Rezension über:

Hans-Werner Frohn / Jürgen Rosebrock / Friedemann Schmoll (Bearb.): "Wenn sich alle in der Natur erholen, wo erholt sich dann die Natur?". Naturschutz, Freizeitnutzung, Erholungsvorsorge und Sport - gestern, heute, morgen (= Naturschutz und Biologische Vielfalt; Heft 75), Bonn: Bundesamt für Naturschutz 2009, 398 S., ISBN 978-3-7843-3975-7, EUR 29,00
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Rezension von:
Johannes Hofmeister
Institut für Physische Geographie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Hofmeister: Rezension von: Hans-Werner Frohn / Jürgen Rosebrock / Friedemann Schmoll (Bearb.): "Wenn sich alle in der Natur erholen, wo erholt sich dann die Natur?". Naturschutz, Freizeitnutzung, Erholungsvorsorge und Sport - gestern, heute, morgen, Bonn: Bundesamt für Naturschutz 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 7/8 [15.07.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/07/17375.html


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Hans-Werner Frohn / Jürgen Rosebrock / Friedemann Schmoll (Bearb.): "Wenn sich alle in der Natur erholen, wo erholt sich dann die Natur?"

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Der vorliegende Sammelband enthält Aufsätze zu den Vortragsthemen der gleichnamigen Tagung, die die Stiftung Naturschutzgeschichte in Bonn-Bad Godesberg am 5. und 6. November 2008 ausgerichtet hat. Für diese Tagung, die den Konflikt zwischen Naturschutz auf der einen und dem Freizeitverhalten in der Natur auf der anderen Seite zum Gegenstand hatte, wurde der Tagungsort Bad Godesberg keinesfalls zufällig gewählt. Schließlich war das nahe gelegene Siebengebirge für die Anfänge des organisierten Naturschutzes in Deutschland im späten 19. Jahrhundert bedeutend (25f.).

Die hier nicht alle im Einzelnen vorzustellenden Beiträge stammen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen, sodass eine Einordnung des Sammelbandes in einen disziplinären Kontext nicht eindeutig vorzunehmen ist. Es ist sehr zu begrüßen, wenn auf einer Fachtagung für eine Thematik, die im Zeitalter des "Global Change" weite Teile der Gesellschaft betrifft, Vertreter verschiedener Wissenschaften zu Wort kommen. Eine Zuordnung des Bandes zur Umweltgeschichte erscheint noch sehr nahe liegend. Die Geschichte von Umwelt- und Naturschutz, die in dieser relativ jungen Teildisziplin der Geschichtswissenschaften einen der Forschungsschwerpunkte bildet, nimmt in diesem Band den größten Raum ein. Umweltgeschichtliche Gegenstände werden im ersten Teil des Bandes behandelt, der etwa zwei Drittel des Gesamtumfangs ausmacht. Dabei war man anscheinend bemüht, eine chronologische Ordnung der Beiträge einzuhalten. Da die in den einzelnen Aufsätzen behandelten Zeiträume sich jedoch teilweise überschneiden, war dies nicht immer möglich. Die Beiträge im zweiten Teil widmen sich aktuellen Konflikten zwischen Naturschützern und Naturnutzern aus der Perspektive verschiedener Disziplinen, unter anderem der Sozial- und Planungswissenschaften. Eine wie eben beschriebene Zweiteilung wird von den Bearbeitern des Sammelbandes allerdings nicht vorgenommen.

Mehrere umwelthistorische Beiträge gewähren Einblicke in die Geschichte des Naturschutzes in Deutschland vom späten 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit, wobei die DDR allerdings keine Rolle spielt. Neben den Aktivitäten von Vereinigungen und Behörden werden insbesondere das Wirken bedeutender Persönlichkeiten auf dem Gebiet des Naturschutzes thematisiert. Im Mittelpunkt steht dabei das schon zu Zeiten der frühen Naturschutzkonzepte vorherrschende Misstrauen gegenüber der Freizeitgestaltung in der Natur, beispielsweise dem Wandern. Dieses Misstrauen und eine kritische Haltung gegenüber dem technischen Fortschritt und den zivilisatorischen Entwicklungen prägten den organisierten Naturschutz in Deutschland über viele Jahrzehnte. So bezeichnete Ernst Rudorff, einer der frühen Protagonisten des Naturschutzes, Touristen abfällig als "Reisepöbel" (42). Die "soziale Frage" in der Geschichte des deutschen Naturschutzes wird in diesem Zusammenhang von mehreren Autoren aufgegriffen, insbesondere aber im äußerst umfangreichen Beitrag von Hans-Werner Frohn. Naturschutzkonzepte waren in Deutschland über mehrere Jahrzehnte hinweg überwiegend von obrigkeitlichem Denken geprägt, und sozialpolitische Forderungen wurden zurückgedrängt. Die Natur sollte nicht allen Personen gleichermaßen zugänglich gemacht werden und Vorschriften und Verhaltensmaßregeln dominierten das naturschützerische Wirken. Diese Vorbehalte blieben auch in den ersten Jahren der Bundesrepublik noch bestehen, bevor man von offizieller Seite allmählich zu der Ansicht kam, "dass Naturschutz auch als 'Menschenschutz' zu verstehen sei." (113).

Einige Beiträge befassen sich darüber hinaus mit Naturschutzkonzepten aus anderen Ländern. Diese Beispiele aus dem Ausland zeigen, dass man dort in vielen Fällen bereits in der Vergangenheit den Naturschutz mit der Freizeitgestaltung in der Natur zu verbinden wusste, beispielsweise in den Nationalparken der USA. Da die Nationalparkkonzepte häufig eine Verknüpfung von Schutz und Nutzung der Natur vorsehen, stellen diese einen weiteren Schwerpunkt in diesem Band dar. In der Bundesrepublik Deutschland konnten Nationalparke im internationalen Vergleich erst recht spät etabliert werden. Die Vergleiche mit dem Ausland sollen offensichtlich aufzeigen, dass der deutsche Naturschutz einen vermeintlichen Sonderweg gegangen ist, in dem auch eine der Ursachen für heutige Naturnutzungskonflikte zu sehen ist.

Im zweiten Teil des Sammelbandes geht es um eine Bestandsaufnahme des heutigen Verhältnisses zwischen Naturschutz und dem Freizeitverhalten in der Natur, dessen Erscheinungsformen vielfältig sind und einem stetigen Wandel unterliegen. Hierin werden unter anderem die Vorstellungen und Erwartungen der jeweiligen Interessengruppen dargelegt, wobei auch die Umweltwahrnehmung aus psychologischer Perspektive berücksichtigt wird. Mit diesen Erkenntnissen können Lösungswege erarbeitet werden, welche die unterschiedlichen Interessengruppen an einen Tisch bringen und Kompromisse ermöglichen sollen. Hierbei wird das Instrument der (Umwelt-)Planung hervorgehoben.

Im heutigen Deutschland herrscht die ambivalente Situation vor, dass verschiedene Freizeitaktivitäten häufig eine intakte Natur fordern, aber gleichzeitig einen großen Druck auf die Natur ausüben. "Die moderne Spaß- und Freizeitgesellschaft fordert von Natur und Landschaft ihren Tribut." (5), so bringt es Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, bereits im Vorwort auf den Punkt. Eine intakte Natur sollte Eingriffe des Menschen jedoch nicht völlig ausschließen. Wolfgang Haber fasst daher im abschließenden Beitrag treffend zusammen "Wir schützen nicht die Natur schlechthin, sondern zwei Naturen: Eine, die uns trägt, und eine, die uns gefällt." (386).

Den Autoren ist es zum großen Teil gelungen, die Inhalte auf verständliche Weise plausibel zu machen. Eine verständliche Sprache ist insbesondere für eine Thematik, die ein interdisziplinäres Publikum anspricht, vorteilhaft. Stellenweise wird sogar von Umgangssprache Gebrauch gemacht. Darüber hinaus enthält der Band zahlreiche Abbildungen und insbesondere im zweiten Teil auch einige Grafiken und Tabellen, für deren Verständnis allerdings Grundkenntnisse empirisch-statistischer Arbeitsmethoden nützlich sind. Im Großteil der Beiträge werden ausschließlich Forschungsergebnisse präsentiert, lediglich in einigen Aufsätzen im zweiten Teil des Bandes werden auch Methoden und Theorien vorgestellt. Allerdings erscheint die Beschränkung auf Ergebnisse besonders in den umweltgeschichtlichen Beiträgen nicht wirklich als ein Nachteil. Leider findet man kein Sachregister am Ende des Bandes, was bei der enormen Fülle an behandelten Gegenständen sinnvoll gewesen wäre.

Dieser Sammelband verdeutlicht, dass die Umweltgeschichte insbesondere für die Analyse heutiger Umweltkonflikte und zur Erklärung des heutigen Umweltverhaltens nicht nur hilfreich, sondern notwendig ist. Somit tragen diese umwelthistorischen Erkenntnisse in Kombination mit gegenwartsbezogenen Analysen weiterer Disziplinen dazu bei, Lösungen und Konzepte für aktuelle Probleme, vor allem aber für die Zukunft zu entwickeln und dabei in der Vergangenheit begangene Fehler zu vermeiden. Ein gutes Beispiel für gewinnbringende interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Johannes Hofmeister