Rezension über:

Ambrosius von Mailand: De virginibus / Über die Jungfrauen. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt und eingeleitet von Peter Dückers (= Fontes Christiani; Bd. 81), Turnhout: Brepols Publishers NV 2009, 440 S., ISBN 978-2-503-52158-9, EUR 40,10
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Rezension von:
Hartmut Leppin
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Hartmut Leppin: Rezension von: Ambrosius von Mailand: De virginibus / Über die Jungfrauen. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt und eingeleitet von Peter Dückers, Turnhout: Brepols Publishers NV 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/16451.html


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Ambrosius von Mailand: De virginibus / Über die Jungfrauen

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Mit diesem Band der Fontes Christiani liegt nicht nur eine zweisprachige Ausgabe eines wichtigen Textes vor, sondern auch die gekürzte Fassung einer 2002 eingereichten Dissertation, die danach nur noch vereinzelt um Literatur ergänzt wurde.

Ein - im Verhältnis zur modernen Forschung - ungewöhnlich freundliches Bild von Ambrosius zeichnet Dückers in der einleitenden Lebensskizze. Es folgen eingehendere Überlegungen zur Vorstellung von Jungfräulichkeit beim Kirchenvater. Das ist nicht thesenorientiert, bietet aber viel Material aus dem breiten Œuvre des Ambrosius. Ansätze wie jenen P. Browns, der Gesichtspunkte der Machtgewinnung in Ambrosius' Herangehensweise hervorhebt, weist Dückers zurück, ohne sich allerdings auf eine Diskussion einzulassen (23f.). Für ihn steht die theologische Deutung ganz im Vordergrund: Als Bischof und verantwortlicher Seelsorger einer wachsenden Gemeinde, in die es manchen eher aus Opportunitätsgründen denn aus innerer religiöser Überzeugung gedrängt habe, sei Ambrosius verpflichtet gewesen, bestimmte Verhaltensregeln einzuschärfen. Die Stärke der Deutung Dückers liegt in der werkimmanenten Interpretation der Jungfräulichkeit, die von der theologischen Kompetenz des Autors fraglos profitiert. Die Jungfräulichkeit erscheint als engelsgleiches Leben, die virgo wird zur Braut Christi. Doch führt aus historischer Sicht die Bereitschaft, die Aussagen des Ambrosius für bare Münze zu nehmen, oft zu wenig überzeugenden Ergebnissen. Hier wäre eine stärker kontextbezogene oder diskursgeschichtliche Interpretation wünschenswert.

Im zweiten Hauptteil gibt Dückers einen nützlichen Überblick über die Schrift De virginibus, die er mit einem Großteil der Forschung vor den 7. Dezember 377 datiert. Daran schließt sich eine detaillierte Übersicht über den Aufbau an.

Der Text folgt er Edition von I. Cazzaniga (1948), korrigiert aber den Apparat zum Teil nach O. Faller und in einigen Fällen aufgrund der Autopsie von Codices, über die Dückers ebenfalls eine Übersicht bietet.

Den für die Forschung wertvollsten Teil des Buchs bilden die Erläuterungen zum Text, die umfangreicher sind als in dieser Reihe üblich und Züge eines regelrechten Kommentars annehmen, dessen Schwerpunkt naturgemäß auf der Theologie liegt, wobei der Verfasser offenkundig auch ein Interesse an der Rezeption einzelner bei Ambrosius erwähnter Motive in späteren Jahrhunderten hat, ohne dass ein zwingender Bezug zu Ambrosius' Schrift vorliegen muss (284f.). Aber solche Auswahlentscheidungen sind leicht zu kritisieren. Wer Parallelstellen in theologischen Schriften und auch in literarischen Quellen sucht, wird an vielen Stellen fündig.

Die Übersetzung lehnt sich eng an den lateinischen Text an, versucht auch die Perioden des Ambrosius nachzuvollziehen, was, wie Dückers selbst einräumt, nicht immer der Lesbarkeit dient. Es ist klassisches Übersetzungsdeutsch, das andererseits den Zugriff auf den lateinischen Text vereinfacht, was bei der Benutzung in Lehrveranstaltungen mit einigermaßen lateinkundigen Studierenden von Nutzen sein kann. Bei Stichproben habe ich keinen schwerwiegenden Übersetzungsfehler gefunden. Ein reiches Literaturverzeichnis und gut gegliederte Register schließen das Buch ab.

Es steht außer Zweifel, dass das Buch dazu beiträgt, Ambrosius' Schrift De virginibus zu erschließen. Man wird das Buch gerne in die Hand nehmen, um den theologischen Hintergrund der Schrift zu erschließen. Doch die Erforschung weiterer Bezüge der Schrift und ihre Einordnung in die Politik des Ambrosius - etwa gegenüber Familien der Elite - steht noch aus.

Hartmut Leppin