Rezension über:

Bénédicte Savoy (Hg.): Helmina von Chézy. Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I., Berlin: Akademie Verlag 2009, XXIII + 768 S., ISBN 978-3-05-004628-0, EUR 79,80
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Rezension von:
Jochen Strobel
Institut für Germanistik, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Jochen Strobel: Rezension von: Bénédicte Savoy (Hg.): Helmina von Chézy. Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I., Berlin: Akademie Verlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 7/8 [15.07.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/07/16754.html


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Bénédicte Savoy (Hg.): Helmina von Chézy

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Kurz nach 1800 hatten Reisen nach Paris bei den Deutschen Konjunktur. Napoleons Staatsstreich vom 18. Brumaire löste ein nachrevolutionäres Frühlingserwachen bei den Anhängern der Monarchie auch in Deutschland aus. Seit Ende der 1790er-Jahre berichtete die Presse verstärkt über Kultur und Kunst in der französischen Hauptstadt, so etwa die in Jena im Verlag von Friedrich Justin Bertuch erscheinende Zeitschrift "London und Paris", aber auch Christoph Martin Wielands "Neuer Teutscher Merkur" oder das "Journal des Luxus und der Moden". Für Kunstenthusiasten besonders interessant war Paris nun aufgrund der durch Napoleon auf seinem italienischen Feldzug konfiszierten Kunstwerke.

Unter den zeitweiligen Paris-Besuchern und -Bewohnern waren Friedrich Schlegel und seine Geliebte Dorothea Veit, Wilhelm von Humboldt oder der junge Bildhauer Friedrich Tieck.

Eine weniger bekannte, dabei zu Lebzeiten geschätzte und als Schriftstellerin produktive Besucherin war Helmina von Chézy, geborene von Klenke, eine Enkelin der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerin des 18. Jahrhunderts, Anna Louisa Karsch. Im Alter von 17 Jahren bereits geschieden, siedelte sie ein Jahr später, 1801, nach Paris über. Dort hielt sie sich u.a. im Kreis um Friedrich Schlegel auf und lernte ihren künftigen zweiten Ehemann kennen, den Orientalisten Antoine-Léonard de Chézy. Zeitweilig war sie Mitbewohnerin Schlegels, zur Freundschaft kam die publizistische Kooperation: Einige Vorfassungen ihrer Texte wurden in dessen Zeitschrift "Europa" publiziert. In zwei Teilen ließ sie 1805 und 1807 ihr Werk "Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I." erscheinen. Am bekanntesten dürfte sie allerdings als Verfasserin des Librettos zu Carl Maria von Webers vorletzter Oper "Euryanthe" geworden sein. Die zahlreichen Gedichte und Erzähltexte rücken Chézy in das Umfeld einer trivialisierten, auf die Unterhaltung breiter Leserschichten gerichteten Romantik.

Eine Gruppe Studierender der drei Berliner Universitäten hat nun unter Leitung der an der TU Berlin lehrenden Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und in Kooperation mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eine kommentierte Neuausgabe des Werkes erarbeitet.

Das Paris-Buch enthält knapp 40 Impressionen, kürzere und längere Stücke heterogenster Art, die vom Reisebericht über die Bildbeschreibung bis zur Quellenpublikation und zum bloßen Inventarverzeichnis reichen, ein wahres Sammelsurium für interessierte Leser in Deutschland.

Konstitutiv ist eine aus monarchistischem Geist gespeiste Revolutionskritik, verbunden mit einem ausgemachten Napoleon-Kult, für den exemplarisch etwa folgende Passage stehen kann:

"Nie war noch ein Mensch so groß erschienen, als Napoléon, der Friedensstifter Europens, der Wiederhersteller der Religion und guten Sitten in Frankreich. Nie wird ich das beseligende Schauspiel des allgemeinen Enthusiasmus vergessen, von welchem ich Zeuge war." (8)

Tatsächlich gehören die ersten 30 Druckseiten dem Personenkult um den Kaiser. Die Kritik der Herausgeberin Bénédicte Savoy, die Autorin komme über weite Strecken nicht zur Sache, ist unbegründet: Das Lob Napoleons als eines Verwandlers der Welt muss der Bestandsaufnahmen von Kunstschätzen vorausgehen. Komplementär geht es nicht so sehr um einzelne Personen in Chézys weitläufiger Bestandsaufnahme, sondern um das "Volk", das Napoleon erst geschaffen hat. Als erstes beschreibt die Autorin die kaiserlichen Schlösser und damit jene Spuren, die Napoleon bereits bis dato im Bild der Hauptstadt hinterlassen hat.

Chézy nimmt sich viel Zeit, um die Schätze des Louvre, der Nationalbibliothek und besonders der privaten Kunstsammlungen der Stadt vorzustellen. Mit besonderer Sorgfalt beschreibt sie den in Paris gelandeten Nachlass Johann Joachim Winckelmanns, etwa eine handschriftliche Skizze zum Apoll von Belvedere.

Die Einleitung macht plausibel, dass viele Beschreibungen für das Paris der Zeit einzigartig sind, d.h., dass auch in französischer Sprache nichts Vergleichbares vorliegt. Hierzu zählt etwa die Gemäldegalerie Lucien Bonapartes, die auch Friedrich Schlegel in seiner "Europa" ausführlich beschreibt. Seine Sammelschwerpunkte lagen in der Kunst der 16. und 17. Jahrhunderts, bei Poussin, Claude Lorrain, Salvator Rosa, Velazquez und Raffael. Das längste Kapitel überhaupt ist dem Musée Napoléon gewidmet, dessen "Meisterwerke europäischer Kunstgeschichte" (522) nicht zuletzt aus Beutekunst bzw. Beschlagnahmen bestehen - doch bleibt dieser Umstand unerwähnt.

Es folgen jeweils für alle genannten Gebäude ausführliche Gemäldebeschreibungen. Dabei wird polyperspektivisch erzählt; fiktive Briefe führen zusätzliche Ich-Erzähler ein und erzeugen so eine Vielstimmigkeit, die an einen von den Editoren beinahe gänzlich unterschlagenen Prätext erinnert, an Wackenroders und Tiecks "Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders", das Muster romantischer Kunstgeschichtsschreibung überhaupt.

Sicherlich nur für eine Minderheit der Leser interessant, wissenschaftsgeschichtlich aus heutiger Sicht aber bedeutsam ist die Beschreibung der Handschriftenabteilung der Nationalbibliothek mit ihren persischen und indischen Handschriften. Die hier gebotenen Materialien stehen nicht nur im Kontext von Friedrich Schlegels orientalistischem, vor allem sanskritistischem Interesse, sondern könnten auch für die im frühen 19. Jahrhundert generell blühende deutsche Orientalistik mit ausschlaggebend gewesen sein. Leider informiert die Edition hierüber nicht.

Kunterbunt sind die weiteren Themen: Theaterszenen, der Abdruck von Hafis-Übersetzungen (ein Jahrzehnt vor Goethe!) oder auch ein Überblick über die kaiserliche Antikensammlung.

Ausführlich führt Chézy in die zeitgenössische französische Malerei ein, in die Werke Jacques-Louis Davids, Jean-Baptiste Regnaults, Fran çois-André Vincents und ihrer Schüler.

Lesenswert sind aber auch die atmosphärisch dichten Schilderungen der "guten" Gesellschaft des heraufziehenden Empire, des unter Napoleon reaktivierten Adels. Das Buch ist eine Momentaufnahme des politisch-gesellschaftlichen "Rollback" nach dem Ende der Revolution: Im beginnenden Empire stellt sich eine neue rokokohafte Tändelei ein, ein neues Modebewusstsein.

Im Kontext eines journalistischen Schreibens über Paris ist Chézys Publikation ein herausragendes Beispiel dafür, dass trotz der damals vermuteten Schwerfälligkeit des Buchmarkts das Thema für eine größere Veröffentlichung tragfähig war, nicht nur das Zeitschriftenformat füllte. In Summe handelt es sich um ein sehr ausführliches Feuilleton über das zeitgenössische kulturelle Leben in Paris. Die einmalige Bedeutung liegt aber darin, dass wohl kaum jemand sozial so gut vernetzt war, Zugang zu so vielen kunstträchtigen Gebäuden hatte wie Helmina von Chézy. Da sie mit dem Generaldirektor der Museen persönlich bekannt war, öffneten sich ihr die Türen zur "Grande Galérie" wie auch zur Antikensammlung im Louvre.

Viel Zeitkolorit stellt sich zwischen den Zeilen ein. Mit Goethes damals populär-deutschtümelndem Epos "Hermann und Dorothea" bringt die Autorin eine revolutionskritische Perspektive ein, die dem Weimarer Autor genehm gewesen sein dürfte.

Als Autorin ist Helmina von Chézy zu wenig in das Bewusstsein der Literaturhistoriker gedrungen, ist mit ihr doch ein Fall von professionellem (weiblichem) Schreiben gegeben, wie es ihre Großmutter auch zeitweilig versucht hatte: eine freie Autorschaft, markt- und honorarbezogen. Tatsächlich dürften, so räumt die Herausgeberin ein, anonym erschienene Texte Chézys noch der Entdeckung harren.

Bei aller Sorgfalt der Kommentierung fehlt leider ein Ausblick auf die Rezeption der Bände, fehlen Informationen über den Leserkreis. Auch der in seiner Ausführlichkeit den Leser ein wenig überfordernde Stellenkommentar, der de facto vielfach kleinere und größere Lexikonartikel bietet, ist mit leicht kritischer Distanz zu betrachten. Nicht selten überschreiten die ehrgeizigen Beiträge den Zweck der Verständnishilfe und holen zu einengender Interpretation aus.

Zweifellos ist die kommentierte Neuausgabe dennoch für Kunsthistoriker wie auch für alle, die sich mit dem deutsch-französischen Kulturtransfer um 1800 beschäftigen, außerordentlich bedeutsam. Sie schließt eine Lücke, die sich bei der systematischen Erforschung der Zeitschriftenlandschaft der Zeit erst auftut - geschehen ist dies etwa mit der Ausstellung zu "London und Paris" und dem zugehörigen, profunden Katalog. [1]


Anmerkung:

[1] Vgl. Wolfgang Cilleßen / Rolf Reichardt / Christian Deuling: Napoleons neue Kleider. Pariser und Londoner Karikaturen im klassischen Weimar, Berlin 2006.

Jochen Strobel