Rezension über:

David Rankin: Athenagoras. Philosopher and Theologian, Aldershot: Ashgate 2009, ix + 191 S., ISBN 978-0-7546-6604-2, GBP 55,00
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Rezension von:
Volker Lorenz Menze
Medieval Studies Department, Central European University, Budapest
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Volker Lorenz Menze: Rezension von: David Rankin: Athenagoras. Philosopher and Theologian, Aldershot: Ashgate 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/15043.html


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David Rankin: Athenagoras

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David Rankins Buch über Athenagoras. Philosopher and Theologian schließt sich nahtlos an sein 2006 ebenfalls bei Ashgate erschienenes Buch From Clement to Origen. The Social Context of the Church Fathers an. Während er in seinem From Clement to Origen einen Überblick über die vornizänischen Kirchenväter (einschließlich Athenagoras) bietet, konzentriert er sich im vorliegenden Buch ganz auf den weniger bekannten Kirchenvater Athenagoras. Auch hier geht es Rankin neben einer Analyse von Athenagoras' Werken selbst um den Kontext, in dem Athenagoras schrieb, allerdings weniger um den sozialen Kontext als vielmehr um das philosophische Umfeld und die Einflüsse, die Athenagoras' Werk bestimmten. Das 191 Seiten starke Buch (davon 181 Seiten Text, 6 Seiten Bibliographie und 3 Seiten Index) gliedert sich inklusive "Conclusion" in acht Kapitel. Kapitel eins (1-16) bietet eine kurze Einführung zum intellektuellen Kontext, in dem Athenagoras, über den wir als Person kaum etwas wissen, schrieb. Rankin führt kursorisch in die griechisch-christliche Apologetik des 2. Jahrhunderts wie auch allgemein in die Auseinandersetzung der christlichen Apologeten mit der griechisch-römischen Philosophie ein. Athenagoras wird in Athen und hier im mittelplatonischen Milieu verortet. Athenagoras' zwei Werke Legatio und De Resurrectione werden zwar nicht vorgestellt, aber die Frage nach der sehr umstrittenen Authentizität von letzterem diskutiert und mit einem 'not proven' beantwortet (11). Damit gehört das Werk für Rankin zunächst einmal zum athenagorianischen Corpus, weil die Beweislast bei denen liege, die das Werk, das im zehnten Jahrhundert Athenagoras zugeschrieben wurde, aus dem Corpus herausnehmen wollen. Ebenfalls im ersten Kapitel werden noch in Unterkapiteln - deren Abfolge nicht einleuchtet - philosophische bzw. biblische Einflüsse auf die Werke, Forschungslage, philosophischer Rahmen der Werke und Zielsetzung der Monographie vorgestellt.

Kapitel zwei "Athenagoras' corpus: one lump or two?" (17-40) diskutiert die wichtige Frage nach der Authentizität von De Resurrectione. Neben der erwähnten handschriftlichen Zuschreibung aus dem 10. Jahrhundert erwähnt auch Athenagoras in seiner Legatio einen logos zur Wiederauferstehung (17). Bis zur Infragestellung der Authentizität durch Michael Grant in den 1950er Jahren dienten diese Zeugnisse als Grundlage für die Annahme der Autorenschaft des Athenagoras. Rankin leitet seine Diskussion mit der Behauptung ein, dass eine endgültige Klärung aus dem vorliegenden Material sicher nie abschließend zu erzielen sei. Seine weitergehende Argumentation ist etwas verwirrend, da er die Beweislast bei denjenigen sieht, die gegen eine Autorenschaft des Athenagoras argumentieren, gleichzeitig aber ausführt, dass diese eigentlich die stärkeren Argumente haben (18). Neben den erwähnten externen Evidenzen für eine Autorenschaft ist De Resurrectione auch philologisch, philosophisch und theologisch mit der Legatio von beiden Seiten, Befürwortern einer Autorenschaft wie auch Gegnern, untersucht worden. Rankin bietet einen selektiven Überblick über die Argumente, indem er Beiträge von Bernard Pouderon als Befürworter und Nicole Zeegers-Vander Vorst als Gegnerin anführt (18-23). Das führt ihn zu einem ausführlichen Überblick der beiden Werke, untergliedert in Datierung, Funktion, Genre, rhetorische Struktur, Ziel des Werkes und Argumentation (23-40).

Im dritten Kapitel "Athenagoras and contemporary theological and philosophical conversations" (41-71) rekurriert Rankin vor allem auf die Legatio und lokalisiert Athenagoras im theologisch-philosophischen Kontext seiner Zeit. Stark textorientiert, aber knapp und souverän führt Rankin hier in die ihm geläufigen frühchristlichen Diskussionen zum kerygma ein (42-48). Stärker auf Sekundärliteratur basierend, aber sehr ausführlich und dem Charakter der Legatio genügend Raum bietend, erweitert Rankin dann den Blick, um Athenagoras in den Kontext des Mittelplatonismus zu stellen, ohne aber andere philosophische Einflüsse außen vor zu lassen (48-71). Deutlich wird der Charakter der Legatio als philosophisches Werk, dessen Sprache es eher in den Bereich der mittelplatonischen Literatur denn in einem primär christliche Diskurs setzt (70f).

Kapitel vier "How do we know about God? Epistemology" (73-99) diskutiert Athenagoras' Epistemologie im Kontext der antiken Konzeptionen, wie man Wissen über das Göttliche erlangen kann. Athenagoras argumentiert in seiner Legatio aus einem sowohl biblischen wie auch philosophischen - platonisch wie auch stoisch, wie Rankin ausführt - Verständnis heraus. Kapitel fünf "What do we know about God? First principles" (101-127) führt den Leser in Athenagoras' Gottesvorstellung ein: der Erschaffer-Gott und Vater ist der einzige Gott, ewig, über und jenseits von Zeit und transzendent. Dass Gott auch Vater, Sohn und Heiliger Geist ist, behandelt Rankin genauer in Kapitel sechs, in dem er auf sogenannte "Subordinate topics" (129-154) mit den Unterkapiteln "Word-Son-Jesus", "The Spirit", "The Trinity", "A Christian ethics" and "The Human Person and the Soul" zu sprechen kommt. Gerade das Thema Trinität, das zwar bei Athenagoras noch keine herausragende Bedeutung hat, ist angesichts der später folgenden trinitarischen Auseinandersetzungen bedeutsam und zeigt Athenagoras nicht nur als Philosophen, sondern auch als christlichen Theologen. Kapitel sieben "Influences on Athenagoras" (155-175) stellt einmal mehr Athenagoras in seinen philosophischen und theologischen Kontext und zeigt christliche und nichtchristliche Einflüsse auf, die auf Athenagoras gewirkt haben. Eine kurze "Conclusion" (177-181) rundet das Werk ab.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Rankins Buch einen willkommenen Überblick zu einem Autor bietet, dem drei Monographien in den letzten vierzig Jahren (Barnard 1972, Pouderon 1989 und Peglau 1999) gewidmet sind, der aber nicht zu den klassischen Feldern kirchengeschichtlicher Forschung gehört. Daher überrascht ein wenig, dass gerade bei einem solchen Gegenstand im vorliegenden Werk nicht versucht wird, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Wissenschaftliche Literatur wird nur selektiv herangezogen - z.B. simplifiziert Rankin die Diskussion um die Authentizität, indem er sich im Wesentlichen auf einen Aufsatz von Pouderon und einen von Zeegers-Vander Vorst bezieht. Gallicets Aufsätze von 1976 und 1977 zu diesem Thema fehlen ganz wie auch ein (170 Seiten starker) Aufsatz von Zeegers-Vander Vorst zu De Resurrectione von 1995; Lonas Beitrag zur Authentizität von 1990 und Runias von 1992 erscheinen zwar im Literaturverzeichnis, werden aber nicht diskutiert. Die Kriterien für den selektiven Gebrauch der Forschungsliteratur erschließen sich nicht. Ebenso ist die Logik, warum Rankin De Resurrectione weiterhin als genuines Werk des Athenagoras ansieht, obwohl er Zeegers-Vander Vorsts Argumente für überzeugender hält, nicht nachzuvollziehen. Schlicht unverständlich ist das Fehlen von Markus Peglaus Monographie Die 'Presbeia' des Athenagoras im Spannungsfeld zwischen ἀρχαία φιλοσοφία und καινή διδαχή. Eine Untersuchung zum apologetischen Spektrum im späten zweiten Jahrhundert, Dresden 1999, die Rankin in Kapitel drei - aber auch in anderen Kapiteln - zu einer intensiveren Auseinandersetzung von Athenagoras' Bemühen um Harmonisierung von heidnischer Philosophie und christlichem Glauben gezwungen hätte. Weiterführende Referenzangaben sind unausgewogen verteilt und eher spärlich, und auch das Literaturverzeichnis bleibt übersichtlich.

Das Buch richtet sich also als Einführung an den Nichtfachmann - den interessierten Studenten oder Dozenten. Diesem Zielpublikum hätte Rankin aber eine Lektüre vereinfachen können, wenn er im ersten Kapitel eine historische Einordnung von Werk und Person des Athenagoras geboten hätte: Die antiken Personen oder Werke, die Rankin nennt (z.B. Plutarch, Justin, Tertullian, Origenes etc.), werden nicht vorgestellt oder zeitlich verortet, sondern Rankin referiert aus bekannten Darstellungen, die der Leser aber schon kennen sollte, um die angeführten Paraphrasierungen aus frühchristlichen Werken kontextualisieren zu können. Auch im zweiten Kapitel wird erst die Frage nach der Authentizität von De Resurrectione behandelt, bevor die Werke vorgestellt werden - umgekehrt hätte ein uneingeweihter Leser weit besser die Forschungsdiskussion nachvollziehen können. Der Index erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit - selbst bei den wenigen Begriffen und Namen, die aufgenommen sind - und ist damit wenig hilfreich.

So bleibt der Eindruck, dass ein gutes Projekt mit wenig Konsequenz umgesetzt wurde, da Rankin zwar eine teils detailreiche Darstellung, aber keine übersichtliche Einführung - deren wissenschaftlicher Wert zudem durch den selektiven Gebrauch der Forschungsliteratur geschmälert wird - bietet.

Volker Lorenz Menze