Rezension über:

Dorothee Elm / Thorsten Fitzon / Kathrin Liess u.a. (Hgg.): Alterstopoi. Das Wissen von den Lebensaltern in Literatur, Kunst und Theologie, Berlin: de Gruyter 2009, VI + 346 S., ISBN 978-3-11-020845-0, EUR 89,95
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Rezension von:
Hartwin Brandt
Lehrstuhl für Alte Geschichte, Otto-Friedrich-Universität, Bamberg
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Hartwin Brandt: Rezension von: Dorothee Elm / Thorsten Fitzon / Kathrin Liess u.a. (Hgg.): Alterstopoi. Das Wissen von den Lebensaltern in Literatur, Kunst und Theologie, Berlin: de Gruyter 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/17325.html


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Dorothee Elm / Thorsten Fitzon / Kathrin Liess u.a. (Hgg.): Alterstopoi

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Der vorliegende Band, hervorgegangen aus einer Tagung im Rahmen des Nachwuchskollegs der Heidelberger Akademie der Wissenschaften zum Thema der "Religiösen und poetischen Konstruktion der Lebensalter", bietet eine anspruchsvolle und diachron strukturierte Behandlung von Alterstopoi in verschiedenen literarischen Gattungen vom Altertum bis in die späte Neuzeit.

In ihrer elaborierten Einleitung (1-18) skizziert die Editorengruppe ihr primäres Anliegen: Die Kategorie Lebensalter solle nicht, wie dies meist der Fall sei, als Stereotyp oder Klischee behandelt, sondern mit Blick auf ihre "semantische Variabilität und ästhetische Potentialität" (2) erforscht werden. Ein besonderes Augenmerk müsse dabei den "Alterstopoi als Beschreibungsmuster verschiedener Lebensphasen" (2) gelten, denn mit dem Gebrauch von Topoi seien stets (nach Möglichkeit zu identifizierende) Überzeugungs- und Wirkungsabsichten verbunden. Damit wird dem Leser des Buches ein Maßstab gegeben, an dem die einzelnen Beiträge zu messen sind.

Am Beginn steht die souveräne Behandlung der Alterstopik in alttestamentlicher und apokrypher Weisheitsliteratur durch Kathrin Liess (19-48). Sie zeigt anhand einer Fülle von Textbeispielen, dass Alterstopoi wie Grauhaarigkeit, Altersweisheit und die Behandlung des Todes je nach Intention und Textgattung in sehr unterschiedlicher Weise (etwa affirmativ oder auch kritisch) thematisiert werden.

Anschließend verdeutlicht Therese Fuhrer am Beispiel der horazischen Lyrik das durch häufigen Perspektivenwechsel gesteigerte, große dichterische Potential des topischen Themenkomplexes "Alter und Sexualität" (49-69), bevor Dorothee Elm geradezu exemplarisch am Beispiel von Texten Lukians und des Apuleius vorführt (71-99), inwiefern beide fiktionale Texte "durch ihren intentionalen Gebrauch der Polyvalenz der Topoi einen Spielraum für innovative Arrangements" (99) eröffnen und sich als Teil des kaiserzeitlichen gesellschaftlichen Diskurses über Alter und Geschlecht erweisen.

Enttäuschend fällt hingegen der allzu knappe Beitrag zur antiken Medizin von Florian Steger aus (101-112). Steger lässt sich gar nicht auf das anspruchsvolle Topos-Konzept des Bandes ein und bietet stattdessen einen kursorischen Abriss des Themas "Alter" in antiken medizinischen Traktaten.

Mit den beiden anschließenden Beiträgen wird das Mittelalter abgedeckt. Den Anfang macht Annette Gerok-Reiter mit ihren "Kindheitstopoi in Gottfrieds Tristan" (113-136). Gottfrieds "Tristan" gehört zu denjenigen mittelalterlichen Dichtungen, die den frühen Entwicklungsstadien (Kindheit und Jugend) ihrer Helden einen eigenen Stellenwert geben. In ihren textnahen Ausführungen zeigt Gerok-Reiter auf, dass Tristan selbst verschiedene Varianten seiner Herkunft und Kindheit bietet, Gottfried führt die Funktionsbreite der Lebensaltertopoi also auf mehreren textuellen Ebenen vor, und dabei wird stets der Zweckcharakter dieser Topoi deutlich.

Sandra Linden beschäftigt sich mit dem Topos der liebeslustigen Alten im Minnesang (137-164), mithin in einem (fiktiven) idealisierten Kontext, in welchem alten Menschen eigentlich gar kein Raum zukommt. Während dem alten Mann entweder die Rolle des altersweisen Sängers oder des komischen Alten bleibt, begegnet die (dem Minneideal der höfischen Dame widersprechende) alte Frau als liebestolle Alte, wie sie schon die lateinische Dichtung kennt. Anders als in der Antike findet sich in den von Linden untersuchten Texten bemerkenswerterweise jedoch nicht die klischeehafte Liste der gängigen Altersdefizite (Runzeln, schlaffe Haut), sondern erneut erweist sich der Topos hier als ausgesprochen variabel und poetologisch effektiv zu nutzendes Instrument.

Der kunsthistorisch orientierte Beitrag zu weiblichen Altersdarstellungen im 16. Jahrhundert von Stefanie Knöll (165-186) eröffnet die der Neuzeit gewidmeten Abhandlungen des Bandes. Nach überflüssigen und in der Sache anfechtbaren einleitenden Äußerungen zur (vermeintlich) geschlechtsspezifischen Alterswahrnehmung "bis vor einigen Jahren" (165) in Deutschland, der zufolge die körperlichen Verfallselemente nur bei Frauen, nicht aber bei Männern registriert worden seien, untersucht Knoll die bildliche Darstellung weiblicher alter Körper zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert, während Thorsten Fitzon mit dem "Greis im Frühling" erneut das Variationspotential eines Alterstopos ausleuchtet (187-219), und zwar vornehmlich in der Lyrik des 18. und 19. Jahrhunderts (Schubart, Stäudlin, Senf, Jean Paul, Arndt, Rückert, Eichendorff, Hofmannsthal). Fitzon zeigt überzeugend auf, wie die zunächst paradox anmutende Verbindung von Alter und blühender Jahreszeit "auf den Topos vom Alter als Winter des Lebens intertextuell antwortet" (219).

Nach (erneut zu) knappen Hinweisen auf Alterstopoi in den Novellen Theodor Storms aus der Feder von Thomas Küpper (221-228) geht es in dem luziden Beitrag von Miriam Haller (229-247) wiederum um Alterstopoi, Diskurse und Intertextualität, und zwar in zwei Romanen Monika Marons ("Endmoränen", "Ach Glück") und in John M. Coetzees "Zeitlupe". Durch das Aufbrechen der Autorfunktion werden in den analysierten Texten Polyperspektivität und mehrschichtiges Erzählen und Reflektieren möglich - Alterstopoi werden ironisiert, an Erzählfiguren gebunden und zum Gegenstand konkurrierender diskursiver Konzepte.

Die letzten beiden, durchaus lesenswerten Abschnitte des Sammelbandes passen nicht recht zum Gesamtthema, denn es ist in ihnen gar nicht von Alterstopoi die Rede. Andreas Kunz-Lübcke stellt unter dem Titel "Wann beginnt das Leben?" "Überlegungen zur pränatalen Anthropologie der Hebräischen Bibel" vor (249-276), und Stefan Ruppert erläutert den Zusammenhang von Lebensalter und der Genese eines eigenen Jugend(straf-)rechts im 19. Jahrhundert (277-299).

Die Stärke des Bandes besteht vor allem in den eindringlichen Analysen von Texten unterschiedlicher Gattungen aus verschiedenen Epochen. Hier zeigt sich wieder einmal, was konzeptionell durchdachte und in der Realisierung konsequent eingehaltene, da an einem verbindlichen Rahmen orientierte Interdisziplinarität zu leisten vermag. Überschneidungen ergeben sich in dieser Hinsicht mit dem Kongressband "Alterskulturen des Mittelalters und der frühen Neuzeit" (Wien 2008), der leider nicht mehr in den "Alterstopoi" berücksichtigt werden konnte. Kritisch anzumerken ist hingegen mit Blick auf die der Antike gewidmeten Beiträge, dass das voluminöse, von Umberto Mattioli edierte Werk "Senectus. La vecchiaia nell' antichità. I. Grecia. II. Roma. III. La vecchiaia nell'antichità ebraica e cristiana" (Bologna 1995-2007) nicht herangezogen wurde.

Hartwin Brandt