Rezension über:

Roland Gehrke: Landtag und Öffentlichkeit. Provinzialständischer Parlamentarismus in Schlesien 1825-1845 (= Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte; Bd. 17), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, XII + 525 S., ISBN 978-3-412-20413-6, EUR 69,90
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Rezension von:
Michael Hirschfeld
Institut für Geschichte und historische Landesforschung, Hochschule Vechta
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Michael Hirschfeld: Rezension von: Roland Gehrke: Landtag und Öffentlichkeit. Provinzialständischer Parlamentarismus in Schlesien 1825-1845, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/16412.html


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Roland Gehrke: Landtag und Öffentlichkeit

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In diesem opulenten Werk, einer Stuttgarter Habilitationsschrift, bietet der Verfasser ein Kaleidoskop der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in der preußischen Provinz Schlesien, das weit über die im Untertitel genannten zwei Jahrzehnte hinausreicht. Vielmehr greift Gehrke auf die Anfänge der Parlamentarisierung Preußens im Kontext der Stein-Hardenbergschen Reformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurück. Zudem ermöglicht er einen Überblick über die preußischen Verfassungsbemühungen ab 1807, die er für die Phase bis 1821 "als eine recht unübersichtliche und letzten Endes ergebnislos abgebrochene Experimentierphase" (77) deutet. Damit wird bereits deutlich, dass Gehrke neben die "Eigentümlichkeiten und Spezifika des provinzialständischen Parlamentarismus in Schlesien" (2) eine Einordnung in den größeren Zusammenhang der Geschichte Preußens zwischen napoleonischer Ära und 1848er Revolution stellen möchte. Und diese angestrebte "regionale Fallstudie" (30) ist ihm auch - das sei hier bereits vorweggenommen - im Großen und Ganzen gelungen.

Wer allerdings von diesem Werk originelle neue Ansätze erwartet hätte, die über herkömmliche Fragestellungen und Methoden der Geschichtswissenschaft hinausreichen, wird sich möglicherweise enttäuscht sehen. Denn schon der Aufbau des Bandes ist mit Fug und Recht als klassisch zu bezeichnen. Auf eine Erläuterung der zu behandelnden Fragestellungen folgen Hinweise zu Forschungsstand und Forschungsproblemen, wobei Gehrke sowohl eine Lähmung und zugleich Instrumentalisierung der Schlesienforschung in Deutschland wie Polen in Zeiten des Kalten Kriegs beklagt als auch die seit der Wende bestehende Chance rühmt, dass "zwischen der deutschen und der polnischen Wissenschaftslandschaft ein Klima entstanden [ist], in dem über Schlesien wieder debattiert und gestritten werden kann, ohne dass entsprechende Kontroversen deshalb zwangsläufig Ausdruck sich gegenseitig ausschließender nationaler Standpunkte" (7) geworden sind.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass sich im umfänglichen Literaturverzeichnis die Rezeption polnischer Veröffentlichungen zwar nachweisen lässt, der überwiegende Teil der verwendeten Literatur jedoch deutscher Provenienz ist. Von den Quellen ohnehin ganz zu schweigen, die im Zweiten Weltkrieg in Breslau vernichtet wurden, so dass der Verfasser bei den Archivquellen nur auf das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem zurückgreifen konnte, weshalb das audiatur et altera pars-Prinzip der Geschichtswissenschaft hier nicht zum Tragen kommen kann. Vielleicht liegt es ja auch ein wenig an dem durchweg die Handschrift preußischer Staatsbeamter tragenden Quellenkorpus, dass die Lektüre sich über weite Strecken etwas zäh gestaltet.

Nachdem Gehrke die preußische Verfassungsdebatte des beginnenden 19. Jahrhunderts kenntnisreich referiert hat, zeigt er zunächst Wahl und Zusammensetzung des schlesischen Provinziallandtags auf, wobei eine in den Anhang aufgenommene Übersicht der Landtagsmitglieder eine willkommene Ergänzung darstellt. Schon hier hätte das Buch ein stärker ausgeprägtes "Gesicht" erhalten und wäre sein Inhalt nicht vielfach im Statischen geblieben, wenn der Verfasser stärker die prosopographische Ebene mitberücksichtigt und weniger Paragraphen referiert hätte. So aber bleiben die einzelnen Abgeordneten und deren Familien trotz der sozialgeschichtlichen Komponente des Bandes weitgehend blass und die Chance, zugleich ein Handbuch schlesischer Politiker im Untersuchungszeitraum vorzulegen, wird verspielt.

Außerdem muss Gehrke selbst konzedieren, dass der schlesische Provinziallandtag im Vergleich zu den frühneuzeitlichen Landständen nur eine marginale Bedeutung besaß, ja für ihn bis in die 1840er Jahre hinein eine "Isolation [...] von der politischen Öffentlichkeit" (440) kennzeichnend war. Konkret äußerte sich dies beispielsweise darin, dass "die Sitzungen des Landtags selbst in einer Atmosphäre völliger Geheimhaltung stattfanden" (152). Insgesamt "blieb der schlesische Landtag in der Architektur und auch im gesellschaftlichen Leben der Metropole Breslau gleichsam unsichtbar" (139). Demgegenüber vermag Gehrke minutiös den Arbeitsalltag und das nicht unerhebliche Arbeitspensum der Einrichtung aufzuzeigen: Administratives, Agrar- und Wirtschaftsfragen, Bildungs-, Gesellschafts- und Sozialpolitik: Kaum ein Feld, das öffentliches Interesse beansprucht, blieb in dem Ständeparlament unangesprochen. Zwischen den diskutierten vielfältigen Problemen und deren konkreter Lösung liegen jedoch die sprichwörtlichen Welten. Genauer gesagt: Was auf vielen Seiten im vorliegenden Band detailliert und sehr kenntnisreich ausgebreitet wird, erweitert durchaus den Horizont des geneigten Lesers, spiegelt aber eben zumeist nur interne Diskussionen wider, deren Öffentlichkeitswirkung marginal und folglich auch wenig epochemachend war.

Die Kunst Gehrkes liegt augenscheinlich darin, diese seinem Untersuchungsgegenstand innewohnende Problematik zwar keineswegs zu verschweigen, jedoch durch die breite Aufbereitung von Quellen und Literatur dezent zu verstecken. Dabei liegt ihm jegliche Empathie zu seinem Untersuchungsgegenstand im Grunde eher fern. Vielmehr bleibt Gehrke in seinen Wertungen stets moderat, ja oft nachgerade vorsichtig. Einen sprechenden Beleg bietet beispielsweise seine Stellungnahme zur Diskussion um den Liberalismus-Begriff: "Auch wenn eine simple Dichotomie "liberal-konservativ" der politischen Realität des preußischen Vormärz in keiner Weise gerecht wird, so erscheint eine Abkehr vom traditionellen Liberalismus-Begriff [...] doch wenig sinnvoll" (393). Positiv gewendet lässt sich ein solches, auch an anderen Stellen wiederkehrendes bewahrendes Moment als Teil der grundsoliden Arbeitsweise des Verfassers bewerten.

In seinem ebenso ins Polnische übersetzten Resümee muss das Endergebnis dann konsequenterweise auch verhalten ausfallen, wenn eine "zunehmende Professionalisierung der politischen Kommunikation und des politischen Handelns" (440) für den Untersuchungszeitraum konstatiert wird. Das Verdienst dieser fleißigen Studie liegt also weniger in spektakulären Forschungsergebnissen als vielmehr in der Fähigkeit, "die Besonderheiten des provinzialständischen Parlamentarismus im Kontext spezifisch schlesischer Problemstellungen" (432) herauszustellen.

Michael Hirschfeld