlebnis, bündische Jugendbewegung und ein gegen Versailles gerichteter Nationalismus stellten prägende Wegmarken Conzes dar, der sich erst für ein rechtswissenschaftliches Studium entschied, dann aber in die Geschichtswissenschaft überwechselte. Entscheidend für seinen weiteren Bildungsgang wurde die Begegnung mit dem Leipziger Soziologen Hans Freyer, sodann der Wechsel an die Königsberger Universität, wo er in Hans Rothfels, Theodor Oberländer und Gunther Ipsen wichtige Mentoren fand.

Durch dieses akademische Milieu, vor allem aber durch seine eigenen Forschungen zur deutschen Siedlungsgeschichte im Baltikum kam Conze rasch in intensiven Kontakt mit einer völkisch geprägten Ost- und Volkstumsforschung, deren Grenzen zum Nationalsozialismus weder vor noch nach 1933 eindeutig zu erkennen waren. Dunkhase zeichnet die Nähe, aber auch die Distanz von Conze zur NS-Bewegung mit skrupulöser Genauigkeit nach; zieht man hier ein generalisierendes Fazit, so standen hinter dem 1933 erfolgten Beitritt zur SA wie auch hinter der Verwendung antisemitischer Sprachformeln nur wenig innere Überzeugung, sehr viel mehr aber nationalkonservative Selbsttäuschung und karriereopportunistische Erwägungen. Zugleich verweist Dunkhase mit aller Deutlichkeit darauf, dass auch und gerade ein solcher Opportunismus systemstabilisierend gewirkt und also dazu beigetragen habe, das "Undenkbare denkbarer" (54) zu machen.

Im Weltkrieg wurde Conze an der Ostfront eingesetzt, 1944 schwer verwundet und stand bei Kriegsende - trotz 1943 formal erfolgter Erstberufung an die Universität Posen - in nahezu jeder Hinsicht vor dem beruflichen Nichts. Erst über mühselige Zwischenstationen in Göttingen und Münster gelangte Conze doch noch auf ein Ordinariat und zwar zum Ende der 1950er Jahre an der Universität Heidelberg, wo er indes rasch zum Mittelpunkt eines methodisch interessierten Studentenkreises avancierte und zahlreiche ambitionierte Nachwuchswissenschaftler anzog, darunter Wolfgang Schieder oder Hans Mommsen.

Auch wenn Conze allein in Heidelberg über fünfzig Dissertationen und elf Habilitationen (83) betreute, beschränkte sich sein Einfluss nicht allein auf die Nachwuchsförderung oder auf eine ausgedehnte Tätigkeit als alerter Reiseprofessor und Wissenschaftsmanager in vielerlei Gremien. Mit seinem konsequenten Interesse an einer Sozial-, Struktur- und Begriffsgeschichte des Industriezeitalters gehörte er zu den großen Initiatoren eines grundlegenden theoretisch-methodischen Umbruchs in der Geschichtswissenschaft, wenngleich, wie Dunkhase in der zweiten Buchhälfte ein ums andere Mal zeigen kann, in seinen historiografischen Zugriffen und Interpretamenten stets auch eigene biografische Erfahrungen eingewoben waren. Zugleich waren nicht wenige von Conzes Positionen aus heutiger Sicht eigentümlich rückwärtsgewandt: Die Nation blieb die historische Grundkategorie seines Denkens, er machte sich bevorzugt zum Fürsprecher deutscher Opfernarrative und Kontinuitätsideale und reklamierte in zeithistorischen Fragen nicht selten auch den Erkenntnisvorsprung des eigenen Erlebens. Und schließlich wich Conze zeitlebens einer Auseinandersetzung mit dem Holocaust aus, was für Dunkhase nicht weniger als die dominante "Leerstelle" (235) des ganzen historiografischen Werkes darstellt.

Es sind vor allem diese historiografisch-intellektuellen Rahmungen von Conzes Schriften, bei denen man sich eine stärkere Einbettung in den allgemeinen Kontext der westdeutschen Nachkriegsgeschichte gewünscht hätte. Vieles außerhalb des engeren Tätigkeitskreises des Protagonisten bleibt blass, sodass Dunkhase seinem dekonstruktivistischen Ansatz, die Biografie in eine "mehrdimensionale Fotocollage" (10) zu zerlegen, nicht immer gerecht wird. Schlussendlich wird dieser Anspruch aber auch in anderer Hinsicht relativiert, indem der Autor, wie die meisten Biografen, nicht der Versuchung widerstehen kann, in seinem Fazit das Leben des Titelhelden doch noch auf ein sinnfälliges Leitmotiv zu bringen: Conze wird hier zum "konservativen Erneuerer" (257), dem es vor allem um "Kontinuitätssicherung" (259) in den Brüchen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts gegangen sei, was, so Dunkhase, biografisch verständlich, historiografisch wie moralisch aber nicht ohne Probleme sei.

Man mag dieser bündigen Wertung folgen oder auch nicht. In jedem Fall muss anerkannt werden, dass Dunkhase eine gut lesbare und empirisch solide Biografie zu einer Zentralgestalt der jüngeren deutschen Geschichtswissenschaft geschrieben hat. Ohne den bisherigen Kenntnisstand zu Werner Conze grundsätzlich zu revidieren, werden die wesentlichen lebens- und werkgeschichtlichen Stränge bündig zusammengefasst, durch neue Quellenfunde nuanciert und kenntnisreich mit der bisherigen Forschungsliteratur verknüpft. Das Buch ist zur Lektüre empfohlen.


Anmerkung:

[1] Thomas Etzemüller: Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001.

Marcus M. Payk