Rezension über:

Adam Schwartz: Reinstating the Hoplite. Arms, Armour and Phalanx Fighting in Archaic and Classical Greece (= Historia. Einzelschriften; Heft 207), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009, 337 S., ISBN 978-3-515-09330-9, EUR 64,00
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Rezension von:
Karl-Wilhelm Welwei
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Karl-Wilhelm Welwei: Rezension von: Adam Schwartz: Reinstating the Hoplite. Arms, Armour and Phalanx Fighting in Archaic and Classical Greece, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/17142.html


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Adam Schwartz: Reinstating the Hoplite

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Der Verfasser, ein Schüler von Mogens Herman Hansen, hat für seine Kopenhagener Dissertation ein schwieriges und in der altertumswissenschaftlichen Forschung kontrovers diskutiertes Thema gewählt. Es geht hier vor allem um die Frage, ob die Phalanxtaktik vor oder nach der Entwicklung der Hoplitenrüstung entstanden ist. Schwartz bietet hierzu einen kurzen Überblick über diesbezügliche Untersuchungen und erklärt detailliert die einzelnen Teile der Rüstung, die zweifellos recht schwer war, wenn auch im Laufe der Zeit das Gewicht reduziert werden konnte. Anschließend behandelt er sein zentrales Thema, die Entstehung der Phalanx (102-146). Er sucht zu zeigen, dass auf einer in Amathus (Zypern) 1875 gefundenen Schale aus der Zeit von etwa 710 bis 675 vor Christus in der Darstellung der Erstürmung einer Zitadelle ein früher Beleg für die Entwicklung der Phalanxtaktik vorliegt und diese Kampfesweise dementsprechend im 8. Jahrhundert vor Christus eingeführt wurde (135). Er räumt zwar ein, dass Aktionen einer Phalanx auf Leitern im Mauerkampf nicht vorstellbar sind, interpretiert aber (132, Figur 19) die Darstellung von drei Kriegern mit Rundschilden auf der genannten Schale als symbolische Skizze einer Phalanx (134). In diesem Kontext geht er davon aus, dass der Maler mehrere Phasen des Kampfes um eine Festung andeuten wollte. Eine Kolonne von hintereinander marschierenden Kriegern mit Rundschilden findet sich indes bereits auf der sogenannten Kriegervase aus Mykene um 1200 vor Christus, die zweifellos keine Phalanx darstellen sollte. Somit lässt sich auch die weitere These von Schwartz, dass die Hoplitentaktik eine Voraussetzung für die Entwicklung des Rundschildes gewesen sei, nicht verifizieren. Es kann keine Rede davon sein, dass der Rundschild eigens für den Phalanxkampf konstruiert wurde, wie Schwartz vermutet. Schwartz weist zwar mit Recht darauf hin, dass bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. gegebenenfalls in "dichten Haufen" gekämpft wurde. Dies bestätigt aber nicht seine These, dass in der "Hopliten-Ära" die Krieger in der Phalanx faktisch vom 8. bis zum 4. Jahrhundert vor Christus unter den gleichen Bedingungen kämpften (144).

In der Ilias sind zwar Phalangen erwähnt. Sie entsprachen indes nicht der klassischen Phalanx, wie vor vielen Jahren Franz Kiechle (Lakonien und Sparta, München 1963, 266-270) ausgeführt hat, indem er darauf hinwies, dass in der Ilias 4,274 eine Phalanx als "Wolke von Fußvolk" bezeichnet wird und dieser Vergleich absurd wäre, wenn es sich um eine geschlossene Phalanx gehandelt hätte. An anderer Stelle in der Ilias (16,215) marschieren die Krieger zwar in geschlossener Formation auf das Schlachtfeld, schwärmen dann aber auseinander, als es zum Kampf kommt (Ilias 16,265-268), und in der Ilias 13,151-154 heißt es, dass die Achaier sich zu einem dichten Haufen zusammenschließen, um den Angriff der Troianer abzuwehren. Die "dichte Formation" dient hier zur Verteidigung in schwieriger Lage, während die klassische Phalanx dem Angriff besondere Wucht verleihen sollte.

Ein sicheres Zeugnis für eine Phalanxformation ist nach wie vor die Chigi-Vase (um 650/640 v. Chr.). Allerdings ergeben sich hier Interpretationsprobleme. Dargestellt sind zwei "Paare" von Hoplitenreihen, die sich aufeinander zubewegen. Zwischen den beiden Reihen auf der linken Seite befindet sich ein Flötenbläser, der offenbar der Formation, der er zugeordnet ist, die Geschwindigkeit des Vorrückens angibt. Schwartz vermutet, dass jeweils die zweite Hoplitenreihe der ersten Gruppe, die bereits Feindberührung hat, zu Hilfe kommt (127). Demgegenüber weist Johann Peter Franz mit Recht darauf hin, dass der Flötenbläser schwerlich beiden Reihen die Geschwindigkeit ihres Vorrückens vorgeben konnte, wenn die vordere Linie sich bereits im Kampf befand. [1] Franz deutet daher überzeugend das Vasenbild als Darstellung verschiedener Phasen des Schlachtverlaufs. Er verweist zudem auf die Rüstungsszene auf der linken Seite des Bildes und schließt auf insgesamt drei Szenen: "Rüstung - Vorrücken - Kollision".

Durch die Datierung der Phalanxtaktik ins 8. Jahrhundert v. Chr. wird Schwartz noch mit einem anderen Problem konfrontiert. Die Entwicklung dieser Kampfesweise erfolgte nach seiner Auffassung etwa zeitgleich mit der Entwicklung der Polis. Die in den homerischen Epen angedeuteten politischen Organisationsformen sind indes noch den Typen einer vorstaatlichen Gesellschaft zuzuordnen, wenn man davon ausgeht, dass alternierende Funktionsträger mit fixierten Kompetenzen Kennzeichen einer organisierten Polisgemeinschaft bilden.

Insgesamt gesehen ist das Buch trotz der skizzierten Monita ein beachtenswerter Beitrag zur griechischen Kriegsgeschichte. Schwartz erörtert Fragen der unterschiedlichen Dauer der Hoplitenschlachten, rekonstruiert den Verlauf eines Othismos und bietet ein umfangreiches Verzeichnis wesentlicher Aspekte der Überlieferung über Kämpfe zwischen Hoplitenarmeen.


Anmerkung:

[1] Johann Peter Franz: Krieger, Bauern, Bürger. Untersuchungen zu den Hopliten der archaischen und klassischen Zeit, Frankfurt am Main 2002, 151.

Karl-Wilhelm Welwei