Rezension über:

Michel Espagne: L'histoire de l'art comme transfert culturel. L'itinéraire d'Anton Springer, Paris: Éditions Belin 2009, 304 S., ISBN 978-2-7011-5234-9, EUR 29,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Henrik Karge
Institut für Kunst- und Musikwissenschaft, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Henrik Karge: Rezension von: Michel Espagne: L'histoire de l'art comme transfert culturel. L'itinéraire d'Anton Springer, Paris: Éditions Belin 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/16469.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Michel Espagne: L'histoire de l'art comme transfert culturel

Textgröße: A A A

Der Titel des Buches lässt vermuten, dass es sich um eine intellektuelle Biografie des Kunsthistorikers Anton Springer (1825-1891) handelt, die bislang in der Tat noch nie geschrieben worden ist. In Wirklichkeit leistet das vorliegende Werk weniger und zugleich weit mehr: Der Werdegang des aus Prag stammenden Gelehrten, der die Lehre der Kunstgeschichte an den deutschen Universitäten in einem beträchtlichen Maße geprägt hat, wird zwar an verschiedenen Stellen ausführlich behandelt, tritt aber immer wieder in den Hintergrund - vergleichbar einem roten Faden, der sich mehrfach verliert, um immer wieder neu aufgenommen zu werden. Das eigentliche Thema des Buches ist die Entfaltung der Disziplin Kunstgeschichte in Deutschland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, und dieses bedeutende Thema ist vorher kaum je in vergleichbarer Dichte und Komplexität behandelt worden. Bemerkenswert ist dies nicht zuletzt als Leistung eines französischen Autors, der sich freilich bereits seit Jahren als Kenner der deutschen Kunstliteratur profiliert hat. So lag es für ihn nahe, in diesem Kontext den Austausch zwischen der deutschen und der französischen Kunstforschung jener Zeit zu beleuchten - ein wechselseitiger Kulturtransfer, der der Darstellung zusätzliche Nuancen verleiht, allerdings letztlich nicht so zentral erscheint, wie dies der Obertitel nahelegt. In gewissem Maße sind hier drei Darstellungen miteinander verwoben worden: eine Gelehrtenbiografie, eine wissenschaftshistorische Epochendarstellung und die Schilderung des kulturellen Austauschs zwischen Frankreich und Deutschland. Die Folge ist ein hochkomplexes und lebendig geschriebenes, aber auch etwas labyrinthisches Werk, das sich auf eine Vielzahl von Persönlichkeiten, Fachrichtungen und Methoden einlässt und mit zahlreichen chronologischen Vor- und Rücksprüngen operiert.

Wie der Autor in seiner Einleitung schreibt, sieht er sein Werk dem Typus der "Gesellschaftsbiographie" verpflichtet. Das eigentlich biografische Element kommt dabei allerdings etwas zu kurz: Da die Vita Anton Springers nur in wenigen verstreuten Kapiteln thematisiert wird, fällt es dem Leser schwer, den Lebensweg des Gelehrten im Zusammenhang zu verstehen; auch sein Charakterbild bleibt letztlich diffus. Man vermisst zudem Hinweise auf die benutzten Quellen jenseits der 1892 erschienenen Autobiografie ("Aus meinem Leben"), auf erhaltene Lebenszeugnisse und Archivalien sowie eine ausführliche Bibliografie seiner Schriften. Dagegen liegt die besondere Stärke des Buches in der Schilderung der verschiedenen Milieus, in die Anton Springer im Laufe seiner Karriere eingebunden war: von der katholisch geprägten Kindheit in Prag über das akademische Umfeld des Studenten in Prag und Tübingen sowie das politische Milieu des kritischen Journalisten in der Zeit der 48er-Revolution bis hin zu den professoralen Zirkeln der Universitätslaufbahn mit den Stationen Bonn, Straßburg und Leipzig - an allen Punkten dieses Weges nimmt sich der Verfasser Zeit, die Persönlichkeiten verschiedenster Disziplinen ausführlich vorzustellen, mit denen Springer verkehrte und die ihn vielfach nachhaltig beeinflussten.

Deutlich werden die frühen intellektuellen Prägungen durch die Hegelschule in Tübingen auf der einen und die in Österreich dominierende Herbartschule auf der anderen Seite, die die Grundlagen des für Springer so charakteristischen Empirismus legten, mit dem er die Kunstgeschichte zu einer exakten historischen Wissenschaft zu formen versuchte. [1] Die meisten Schriften Springers werden kurz vorgestellt und charakterisiert; eingehendere Analysen erfolgen jedoch nicht. So ist es durchaus interessant, die Editionsgeschichte des 1855 erstmals erschienenen "Handbuchs der Kunstgeschichte" bis ins 20. Jahrhundert hinein zu verfolgen, aber man vermisst intensivere Vergleiche mit den kunsthistorischen Handbüchern Franz Kuglers, Karl Schnaases und Wilhelm Lübkes, wie sie Dan Karlholm in seinen zwei Monografien "Handböckernas konsthistoria" (Stockholm 1996) und "Art of Illusion. The Representation of Art History in Nineteenth-Century Germany and Beyond" (Bern 2006) vorgelegt hat. So fehlt ein Hinweis darauf, dass sich Springers "Kunsthistorische Briefe" von 1857 (vgl. nun den Beitrag von Elisabeth Sobieczky in Paul von "Naredi-Rainer: Hauptwerke der Kunstgeschichtsschreibung, Stuttgart 2010, 421-424) ausgesprochen eng an Schnaases "Geschichte der bildenden Künste" (ab 1843), im Titel auch an seine "Niederländischen Briefe" (1834) anlehnen, wie überhaupt die zahlreichen Verbindungsfäden zwischen Springer und Schnaase, der auf veralteter Literaturgrundlage irrtümlich als Hegelianer bezeichnet wird, nur andeutungsweise erfasst sind. Dabei wäre es sinnvoll, die zu Recht als zentrales wissenschaftliches Anliegen Anton Springers erkannte kulturhistorische Ausrichtung der Kunstgeschichte auf Schnaase zu beziehen und in dieser Hinsicht auch die Genese der ikonografischen Methode neu zu beleuchten, die Springer mit seinen Untersuchungen zur Buchmalerei des frühen Mittelalters befördert hat (vgl. dazu: Regine Prange: Die Geburt der Kunstgeschichte. Philosophische Ästhetik und empirische Wissenschaft, Köln 2004, 147-152).

Weit mehr Raum gibt der Verfasser den Zeitgenossen Springers, die ganz andere wissenschaftliche Zielsetzungen verfolgten. In monografischen Kapiteln werden ihre Schriften ebenso ausführlich analysiert wie diejenigen Springers; so entsteht ein Mosaik unterschiedlichster Persönlichkeiten, Werke und Methoden. Ein eigener Abschnitt gilt etwa Carl Justi, Springers Nachfolger in Bonn; der Vergleich der Positionen Springers und Justis ist auch das Thema der etwa zeitgleich mit dem Buch Espagnes erschienenen Monografie Johannes Rößlers [2], die sich vor allem auf die differenzierte Analyse der kunstliterarischen Texte konzentriert. Der Verfasser geht zudem auf einige Gelehrtenpersönlichkeiten ein, deren Schriften heute wenig bekannt sind, wie Hubert Janitschek, Henry Thode (markant der Vergleich der Michelangelo-Monografien Springers und Thodes) und August Schmarsow. Dagegen würde man sich wünschen, dass die Gegnerschaft zu Herman Grimm - eine weitere Parallele zwischen Springer und Schnaase - genauer analysiert würde.

Verdienstvoll ist die intensive Einbeziehung der psychologischen Ästhetik in der Nachfolge Herbarts in die Entwicklungsgeschichte der Kunstgeschichte, auch wenn hier nur wenige Berührungspunkte zur wissenschaftlichen Ausrichtung Springers vorliegen. Dagegen besteht die vielleicht wichtigste Neuentdeckung des Autors darin aufzuzeigen, wie eng die Parallelen zwischen Springer und der frühen Wiener Schule gewesen sind; Rudolf von Eitelberger vollzog in der Tat eine ganz ähnliche intellektuelle Entwicklung im Nachklang der österreichischen 48er-Revolution vom Hegelianismus zur pointiert empirischen Ausrichtung der Kunstwissenschaft wie Springer, und selbst die Vorliebe für die Objekte des mittelalterlichen Kunsthandwerks teilten beide Autoren.

Ein wichtiges Thema des Buches ist die Frage der nationalen Identität, die für den in der tschechischen Muttersprache aufgewachsenen Springer tatsächlich besonders virulent war und die er im Sinne eines emphatischen Deutschtums zu lösen versuchte. Der Verfasser erliegt nicht der Versuchung, den Gelehrten, der sich 1870/71 für den Krieg gegen Frankreich begeisterte und an der Gründung der deutschen Universität in Straßburg mitwirkte, als Nationalisten zu brandmarken. Tatsächlich blieb Springer bis in seine späten Jahre europäisch gesinnt, interessierte sich stets für die Länder jenseits von Wien (gern wüsste man Näheres über seine Agententätigkeit für Serbien) und bezog die französische Kunst häufig in seine Forschungen ein. Es war für den Verfasser, der bereits mehrere Studien zum deutsch-französischen Kulturaustausch im 19. Jahrhundert publiziert hat, naheliegend, dieses Thema auch für die Analyse der Kunstwissenschaft jener Zeit fruchtbar zu machen. So werden neben den strukturellen Unterschieden in der Forschungslandschaft beider Länder auch die vermittelnden Persönlichkeiten, wie Albert Marignan und Eugène Müntz, beleuchtet. Leider bleibt jedoch Franz Mertens, der bereits in den 1840er-Jahren den Ursprung der gotischen Architektur in Nordfrankreich erwiesen hatte, unerwähnt.

Die überragende Rolle Anton Springers für die Entwicklung der modernen Kunstwissenschaft gründet sich wesentlich auf den Kreis seiner Schüler vor allem aus der Leipziger Zeit: Wilhelm Vöge, Adolph Goldschmidt, Max Friedländer, Gustav Pauli, Cornelius Gurlitt, Arthur Haseloff, Werner Weisbach und Richard Muther, um nur einige zu nennen. Der Verfasser geht auf einige dieser Schüler näher ein, erwähnt auch die Autobiografien von Pauli, Weisbach und Goldschmidt, die ein recht lebendiges Bild des Lehrers entwerfen, doch eine zentrale Frage wird nicht gestellt: Warum hat diese vielleicht bedeutendste Schülerschaft in der Geschichte der deutschen Kunstgeschichte ihren Lehrer nicht berühmt gemacht? Warum ist Springer heute nur noch Kennern der Wissenschaftsgeschichte ein Begriff? Womöglich beruhte gerade das Profil der Schüler, zumeist bedeutende Fachwissenschaftler, auf einer Negation der "allgemeinen Kunstgeschichte" des 19. Jahrhunderts, mit der Anton Springer untrennbar verknüpft blieb.

Das wertvolle Buch Michel Espagnes erweist die fortwährende Bedeutung des biografischen wie auch des konzeptuellen Zugangs zur Geschichte der Kunstwissenschaft, deren Zusammenhang erst das Verständnis für die Entfaltung der Disziplin im 19. Jahrhundert ermöglicht.


Anmerkungen:

[1] Vgl. dazu den Beitrag des Rez.: Anton Springer und Adolph Goldschmidt: Kunstgeschichte als exakte Wissenschaft?, in: Adolph Goldschmidt (1863-1944). Normal Art History im 20. Jahrhundert, hg. von Gunnar Brands / Heinrich Dilly, Weimar 2007, 131-145.

[2] Johannes Rössler: Poetik der Kunstgeschichte, Berlin 2009.

Henrik Karge