Rezension über:

Agnès Bérenger / Éric Perrin-Saminadayar (éds.): Les entrées royales et impériales. Histoire, représentation et diffusion d'une cérémonie publique, de l'Orient ancien à Byzance (= De l'archéologie à l'histoire), Paris: de Boccard 2009, 292 S., ISBN 978-2-7018-0257-2, EUR 27,00
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Rezension von:
Marco Mattheis
Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Marco Mattheis: Rezension von: Agnès Bérenger / Éric Perrin-Saminadayar (éds.): Les entrées royales et impériales. Histoire, représentation et diffusion d'une cérémonie publique, de l'Orient ancien à Byzance, Paris: de Boccard 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 7/8 [15.07.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/07/16238.html


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Agnès Bérenger / Éric Perrin-Saminadayar (éds.): Les entrées royales et impériales

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Agnès Bérenger und Éric Perrin-Saminadayar legen mit ihrem Sammelband ein Übersichtswerk über das Phänomen der Herrscherankünfte in der Antike und dem byzantinischen Mittelalter vor. Das Buch spannt dabei einen Bogen vom alten Orient bis zum späten byzantinischen Reich. Methodologisch verfolgt der Sammelband einen dezidiert komparatistischen Ansatz, um in einer diachronen Perspektive die kulturüberschreitenden Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede des Phänomens herauszuarbeiten.

Gegliedert ist der Sammelband in vier Abschnitte. Nach einer Einleitung der beiden Herausgeber (5-10) behandelt der erste Teil Herrscherankünfte im Vorderen Orient, und zwar in Ägypten (Tallet: 13-23), Mesopotamien (Butterlin: 25-46) und im achämenidischen Perserreich (Briant: 47-61). Trotz der disparaten Quellenlage in allen drei Fallstudien zeigt sich, dass der Besuch des Herrschers stets ein symbolisches Band zwischen dem Herrscher und den Städten schaffen sollte, dass die spezifischen Formen des Empfanges sich jedoch je nach Herrschaftskonzeption stark voneinander unterscheiden konnten.

Im zweiten Teil liegt der Fokus auf dem Hellenismus und dem Römischen Reich. Besonderes Gewicht wird dabei auf die konkreten Auswirkungen der kaiserlichen Präsenz für die römisch-hellenistischen Städte gelegt: auf die finanziellen und logistischen Vorarbeiten, die notwendig waren, um den Herrscher zu empfangen und zu beherbergen (Perrin-Saminadayar: 67-90), auf die unterschiedlichen Formen der Ankunft (vom Meer aus bei Haensch: 91-99) und die Auswirkungen auf die städtische Topographie (Halfmann zur Frage der kaiserlichen Munifizenz: 111-119; Høtje: 101-110 zur Aufstellung von Kaiserstatuen bei Herrscherbesuchen).

Die Beiträge im dritten Teil beschäftigen sich mit der Ankunft von Stellvertretern oder Konkurrenten des Herrschers, genauer des Statthalters (Bérenger: 123-138), des Konsuls (Mathisen: 139-156) und von Usurpatoren (Flaig: 177-185). Es zeigt sich, dass diese Gruppen sich prinzipiell an das Zeremoniell des herrscherlichen Einritts anlehnten, jedoch durch spezifische Veränderungen die Semantik des Rituals veränderten. Während die beiden Artikel von Christophe Badel (157-175) und Mikael Nichanian (187-195) über das Verhältnis von Adventus und Salutatio sowie über die Ankunft der byzantinischen Kaiser in ihrer Hauptstadt etwas aus dem thematischen Rahmen fallen, hätten Beiträge zu spätantiken Adventus von Bischöfen, Reliquien und den kaiserlichen imagines das Kapitel zweifelsohne noch bereichert.

Im vierten und letzten Teil wird der Blick auf die Dynamik der Herrscherankunft gelenkt, indem Veränderungsprozesse des Adventus in unterschiedlichen historischen Kontexten thematisiert werden. So zeigt etwa Lerou (199-221) eindrucksvoll, wie sich der Adventus in Konstantinopel unter den Komnenen (11./12. Jahrhundert) von einer Art Triumphzug in eine Bußprozession verwandelte. Neben weiteren Beiträgen zur bewussten Umgestaltung des Ankunftszeremoniells unter Nero (Sauron: 245-254) und der literarischen Gestaltung der Ankunft Gratians in Trier (Puech: 227-243) präsentiert der Aufsatz von Gabiani (255-282) einen faszinierenden Vergleich mit den Prozessionen des chinesischen Kaisers, der sich seiner Bevölkerung regelmäßig zeigen musste, dabei von dieser paradoxerweise jedoch nicht gesehen werden durfte. Abgeschlossen wird das Sammelwerk schließlich durch eine Zusammenfassung von Mireille Corbier (283-290), die noch einmal die roten Fäden der Teiluntersuchungen nachzeichnet und die Chancen, aber auch Grenzen eines weitgespannten komparatistischen Ansatzes aufzeigt.

Die einzelnen Beiträge bieten allesamt interessante Einblicke in das Phänomen der Herrscherankunft und bereichern die wissenschaftliche Diskussion. So ist etwa die von Rudolf Haensch diskutierte Ankunft des Herrschers vom Meer aus in der Forschung bisher kaum thematisiert worden. Auch die Beiträge, die sich mit Veränderungsprozessen des Adventus beschäftigen, setzen neue Impulse in der Forschungsdiskussion. Etwas kurz kommen indes die politischen Aushandlungsprozesse, die sich im Rahmen des Adventus vollzogen und häufig gerade nicht auf einer einseitigen Subordination, sondern auf Reziprozität beruhten. So überschattet am Ende die "mise en scène du pouvoir" die Aushandlungsprozesse zu stark und evoziert bei den meisten Beiträgen ein Top-Down-Modell der Herrscherankunft, das in der jüngeren Forschung zuletzt stark in Frage gezogen worden ist. [1]

Insgesamt erweist sich die große Stärke des Buches zugleich als dessen eigentlicher Schwachpunkt. Der kulturvergleichende Ansatz des Sammelbandes schließt zwar eine Lücke in der bisherigen Forschungsdiskussion, hat jedoch mit methodologischen Problemen zu kämpfen. Zunächst sind die einzelnen Fallstudien schon aufgrund ihrer Quellenbasis nur mit Abstrichen miteinander vergleichbar. Zweitens definieren die Herausgeber das Phänomen der Herrscherankunft sehr breit und verstehen unter entré royale jedwede Ankunft eines Herrschers in jedweder Form von Stadt. Ferner geht es in manchen Beiträgen des Buches (so etwa in den Beiträgen von Høtjes und Halfmann) nicht so sehr um die eigentliche Ankunft des Herrschers, sondern um seine Anwesenheit in einer Stadt - faktisch zwei völlig unterschiedliche Phänomene, die fein voneinander getrennt werden sollten. Mireille Corbier hat daher ganz richtig in ihrer Zusammenfassung geschrieben: "Sous le même nom d'entrée, le colloque a regroupé en effet des cérémonies de nature très dissemblable" (284). Daher muss die Frage gestellt werden, ob es sinnvoll ist, Phänomene zu vergleichen, die zwar morphologische Gemeinsamkeiten besitzen, sich jedoch phänomenologisch erheblich unterscheiden. Was am Ende nämlich als Ergebnis bleibt, ist nur die Erkenntnis, dass in den meisten vormodernen Gesellschaften eine ritualisierte Form der Herrscherankunft existierte, dass diese sorgfältig inszeniert wurde und das Verhältnis zwischen Herrscher und Beherrschten reflektierte. Konkretere Ergebnisse wären etwa durch eine engere Definition von Herrscherankunft oder eine stärkere thematische Fokussierung möglich gewesen.

Trotz dieser Einschränkungen leistet der Sammelband einen wichtigen Beitrag zur Forschungsdiskussion. Die einzelnen Fallstudien beleuchten zentrale Aspekte des vielschichtigen Phänomens auf dem neuesten Stand der Forschung und werden sicher wichtige Impulse für die weitere Diskussion geben. Auch die diachrone Perspektive eröffnet trotz der angesprochenen Probleme neue Perspektiven. Wer sich daher mit der Herrscherankunft als kulturellem Phänomen beschäftigt, wird diesen Sammelband mit Gewinn lesen.


Anmerkung:

[1] Etwa: Gerit Schenk: Zeremoniell und Politik. Herrschereinzüge im spätmittelalterlichen Reich (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters; Bd. 21), Köln / Weimar 2003. Siehe auch Peter Johanek / Angelika Lampen (Hgg.): Adventus. Studien zum herrscherlichen Einzug in die Stadt (= Städteforschung. Veröffentlichungen des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster. Reihe A: Darstellungen; Bd. 75), Köln / Weimar / Wien 2009.

Marco Mattheis