Rezension über:

Sabine von Heusinger: Die Zunft im Mittelalter. Zur Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Straßburg (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; Beiheft 206), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009, 662 S., ISBN 978-3-515-09392-7, EUR 79,00
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Rezension von:
Georg Modestin
Solothurn
Redaktionelle Betreuung:
Claudia Zey
Empfohlene Zitierweise:
Georg Modestin: Rezension von: Sabine von Heusinger: Die Zunft im Mittelalter. Zur Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Straßburg, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/17386.html


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Sabine von Heusinger: Die Zunft im Mittelalter

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Sabine von Heusingers Studie, die auf einer 2006 in Mannheim angenommenen Habilitationsschrift beruht, ist eine überaus stattliche Arbeit. Um zu begreifen, was die Autorin darin investiert hat, genügt es, die im Anhang enthaltene Personendatei durchzublättern, die nicht weniger als 4055 Einzeleinträge zu Straßburger Zunftgenossen aus der Zeit von der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert enthält. Dieselbe Personendatei ist in Form eines pdf-Dokuments auch auf der dem Band beigelegten CD-ROM greif- und über die Wortsuchfunktion des Rechners durchsuchbar. Wer sich also in Zukunft mit der Straßburger Stadtgeschichte im genannten Zeitraum personenbezogen beschäftigen will, wird dieses Repertorium konsultieren müssen. Allerdings sei - bei aller Freude an dem zur Verfügung gestellten Arbeitsinstrument - ein kleiner Einwand erlaubt: Die Verfasserin nennt die Zahl von insgesamt über 6100 erfassten Individuen, von denen aber "nur" die Daten der Personen mit Zunftbezug veröffentlicht worden sind. Schade, dass nicht auch die übrigen Angaben, zumindest auf der CD-ROM, zugänglich gemacht wurden.

Vor dem Hintergrund dieser beeindruckenden Materialsammlung analysiert Sabine von Heusinger das straßburgische Zunftwesen, wobei sich die Wahl des Untersuchungsortes mit der "idealtypischen Zunftverfassung" (335) Straßburgs rechtfertigt. Insbesondere ist es von Heusinger ein Anliegen, die Straßburger Zünfte als mobile soziale Gruppen zu begreifen - ein Ansatz, wie ihn bereits Martin Alioth in seiner 1988 erschienenen Basler Dissertation [1] gewählt hat. Freilich ist Alioths Buch eine recht schwere Kost und dient eher als materialreicher "Steinbruch" denn als Lesebuch - spätestens seit der Straßburger Archivar Bernhard Metz ein im Stadtarchiv aufliegendes Register dazu erstellt hat. Sabine von Heusingers Untersuchung besticht hingegen durch ihren beispielhaft klaren Aufbau und ihre Lesefreundlichkeit, ja bisweilen geht die Autorin mit ihrer "Leserführung" sogar zu weit, da sie die Leitmotive ihrer Arbeit etwas gar häufig wiederholt. Diese beinhalten nebst der Frage nach der sozialen Mobilität innerhalb der Zünfte ganz besonders auch diejenige nach der Natur der Zünfte schlechthin. Um dieser Frage näher zu kommen, wird der Zunftbegriff in mehrere Komponenten aufgespalten, nämlich eine gewerbliche, eine bruderschaftliche, eine politische und eine militärische. Diese Aufteilung dient nicht nur heuristischen Zwecken, sondern hatte durchaus reale Hintergründe. Nur so lässt es sich nämlich erklären, dass sich auf den ersten Blick wenigstens zum Teil unvereinbar scheinende "Zünfte" bzw. Gewerbe wie die Käser, Obser (Obst- und Lebensmittelhändler), Seiler, Gremper (Altstoffhändler) und Altgewänder zu politischen "Sammelzünften" zusammenschlossen bzw. dazu zusammengeschlossen wurden und sich einen Ratsherrensitz teilten.

Die angesprochenen Fragen durchziehen den ganzen Band, auf dessen Einleitung zwei eher darstellende denn analytische Kapitel zum Aufbau und zu den Funktionen der Zünfte folgen. Das nächste Kapitel zeichnet die von den Zünften maßgeblich mitgeprägte Straßburger Verfassungsgeschichte nach, insbesondere die innerstädtischen Auseinandersetzungen und die daraus resultierenden Verfassungsänderungen, die hier nicht rekapituliert werden sollen. Diese schrittweise Entwicklung fand 1482 mit der letzten Anpassung ihren Abschluss, der bis zur Französischen Revolution Bestand haben sollte.

Im fünften Kapitel zur sozialen Mobilität im zünftischen Straßburg schöpft die Autorin aus den Erkenntnissen, die sich aus der Auswertung der gesammelten Personendaten ergeben. So stellt sich heraus, dass auch Frauen erwerbstätig waren, sei es, dass sie ihren Ehemännern zur Hand gingen, sei es aber auch, dass sie selbständig wirkten. Als Mitglieder von Zünften waren sie vom Kriegs- und Wachdienst freigestellt, mussten aber Rüstungsteile und - männliche - Stellvertreter stellen. Entgegen der allgemeinen Annahme vererbte sich das Handwerk nicht "zwangsläufig" vom Vater auf den Sohn. In den 101 hinlänglich bekannten Beispielen liegt in einem Drittel der Fälle ein Wechsel des Gewerbes vor. Dieser erfolgte entweder in einen verwandten Beruf oder in ein ganz und gar fremdes Handwerk. Was die Töchter betrifft, so sind 135 Eheverbindungen ausreichend dokumentiert. Über die Hälfte der Töchter heiratete in eine andere Zunft ein, wobei ein sozialer Aufstieg ebenso zu beobachten ist - beispielweise von den Seilern zu den Wirten - wie ein sozialer Abstieg, so von den Wirten zu den Schneidern. Entsprechend lassen sich zunftüberschreitende Netzwerke konstruieren, in denen die Exponenten der unterschiedlichsten Handwerke miteinander verbunden waren. Zur horizontalen Mobilität zwischen den Zünften trugen auch zunftfremde Erwerbsarbeit bzw. Erscheinungen wie Zunftwechsel oder Doppelzünftigkeit bei, die teilweise sicher marginal waren, aber doch vereinzelt beobachtet werden können. Dasselbe gilt für die vertikale Mobilität von den Zünften zu den von der personellen Auszehrung bedrohten Constoflern, die an begüterten Führungsfamilien der Zünfte interessiert waren.

In ihrer Arbeit belegt Sabine von Heusinger auf empirische Weise, dass die straßburgischen Zünfte zwar ein Ordnungsprinzip verkörperten, dieses Prinzip aber durchaus elastisch war und gewisse individuelle Freiräume enthielt. Die abschließende Konfrontation mit der Situation in Zürich, Nürnberg und Frankfurt zeigt erwartungsgemäß Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede auf, wobei Straßburg und Zürich die meisten Berührungspunkte teilten. Dies wiederum wirft die Frage nach der Existenz von noch herauszuarbeitenden Zunftlandschaften auf. Gerade für die für Straßburg vorgenommene prosopografische Analyse der Zunftgenossen fehlen aber Vergleichsmöglichkeiten in den genannten Städten, so dass sich der komparative Ansatz auf verfassungsrechtliche Aspekte beschränken muss. In diesem Sinn legt die Verfasserin eine Pilotstudie vor, die unser Wissen über das Zunftwesen entscheidend differenziert und gleichzeitig Forschungsanreize bietet.


Anmerkung:

[1] Martin Alioth: Gruppen an der Macht. Zünfte und Patriziat in Strassburg im 14. und 15. Jahrhundert. Untersuchungen zu Verfassung, Wirtschaftsgefüge und Sozialstruktur. 2 Bde., Basel 1988.

Georg Modestin