Rezension über:

Andres Strassberger: Johann Christoph Gottsched und die "philosophische" Predigt. Studien zur aufklärerischen Transformation der protestantischen Homiletik im Spannungsfeld von Theologie, Philosophie, Rhetorik und Politik (= Beiträge zur historischen Theologie; 151), Tübingen: Mohr Siebeck 2010, XVI + 646 S., ISBN 978-3-16-150014-5, EUR 139,00
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Rezension von:
Dirk Fleischer
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Redaktionelle Betreuung:
Johannes Wischmeyer
Empfohlene Zitierweise:
Dirk Fleischer: Rezension von: Andres Strassberger: Johann Christoph Gottsched und die "philosophische" Predigt. Studien zur aufklärerischen Transformation der protestantischen Homiletik im Spannungsfeld von Theologie, Philosophie, Rhetorik und Politik, Tübingen: Mohr Siebeck 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/17188.html


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Andres Strassberger: Johann Christoph Gottsched und die "philosophische" Predigt

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Strassbergers kirchengeschichtliche Studie, die im Juli 2007 von der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig als Dissertation angenommen wurde, eröffnet auf reicher Materialgrundlage neue Einsichten zur Transformation der Homiletik im Zeitalter der Aufklärung. Im Mittelpunkt der Arbeit steht der Leipziger Philosophieprofessor und Literaturreformer Johann Christoph Gottsched (1700-1766) und sein 1740 anonym publiziertes Predigtlehrbuch. Durch die Rekonstruktion der Entwicklung von Gottscheds Predigttheorie und der Darstellung der Rezeptionsgeschichte sowie der Kritik an diesem Theorieentwurf aus aufklärungsfeindlichen Kreisen gelingt es Straßberger, den Prozessß der Aufklärung am Beispiel der Predigttheorie prägnant nachzuzeichnen. Die Berücksichtigung der gesellschaftlichen und kirchenpolitischen Rahmenbedingungen und der ideen- und geistesgeschichtlichen Entwicklungen im Untersuchungszeitraum machen die Studie zu einem Musterbeispiel moderner Kulturgeschichtsschreibung. Strassberger erhielt für seine Dissertation den Hanns-Lilje-Preis 2008 der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und den Nachwuchsförderpreis des Fördervereins der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig 2008.Die Arbeit gliedert sich in fünf Kapitel. Das erste Kapitel behandelt Gottscheds intellektuelle Entwicklung vom Judittener Pfarrersohn, der in Königsberg Theologie studierte und ein überzeugter Vertreter orthodoxer theologischer Theoriebildung war, zum Leipziger Philosophieprofessor und überzeugten Anhänger Christian Wolffs. Bekanntermaßen war die Lektüre der Deutschen Metaphysik von Wolff und der Theodicee von Leibniz für Gottsched "eine Art philosophischer Erleuchtung" (58). Allerdings folgte er seinen philosophischen Vorbildern nicht blind, wie beispielsweise die 1721 unter dem Theologieprofessor Christoph Langhansen verteidigte philosophische Dissertation oder die 1723 abgeschlossene Habilitationsschrift belegen. Dies brachte Gottsched den Ruf eines Selbstdenkers ein, was zur Konsequenz hatte, dass zahlreiche Studenten seine Veranstaltungen besuchten. Deutlich ist, dass er zum Philosophen und Wolffianer geworden ist, weil die theologische Theoriebildung der Orthodoxie ihm nicht auf alle Fragen plausible Antworten geben konnte. So empfand er etwa die kirchliche Erbsündenlehre als "Bremsklotz ethischer Perfektionierungsbemühungen" (115). Zurecht betont Strassberger, dass allerdings Gottsched zu keinem Zeitpunkt beabsichtigte, eine "deistische Auflösung des Christentums" (103) vorzunehmen, was ihm jedoch von aufklärungskritischen Zeitgenossen unterstellt wurde.

Im zweiten Kapitel untersucht Strassberger ausführlich Gottscheds Theorie der "philosophischen" Predigt, deren Anfänge bis in die 1720er Jahre zurückgehen. Kenntnisreich beschreibt er dabei die einzelnen Entwicklungsphasen der Homiletiktheorie. Bereits 1726 propagierte Gottsched mit "dezidiert aufklärerischer Akzentuierung" (131) offen die Idee einer Predigtreform innerhalb der lutherischen Kirche. Der Begriff "philosophische Predigt" entstand erst nach 1730 als Kampfbegriff um den Geltungsanspruch der Philosophie Wolffs in der Theologie. Der Sache nach ist dieses Predigtkonzept jedoch älter. Mit Recht unterscheidet Strassberger einen weiteren Begriff der "philosophischen Predigt", der alle Prediger umfasste, die auf die Kraft der menschlichen Vernunft setzten, von einem engeren. Mit der engeren Bedeutung des Begriffs werden dabei solche Prediger bezeichnet, deren Predigtpraxis durch die "homiletische Integration Wolffscher Beweisverfahren (Demonstrationsmethode), Terminologien und Philosopheme gekennzeichnet war" (537). Gottsched selber war ohne Zweifel der maßgebliche Theoretiker dieser Predigtpraxis.

Kennzeichnend für Gottscheds Predigttheorie ist seit seiner Schrift Grundriß zu einer vernunftmäßigen Redekunst aus dem Jahre 1728 (vordatiert auf 1729), dass er die Predigt als Sonderfall einer Rede auffassßte, die sich nur durch die behandelten Inhalte, nicht aber durch die in der Rhetorik reflektierten Geschmacksnormen und Kommunikationsmechanismen von einer allgemeinen Rede unterschied. Kurz: Predigttheorie als Teil der Rhetorik. Dabei vertrat Gottsched einen klassizistischen Rhetorikansatz, der auf vorbildhafte, d.h. auf antike Beispiele zurückgriff, um so die aktuelle Sprachpraxis zu verbessern. Er zielte also auf eine muttersprachliche Reform durch einen Rückgriff auf antike Rhetoriker bzw. - mit Blick auf die Predigtpraxis - auf Kirchenväter. Für den Theologen als Prediger hatte dieser Ansatz zur Konsequenz, dass er sowohl Rhetoriker als auch Philosoph sein sollte.

Seine Homiletikkonzeption systematisierte Gottsched abschließend in dem 1740 (

21743) anonym erschienen Predigtlehrbuch Grund-Riß einer Lehr-Arth ordentlich und erbaulich zu predigen. Wie der bekannte und hoch geachtete Helmstedter und spätere Göttinger Theologe Johann Lorenz von Mosheim stellte der Leipziger Philosophieprofessor in dieser Schrift den aus der pietistischen Tradition stammenden Begriff der Erbauung in den Mittelpunkt der Reflexionen. Vor allem die seelische Beschaffenheit des Predigthörers war für ihn dabei wichtig. Sie erklärte er "zum Ausgangs- und Zielpunkt der homiletischen Reflexion" (251). Wie in seinen anderen Schriften übte er auch in dieser Schrift im Sinne der Aufklärung scharfe Kritik an der orthodoxen Homiletik.

Das dritte Kapitel handelt von der Verbreitung und Durchsetzung der von Gottsched betriebenen Homiletikreform. In den 1730er und 1740er Jahren konnte er eine große Schar von Anhängern um sich sammeln. Dies spricht für die "starke Anziehungskraft, die er und seine philosophischen, poetologischen, rhetorischen und homiletischen Gedanken auf Vertreter vor allem der jungen Generation auszuüben vermochten" (541). Für die Verbreitung seines Ansatzes waren vor allem Gottscheds Sozietäten entscheidend. Dabei handelt es sich um die Deutsche Gesellschaft zu Leipzig, die er selber bis zu seinem Austritt (1738) als Senior führte, zwei Rednergesellschaften und die von Ernst Christoph Graf von Manteuffel geleitete Societas Alethophilorum. Sie stellten sein Predigtreformprogramm in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten. Diesen Aktivitäten geht Straßberger in seiner Studie in sozietätsgeschichtlicher Perspektive nach. Dabei gelingt es ihm, die Kommunikationsstrukturen der Aufklärung anschaulich nachzuzeichnen.

Im vierten Kapitel stellt Straßberger den kirchenpolitischen Streit um die "philosophische" Predigt und die literarische Kritik an ihr aus den verschiedenen Lagern - der aristotelisch beeinflussßten Spätorthodoxie, des Pietismus und von Vertretern der Übergangstheologie - dar. Zurecht verweist Strassberger. auf die "fundamentale frömmigkeitsgeschichtliche Differenz" (543), die das orthodoxe vom aufklärerischen Predigtverständnis trennte. Deutlich wird, dassß die Vertreter der alten Orthodoxie ihren gesellschaftlichen Rückhalt in den 1740er Jahren weitgehend verloren hatten. Ein letztes Mittel sahen sie in einem Eingreifen der Kirchenleitung. So wurden beispielsweise 1742 in einem oberkonsistorialen Reskript alle kursächsischen Prediger angewiesen, sich der "philosophischen" Predigtweise zu enthalten. Schwerwiegender als die Kritik von Seiten der Orthodoxie war die Kritik der Übergangstheologie am Konzept der "philosophischen" Predigt. So konnte an der Göttinger Universität eine kritische Opposition gegen die wolffianische Homiletik installiert werden. Ein prägnantes Beispiel dieser Kritik ist die Homiletiktheorie von Johann David Heilmann von 1763. Die Kritik aus dem Lager des Pietismus schrieb im wesentlichen die kritische Position fort, die ihre Vertreter bereits gegenüber der Philosophie von Wolff eingenommen hatten.

Das fünfte Kapitel behandelt schließlich die Krise der "philosophischen" Predigt. So entwickelte der Hallenser Philosophieprofessor Georg Friedrich Meier die "philosophische" Predigtweise zur "ästhetischen" Predigt weiter. Ein zweiter Neuansatz ist die "moralische" Predigt, die mit den Namen August Friedrich Wilhelm Sack und Johann Joachim Spalding verbunden ist. Sie konzeptualisierten eine Predigttheorie, in der das "Gefühl der göttlichen (moralischen) Wahrheiten" im Mittelpunkt stand. Nicht mehr die Sprache der Vernunft, sondern "auch und vor allem" (520) die Sprache des Herzen sollte verwandt werden.

Straßberger ist ein kluges, ausgewogenes und sorgfältig gearbeitetes Buch gelungen, an dem niemand vorbeikommt, der sich zukünftig mit Johann Christoph Gottsched beschäftigen wird.

Dirk Fleischer