Rezension über:

Amélie Kuhrt: The Persian Empire. A Corpus of Sources from the Achaemenid Period, London / New York: Routledge 2007, XXX + 1020 S., ISBN 978-0-415-43628-1, GBP 190,00
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Rezension von:
Kai Ruffing
Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Kai Ruffing: Rezension von: Amélie Kuhrt: The Persian Empire. A Corpus of Sources from the Achaemenid Period, London / New York: Routledge 2007, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 7/8 [15.07.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/07/14159.html


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Amélie Kuhrt: The Persian Empire

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Nachdem Amélie Kuhrt, die "grande dame" der Achaimeniden-Forschung, bereits mit ihrer Geschichte Altvorderasiens ein Grundlagenwerk vorgelegt hatte [1], das für jeden, der sich mit der Geschichte des Raums befasst, unverzichtbar ist, lässt sie mit den hier anzuzeigenden Bänden ein weiteres Grundlagenwerk folgen, das sowohl für die Lehre als auch für die Forschung von größtem Nutzen ist und gleichsam den Gegenpart zu Pierre Briants grundlegender Monographie über die Geschichte des Achaimenidenreichs und der Ursula Weber und Joseph Wiesehöfer zu verdankenden Bibliographie zu derselben bildet. [2]

Dem Corpus, dessen erste Stärke schon in der übersichtlichen Zusammenstellung von Zeugnissen der griechisch-römischen Historiographie bzw. Literatur und Textzeugnissen aus Altvorderasien sowie von archäologischen Funden und Befunden aus beiden Bereichen besteht, ist eine profunde Einleitung vorangestellt. In derselben macht Kuhrt einige kurze Ausführungen zur Forschungsgeschichte, zur Geomorphologie der verschiedenen zum Reich gehörenden Landschaften und zur politischen Situation vor der Entstehung des persischen Weltreichs (1-5). Hierauf folgt ein Überblick über die zur Verfügung stehenden Quellengruppen und die aus ihrer Disparatheit folgenden Implikationen für die Forschung (6-15).

Das eigentliche Corpus der Quellen ist in vier Teile gegliedert. Der erste derselben ist der Vorgeschichte und der Entstehung des Reiches gewidmet und reicht bis zur Machtübernahme des Dareios und ihrer Rechtfertigung durch denselben (19-177). Der zweite Teil beschäftigt sich mit der politischen Geschichte und den Problemen ihrer Erforschung (181-465). Hier werden jeweils die Regierungen der einzelnen Herrscher von Dareios I. bis Dareios III. beleuchtet. Mit dem dritten Teil des Corpus, der sich mit den Königen und dem Königtum beschäftigt (467-665), wird der strukturgeschichtliche Teil des Werks eröffnet. Der abschließende vierte Teil thematisiert die Organisation des Reiches (667-878). Jeder der Teile ist in einzelne Kapitel und Unterkapitel, unter Umständen in mehreren Ebenen, gegliedert. Diese Feingliederung erlaubt dem Leser einen äußert schnellen und gezielten Zugriff auf das ihn jeweils interessierende Thema. Jedes Kapitel ist wiederum mit einer Einleitung versehen, die schnell und profund in die Thematik einführt und dem Leser bereits die wichtigste Forschungsliteratur an die Hand gibt. Die einzelnen Quellen werden sowohl in Bezug auf die Textwiederherstellung als auch das Textverständnis kommentiert, aber auch in Hinsicht auf möglicherweise in der Forschung divergierende Sichten. [3] Zudem erhöhen zahlreiche Querverweise in den Einleitungen sowie den Kommentaren den Nutzen. Angesichts des Reichtums des Bandes fällt es schwer, einzelne Quellenstellen, Dokumente oder archäologische Zeugnisse herauszugreifen. Ein gelungenes Beispiel der Integration von archäologischer und literarischer Überlieferung ist etwa die Behandlung von Pasargadai durch Kuhrt (87-92). Neben der einschlägigen bei Arrian fassbaren Beschreibung des Kyros-Grabs finden sich Pläne, deren Kommentierung kurz die Grabungsergebnisse resümieren, Abbildungen des Reliefschmucks, dessen Implikationen für die Reichsidee des Kyros und schließlich eine Abbildung des Grabes selbst. Die besondere Wichtigkeit der Quellen aus dem Perserreich, die dem Leser hier in einem Kontext mit den einschlägigen griechisch-römischen Quellen präsentiert werden, braucht nicht eigens betont zu werden. Ein weiteres Verdienst des Bandes ist es, gerade diese Quellen mit der jeweiligen Forschungsliteratur zur Verfügung zu stellen. Als Beispiel seien nur die astronomischen Tagebücher aus Babylonien mit ihrem Bezug zur Schlacht von Gaugamela (447-448) oder die die makedonische Machtübernahme in Ägypten aus einheimischer Sicht beleuchtenden Inschriften des Somtutefnakht und des Petosiris genannt (458-461). Ein für die Verwaltung des Reiches sowie die Wirtschaftsgeschichte der östlichen mediterranen Welt bemerkenswertes Dokument ist eine lange Abrechnung über Zölle, die von Schiffen erhoben wurde, die Handelsfahrten in das achaimenidische Ägypten unternahmen (681-703). Interesse verdienen etwa auch die Persepolis Fortification Tablets, die die achaimenidische Herrschaft über Gedrosien illustrieren (875). [4]

Den Abschluss des Corpus bilden Tafeln mit einer Liste der Achaimenidenkönige, einer chronologischen Aufstellung der wichtigsten Ereignisse, eine Liste von persischen 'Provinzgouverneuren', ferner eine Übersicht über Gewichte, Maßeinheiten und Kalendersysteme und schließlich genealogische Tafeln der Achaimenidenkönige. Ein Quellenindex sowie ein ausführlicher allgemeiner Index erschließen die Bände in vorbildlicher Weise.

Amélie Kuhrt ist mit diesem Quellencorpus ein großer Wurf gelungen. Jeder, der sich auch nur am Rande mit Belangen des Achaimenidenreichs beschäftigt, wird den Quellenband mit großem Gewinn konsultieren. Dies gilt sowohl für die Lehre als auch die Forschung, deren Leitlinien und Kontroversen in diesen von der stupenden Gelehrsamkeit der Verfasserin zeugenden Bänden im Verbund mit den einschlägigen Quellen dargelegt werden. Eine breite Rezeption ist diesem opus magnum gewiss.


Anmerkungen:

[1] A. Kuhrt: The Ancient Near East vol. I-II, London, New York 1995.

[2] P. Briant: Histoire de l'empire perse de Cyrus à Alexandre, Paris 1996 bzw. in leicht erweiterter Form P. Briant: From Cyrus to Alexander. A History of the Persian Empire, Winona Lake 2002. S.a. die von P. Briant verfassten, grundlegenden Überblicke über die jüngere Forschung zur Geschichte des Achaimeniden-Reichs BHAch 1 (http://www.achemenet.com/pdf/bhachI/ [25.02.2010]) und BHAch 2 (http://www.achemenet.com/document/Briant_BhachII.pdf [25.02.2010]); U. Weber / J. Wiesehöfer: Das Reich der Achaimeniden. Eine Bibliographie, Berlin 1996 (AMIT Erg. 15).

[3] Siehe etwa Seite 486 mit dem Kommentar zu DZc (Stele des Dareios mit Erwähnung des Baus eines Kanals zwischen dem Niltal und dem Roten Meer) Anm. 5, wo Kuhrt die verschiedenen Deutungen des Kanalbaus anführt.

[4] Zu diesem Quellenkomplex vgl. nun auch P. Briant / W.F.M. Henkelmann / M.W. Stolper: L'archive des Fortifications de Persépolis. Etat des questions et persepctives de recherches, Paris 2008 (Persika 12).

Kai Ruffing